Energiewende macht E.ON, RWE und Co. zu schaffen

Energiewende macht E.ON, RWE und Co. zu schaffen

Ursache für die Krise der deutschen Energieerzeuger wie etwa E.ON oder RWE ist weniger das Aus einstiger Gelddruckmaschinen wie die AKW Biblis und Unterweser. Vielmehr verdienen die Versorger mit ihren Kohle- und Gaskraftwerken immer weniger Geld. Die Großhandelspreise für Strom sind auch wegen des Ausbaus der Wind- und Solarenergie im Keller.

Dutzende Kraftwerke stehen auf dem Prüfstand. Ziehen die Versorger den Stecker, stehen auch Arbeitsplätze auf dem Spiel. Wenige Wochen vor der Bundestagswahl erhöhen sie den Druck auf die Politik. Einen weiteren Aufschlag könnte es in der kommenden Woche geben, wenn E.ON und RWE ihre Halbjahreszahlen vorlegen.

RWE-Chef Peter Terium spricht bereits von der "größten Branchenkrise aller Zeiten". Die Manager der Kraftwerkssparte drehen derzeit jeden Stein um. Ein weiterer Stellenabbau ist wahrscheinlich. RWE hat Kraftwerke mit einer Leistung von 10.000 Megawatt unter "kritischer Beobachtung" - ein Fünftel der gesamten Kapazität des Konzerns in Europa. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Versorger auf eine Krise mit Stilllegungen reagieren. Von 2001 bis 2004 kürzten sie die Kapazitäten um zehn Prozent - die Preise zogen anschließend an. Wegen des starken Ausbaus des Ökostroms ist der Hebel aber nicht mehr so einfach wie früher. In Deutschland stehen Anlagen mit einer Leistung von 178.000 Megawatt - 75.000 Megawatt produzieren Ökostrom. Und dieses Geschäft ist dezentral. Einen großen Teil machen etwa die Solaranlagen auf den Dächern privater Hausbesitzer aus.

Strom-Großhandelspreise so niedrig wie seit Jahren nicht

Jahrelang haben die Versorger davor gewarnt, dass nach einem Atomausstieg der Strompreis steigt. Diese Prognose ging daneben. Wegen der Überkapazitäten und der auch durch die Konjunkturkrise in Südeuropa gefallenen Großhandelspreise lohnt sich der Betrieb vieler konventioneller Anlagen nicht mehr. Mit weniger als 37 Euro je Megawattstunde sind die Preise so niedrig wie seit 2005 nicht mehr. Der in Deutschland vorrangig eingespeiste Ökostrom drängt insbesondere Gaskraftwerke aus dem Markt. Sie kommen nur noch auf einen Bruchteil ihrer früher üblichen Betriebsstunden. Verdienten Gaskraftwerke früher vor allem zur Mittagszeit ihr Geld, sorgen zu dieser Zeit nun oft die vielen Solaranlagen für Strom im Überfluss. Das Überangebot lässt die Strompreise an der Börse weiter purzeln.

"Es ist absurd, dass die Energiewende unterstützende Gaskraftwerke abgeschaltet werden müssen", sagte die Analystin der Hamburger Sparkasse Annemarie Schlüter. "Das Geschäftsmodell der Versorger ist erodiert." Besserung sei nicht in Sicht. Die Großhandelspreise in Deutschland würden noch eine ganze Weile unter 40 Euro je Megawattstunde bleiben, prognostizieren die Experten von RBC Capital Markets. Angesichts der hohen Schulden könnten E.ON und RWE zu milliardenschweren Kapitalerhöhungen greifen. Die ohnehin gefallenen Aktienkurse gerieten weiter unter Druck. Am Donnerstag waren die Papiere von E.ON und RWE so billig wie seit über zehn Jahren nicht mehr.

Kraftwerke woanders aufbauen – Schachzug oder Schnapsidee?

"Wir gehen von weiteren Kraftwerksschließungen aus, weil der Zubau von Erneuerbaren Energien sowie die Fertigstellung bereits im Bau befindlicher konventioneller Kraftwerke zunehmend die existierenden Anlagen verdängen wird", erläutert Moody's-Analyst Matthias Heck. E.ON-Chef Johannes Teyssen war vorgeprescht, womöglich bis zu 30 Anlagen stillzulegen. Der Konzern hat nun sogar erklärt, er werde vielleicht ein Kraftwerk in der Slowakei demontieren und an einem lukrativeren Standort wieder aufbauen. Die Meinungen dazu gehen auseinander. Technisch funktionsfähige Anlagen könnten weiter genutzt werden, sagt Energieexperte Heck. Mit der Ankündigung sollen die Öffentlichkeit und die Politik getestet werden, glaubt hingegen NordLB-Analyst Heino Hammann. "Das ist ein Riesenaufwand und mit hohen Kosten verbunden."

Energielobbyisten warnen einmal mehr davor, dass die Lichter ausgehen könnten. Beim Bau neuer Anlagen gebe es bereits eine Eiszeit, klagt der Branchenverband BDEW. EnBW will zudem vier Blöcke abschalten, bei E.ON stehen schon ein Dutzend auf der Abschussliste. So einfach geht das aber nicht. Da hat die Bundesregierung im Juni mit der "Reservekraftwerksverordnung" vorgesorgt. Die Stilllegung von Kraftwerken muss zwölf Monate vorher angemeldet werden und kann untersagt werden.

Versorger hoffen auf Hilfe von der Politik – Nach der Wahl

Kritiker werfen den Energieriesen vor, den Trend zum Ökostrom verschlafen zu haben. Die Energiewende habe schließlich bereits im Jahr 2000 mit dem Atomausstieg der damaligen rot-grünen Bundesregierung begonnen. Diesen wollten E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall aber kippen. Eigene Ökostromtöchter gründeten sie erst Jahre später. Ende 2011 entfielen nach Zahlen des Bundesumweltministeriums nur sieben Prozent der Ökostromkapazitäten in Deutschland auf die "Großen Vier".

Die Energiebranche setzt darauf, dass nach der Bundestagwahl die konventionellen Kraftwerke gestärkt werden. "Wir stellen jedoch fest, dass vor allem die großen Energieversorger in der aktuellen Legislaturperiode in Berlin deutlich weniger Gehör gefunden haben, als das in der Vergangenheit der Fall war", gibt Analyst Heck zu bedenken. Nach der Wahl müsse aber etwa das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) reformiert werden. Allein darauf dürften sich die Versorger aber nicht verlassen. Neben Kostensenkungen, Investitionskürzungen und Beteiligungsverkäufen seien diese auf der Suche nach neuen Geschäften. "Dies ist ein langwieriger und schwieriger Prozess, der jedoch erforderlich ist, um die Unternehmen fit für die Zukunft zu machen."

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