Die "Späte Reue" des Josef Ackermann

Diese Frage steht an diesem Donnerstag über allem. Im noblen Berliner Hotel Regent. Dort warten mehr als 50 Journalisten auf den ersten öffentlichen Auftritt Josef Ackermanns seit dem Selbstmord des Finanzvorstands des Schweizer Versicherers Zurich. Pierre Wauthier hat sich Ende August das Leben genommen. In einem Abschiedsbrief warf er Ackermann vor, ihn unter Druck gesetzt zu haben.

Die "Späte Reue" des Josef Ackermann

Die Familie erhebt Vorwürfe. Ackermann, nach seinem Ausscheiden bei der Deutschen Bank Verwaltungsratspräsident bei Zurich, nahm seinen Hut. Eine Mitverantwortung für Wauthiers Tod weist er weit von sich.

"Späte Reue" heißt das Buch seines langjährigen Sprechers und engen Vertrauten Stefan Baron, das Ackermann vorstellt. Es soll eine Nahaufnahme des einst mächtigsten - und umstrittensten - Finanzmanagers der Republik sein. Auf 300 Seiten beschreibt Baron die Rolle seines Ex-Chefs in der Weltfinanzkrise - als Berater, Erklärer und Partner der zeitweise nahe an der Verzweiflung handelnden Politiker. "Josef Ackermann lächelt sein berühmtes Joe-Lächeln" - so beginnen das Buch und die 23-minütige Rede des Porträtierten im Hotel Regent.

Ackermann wünscht sich Verständnis

"Ich hoffe, dass die Menschen die Zwänge besser verstehen, denen Unternehmensführer in einer globalen Wirtschaft ausgesetzt sind", wirbt Ackermann für seine in Misskredit geratene Zunft. Und er erhoffe sich, dass das Buch helfe, ihn "besser zu kennen und zu verstehen". So beschreibe Baron darin seinen Führungsstil und zeige, dass er "Probleme (...) damit habe, wenn um den Brei herumgeredet, die Dinge schöngefärbt oder verharmlost werden, statt sie offen und ehrlich beim Namen zu nennen".

Baron schreibt in dem Buch: "Nichts Wesentliches entgeht seinem Röntgenblick. Entdeckt er eine Schwachstelle, greift er sofort zum Telefon, um direkt und notfalls hart gegenzusteuern." Er sei kein Mikromanager, aber ein Perfektionist, der sich nur mit dem Besten zufriedengebe. "Mit tödlicher Sicherheit entdeckt er selbst die kleinsten Schwachstellen in einer Argumentation oder Vorlage und dringt so lange auf Verbesserung, bis er alles perfekt findet." Ackermann sagt, emotional werde er nur, wenn er das Gefühl habe, es werde unfair mit Menschen umgegangen, auch mit Vorstandsvorsitzenden.

Zeugen für "sachliche Gesprächskultur"

Spätestens jetzt merkt Ackermann, dass es Zeit wird, etwas zu Wauthier zu sagen. "Der Selbstmord des Finanzchefs von Zürich kam für alle überraschend", sagt der 65-Jährige. Dass er mitverantwortlich gemacht worden sei für den Suizid, müsse er allerdings mit aller Entschiedenheit zurückweisen: "Seine Anschuldigungen an meine Person sind in keiner Weise nachvollziehbar." Nie habe sich Wauthier zuvor bei irgendjemand auch nur ansatzweise über ihn beklagt. Seine wenigen beruflichen Kontakte mit dem Manager hätten sich auf den professionellen Austausch in Fragen der Rechnungslegung beschränkt. Dann nennt er Zeugen für eine "sachliche Gesprächskultur", darunter seine eigene Sekretärin.

"Allerdings habe ich auch gesagt, dass wesentliche Dinge besser werden müssen", sagt Ackermann. So habe er gewünscht, dass in einem Aktionärsbrief, für den Wauthier einen Entwurf vorgelegt habe, ein ehrliches Bild gezeigt werde "und wir nicht so tun, als ob alles zum Besten bestellt sei". Dann wiederholt er, die Menschen, die dabei gewesen seien, hätten bestätigt, dass die Gespräche immer "fair und offen" abgelaufen seien. Zurückgetreten sei er, weil es ihm nicht mehr möglich gewesen sei, seinen Auftrag mit der gebotenen Konsequenz zu erfüllen - auch weil die Familie gedroht habe, zu den Medien zu gehen.

Den Namen Wauthier nimmt Ackermann nicht ein einziges Mal in den Mund. Auch für Nachfragen steht er nicht zur Verfügung. Vom Rednerpult eilt er direkt zum Ausgang. "Was war Wauthier für ein Mensch?", ruft ihm ein Reporter nach. "Ich kenne ihn viel zu wenig, er war mir nicht unterstellt", sagt der Schweizer. Ob er mit Wauthiers Familie gesprochen habe? "Nein", sagt er und geht.