Die dunkle Seite der Macht, oder ein Segen für die Börse?

Die dunkle Seite der Macht, oder ein Segen für die Börse?

Unbestritten ist, dass der Einfluss der Maschinen wächst. Experten gehen davon aus, dass im US-Aktienhandel bereits 70 Prozent des Umsatzvolumens auf Algo-Trades zurückgeht. Hierzulande seien es 40 Prozent. Ein Überblick.

WAS IST ALGO-TRADING UND WIE FUNKTIONIERT ES?

Unter den Begriff Algo-Trading fallen alle Orders, die auf Grundlage einer mathematischen Formel - eines Algorithmus - platziert werden. In seiner einfachsten Form wird ein Computer programmiert, eine Aktie bei einem bestimmten Wert zu kaufen oder verkaufen. In der Regel sind die Formeln jedoch deutlich komplizierter. Heerscharen von Mathematikern und anderen Wissenschaftlern tüfteln an ihnen.

Ziel ist es, auf Basis historischer Kurse, volkswirtschaftlicher Statistiken oder sogar Wetter-Daten frisch einlaufende Konjunkturdaten, Unternehmensbilanzen und Schlagzeilen zu interpretieren und schnelle Kauf- oder Verkauf-Entscheidungen zu treffen. Einige Algo-Trader haben dafür den Gerste- und Sesam-Preis sogar bis ins antike Babylon ermittelt.

Hat der Computer eine Entscheidung gefällt, wird der Auftrag (Trade) meist in viele kleine aufgeteilt. Das hält die Transaktionskosten gering. Schätzungen zufolge ist das Durchschnittsvolumen eines Trades in den vergangenen Jahren um 85 Prozent zurückgegangen.

ZEIT IST GELD

Eine Variante des Algo-Trading ist der Arbitrage-Handel. Dabei scannt der Computer verschiedene Börsen, Kursanbieter und Handelsplattformen auf Preisunterschiede. Hat der Rechner ein lohnendes Objekt gefunden, feuert er in Sekundenbruchteilen Tausende von Kauf- und Verkaufsorders ab. Dadurch summieren sich selbst Kurs-Differenzen in der vierten oder fünften Nachkomma-Stelle zu erklecklichen Summen.

Bei dieser Art des Hochfrequenz-Handels (High Frequency Trading, HFT) ist Zeit im wahrsten Sinne des Wortes Geld. Um Aufträge im Takt von Mikrosekunden - dem millionsten Teil einer Sekunde - abwickeln zu können, werden Hochleistungscomputer eingesetzt. Diese stehen so nah wie möglich an den Servern der Börsenbetreiber, um die Datenübertragungszeiten zu minimieren.

WER NUTZT ALGO-TRADING?

In der öffentlichen Wahrnehmung wird Algo-Trading oft mit den als Spekulanten verschrienen Hedgefonds in Verbindung gebracht. Schwergewichte der Algo-Trading-Branche sind AHL und Winton Capital. Ersterer gehört zum weltgrößten Börsennotierten Hegdefonds Man Group.

Aber auch viele andere institutionelle Investoren setzen verstärkt auf den Computer-Handel. Allianz Global Investors wickelt nach Angaben seines Chef-Händlers Christoph Mast beispielsweise etwa 30 Prozent des Geschäfts über Algo-Trades ab. Dadurch wolle man zum einen marktbewegenden Einfluss der eigenen Orders und zum anderen Gegengeschäfte von Konkurrenten verhindern.

VORTEILE

Befürworter des Algo-Trading führen die höhere Liquidität als wichtigsten Pluspunkt an. Darunter verstehen Börsianer das Umsatzvolumen in Aktien, Anleihen oder anderen Wertpapieren. Die Idee dahinter: Je aktiver ein Wert gehandelt wird, desto realistischer ist sein Preis. Selbst größere Käufe oder Verkäufe können keinen verzerrenden Einfluss ausüben.

Zudem tragen einige Hochfrequenzhändler als "Market Maker" dazu bei, dass der Abstand zwischen Angebots- und Nachfragepreis gering ist. Sollten sich die Hochfrequenzhändler zurückziehen, werde der Abstand zwischen Angebots- und Nachfragepreis steigen - und damit die Kosten für alle Investoren, warnen Händler.

Als weiterer Vorteil des Algo-Trading gilt die geringere Gefahr menschlicher Fehler, zum Beispiel bei der Eingabe der Ordergröße oder des Verkaufspreises.

NACHTEILE

Aus Sicht von Kritikern verstärkt Algo-Trading einen Kurstrend und sorgt im Extremfall sogar für Verzerrungen. Damit leiste es der Spekulation Vorschub. Außerdem führe der Hochfrequenzhandel dazu, dass Investoren ungleich behandelt werden. Vor allem Kleinanleger haben keinen Zugang zu superschnellen Computern und können auf Nachrichten deshalb nicht so schnell reagieren wie Algo-Trader.

Darüber hinaus hat eine Serie von Pleiten, Pech und Pannen das Vertrauen in das Algo-Trading erschüttert. Prominentestes Beispiel ist der "Flash Crash" an der Wall Street von 2010. Damals lösten Computerprogramme von Hochfrequenz-Händlern eine Verkaufskaskade aus, die den US-Standardwerteindex Dow Jones binnen Minuten um rund 1000 Punkte drückte. Nach etwa einer halben Stunde war der Spuk vorbei, und der Dow fast wieder dort, wo er vor seinem Absturz gelegen hatte.

Selbst unter Algo-Tradern wachsen inzwischen die Zweifel, ob ihre Rechner stets richtig reagieren. Fünf Jahre Finanz- und Schuldenkrise haben die Kapitalmärkte durcheinandergewirbelt wie nie zuvor. Daher fällt es schwer, auf Basis historischer Daten Prognosen für die zukünftige Kursentwicklung zu treffen. Einige Algo-Trader überarbeiten daher ihre Formeln.

Börsenbetreibern stößt übel auf, dass die steigende Zahl an Orders ihre Handelssystem verstopft. Anbieter wie die Deutsche Börse haben deshalb Gebühren für exzessive Systemnutzung eingeführt. Sie wollen damit gegen "unsinnige" Handelsaufträge vorgehen, die sehr weit weg von aktuellen Marktpreisen eingestellt und deshalb nie ausgeführt werden.

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