Die Krise ist für Europas Banken noch nicht ausgestanden

Die Krise ist für Europas Banken noch nicht ausgestanden

Hohe Verschuldung auf der einen, gefährliche Risikofreude auf der anderen Seite: Europas Finanzsektor könnte wieder ins Straucheln kommen, warnen Experten.

Auch fast sechs Jahre nach dem Höhepunkt der Finanzkrise befindet sich insbesondere Europas Bankensektor einer Studie zufolge weiter in einer kritischen Situation. Weltweit habe die Branche zwar wieder recht gut Tritt gefasst, allerdings bleibe die Lage gerade in Europa angespannt, heißt es im am Sonntag in Basel veröffentlichten Jahresbericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ).

Der Handlungsbedarf sei weiter groß, um die Banken widerstandsfähiger und ihre Geschäftsmodelle langfristig tragfähig zu machen. Die BIZ ist eine Art "Bank der Zentralbanken". Doch auch als eher konservativ geltende Großinvestoren wie Pensionsfonds oder Vermögensverwalter könnten Turbulenzen auslösen. Während viele Banken immer noch ihre Wunden nach der jüngsten Krise leckten, gingen diese angesichts der weltweit niedrigen Zinsen immer höhere Risiken ein, unter Druck teils garantierte Erträge erwirtschaften zu müssen, sagte der neue Chefvolkswirt der BIZ, Hyun Song Shin, in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. "Aktuell sieht alles zwar sehr gut aus, aber es baut sich möglicherweise ein schmerzhafter und sehr zerstörerischer Umschwung auf."

Für den südkoreanischen Ökonomieprofessor und früheren Präsidentenberater in seinem Heimatland sind insbesondere die geringen Schwankungen der Notierungen an den Weltmärkten ein Warnsignal. Durch die aus seiner Sicht trügerische Ruhe werde verdeckt, dass einzelne Investoren schon heute immense Risiken aufgebaut hätten. Anders als vor der jüngsten Krise seien dieses Mal aber nicht die Banken das Problem. "Das passiert jetzt bei den anderen Spielern. Diesen schließen sich inzwischen auch eigentlich langfristig orientierte Investoren an." Deren neues Verhalten berge große Gefahren. "Wir betreten hier bis dato völlig unbekanntes Terrain."

Hohe Risiken

Deshalb dürfen nach Ansicht Shins die Bemühungen um eine umfassende Regulierung der Finanzbranche nicht bei den Banken stehen bleiben. "Wir haben die Regulierung der Banken verstärkt, aber die Risiken haben sich verändert. Wir dürfen nicht blind werden für neue Risiken." So seien Investoren inzwischen oft bereit, teils hoch riskante Wertpapiere, etwa Anleihen von Firmen mit niedrigerer oder zweifelhafter Bonität, zu zeichnen. So wurden im vergangenen Jahr weltweit pro Quartal im Schnitt riskante Unternehmensanleihen im Wert von 90 Mrd. Dollar (66,08 Mrd. Euro) emittiert, die reißenden Absatz fanden. Vor der Krise waren es pro Quartal im Schnitt 30 Mrd. Dollar.

Um durch die Jagd der Investoren nach Rendite entstehenden Spekulationsblasen entgegenzuwirken - etwa an den in vielen Ländern angespannten Immobilienmärkten - sprach sich Shin für staatliche Gegenmaßnahmen aus. In vielen Industrienationen seien die Behörden mit dem Einsatz solcher Mittel zu zurückhaltend. Länder wir Südkorea oder die Stadtstaaten Hongkong und Singapur hätten dagegen sehr gute Erfahrungen damit gemacht, sagte Shin, der vor einigen Jahren in seinem Heimatland an der Einführung entsprechender Instrumente beteiligt war. "Die Zurückhaltung liegt auch daran, dass diese Instrumente kaum erprobt worden sind in den Industrienationen." Den Entscheidungsträgern seien die Möglichkeiten, die sie hätten, oft kaum bekannt. "Da ist noch einiges zu tun."

Starke Verschuldung

Gerade in Europa ist vor allem die hohe Verschuldung der Institute weiter ein Risiko, heißt es von der BIZ. Allerdings räumen die Experten ein, dass die Institute in der Eurozone zuletzt im Zusammenhang mit dem laufenden Bilanzcheck der Europäischen Zentralbank (EZB) diese Probleme verstärkt angingen. Die Institute machten nun anscheinend Ernst damit, in ihren Bilanzen aufzuräumen und Problemanlagen abzuschreiben.

Die neue Leiterin der bei EZB angesiedelten Bankenaufsicht, Daniele Nouy, kündigte den Kreditinstituten einen "harten" Stresstest an. "Es ist nicht so einfach, uns auszutricksen", sagte die Französin dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Die europäische Bankenaufsicht in Frankfurt am Main befindet sich erst im Aufbau, Kritiker halten sie daher nur für eingeschränkt schlagkräftig. "Im November, wenn wir offiziell die Aufsicht über die Banken des Euroraums übernehmen, sind wir startklar. Die Hälfte der Mannschaft ist bereits eingestellt", betonte Nouy.

Test auf Krisenfestigkeit

Vorher testet die Behörde die wichtigsten Banken in einem sogenannten Stresstest auf Herz und Nieren. Die Geldhäuser müssen darlegen, wie sich extreme Krisenszenarien auf ihre Bilanz auswirken. Die Ergebnisse sollen im November veröffentlicht werden, eine erste Phase ist bereits abgeschlossen. "Die Zahlen werden noch ausgewertet. Ich habe noch kein umfassendes Bild", sagte Nouy dem "Spiegel". Stichtag für den Test sind die Daten von Ende 2013. Die Behördenchefin räumte daher ein, dass aktuelle Entwicklungen sich darin möglicherweise nicht widerspiegeln. Künftig solle es jedoch ein Mal im Jahr einen solchen Bilanzcheck geben. "Aber nicht genauso umfangreich wie dieses Mal", schränkte Nouy ein.

Außerhalb des Euro-Raums - vor allem in den USA - haben sich die Gewinne der Banken im vergangenen Jahr laut dem BIZ-Bericht wieder deutlich verbessert. Dagegen sei in der Eurozone angesichts von Staatsschuldenkrise und der verbreitet schwierigen Konjunktur die Ertragslage trüb geblieben.

Insgesamt habe der Sektor weltweit seit der Krise seine Puffer verstärkt, indem Gewinne einbehalten wurden. Zugleich senkten die Banken ihren Bestand an Risikopositionen. Allerdings bemängelt die BIZ dabei, dass dies auch daran lag, dass die Institute einfach optimistischere Risikomodelle anwendeten. Bei der Berechnung dieser Werte forderte die Notenbanker-Institution nun erneut mehr Transparenz, um das Vertrauen in die Stabilität der Kreditinstitute zu stärken.

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