"Die Entzugserscheinungen von der Geldschwemme werden kaum zu heilen sein"

"Die Entzugserscheinungen von der Geldschwemme werden kaum zu heilen sein"

Wie groß die Furcht vor dem Ende des Billiggelds ist, zeigte sich diese Woche: Schon ein leichter Wink von US-Notenbankchef Ben Bernanke reichte aus, um die Aktienkurse auf eine Achterbahnfahrt zu schicken. In Japan, wo die Notenbank einen besonders aggressiven Kurs fährt, kam es zeitweise zu zweistelligen Abschlägen.

Die Nervosität der Anleger wirft die Frage auf, auf welchem Fundament die jüngste Rally überhaupt steht. Denn während die Börsen in den schwächelnden Industriestaaten von einem Rekordhoch zum nächsten jagen, verfinstert sich der Wachstumsausblick für die Weltwirtschaft. Bedenklich stimmt, dass viele Schwellenländer als Hoffnungsträger des globalen Aufschwungs der Börsen-Party fernbleiben.

"Wir schauen auf bizarre Aktienwelten", sagt Robert Halver, der die Kapitalmarktanalyse der Baader Bank leitet. "Langweilige", wenn auch fundamental solide Verhältnisse zählten nichts mehr gegenüber der von der Geldpolitik angeheizten Feierlaune. "Dabei muss den Notenbanken klar sein, dass schon der Einstieg in den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik zu Entzugserscheinungen führen würde, die kaum mehr zu heilen wären."

Einen Vorgeschmack darauf, welches Höchstmaß an Sensibilität beim Schließen der Geldschleusen gefragt ist, bekam Notenbankchef Bernanke am Mittwoch bei einer Anhörung vor dem US-Kongress. Nach dem Versprechen des obersten Währungshüters, den aggressiven Kurs so lange wie nötig fortzusetzen, machten sich die Leitbörsen in Deutschland und den USA zunächst zu neuen Rekordständen auf. Die große Ernüchterung folgte jedoch unmittelbar.

Die Angst geht um

Um die Anleger zu verschrecken, bedurfte es keines verbalen Paukenschlags: Bernanke hatte sich auf hartnäckiges Nachfragen eines Kongressabgeordneten lediglich schwer damit getan, eine Drosselung der milliardenschweren Anleihekäufe auszuschließen, mit denen die Notenbank die Wirtschaft stützen will. Als am Abend auch noch das Protokoll der letzten Fed-Sitzung zeigte, dass einige der Währungshüter lieber früher als später einen Gang herunter schalten wollen, kippte die Stimmung an den Märkten endgültig. "Die Angst vor einem Ende der Geldflut geht um", bilanzierte Analyst Wolfgang Albrecht von der Landesbank Baden-Württemberg.

Wird an den Aktienmärkten nur noch die Hoffnung auf eine ungebremste Liquiditätsschwemme gehandelt und nicht mehr die Aussicht auf den konjunkturellen Aufschwung? Fest steht: Der wirtschaftliche Ausblick gibt keinen Anlass zur Euphorie. So hat beispielsweise der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft jüngst gesenkt. Statt eines Plus von 3,5 Prozent ergibt sich für 2013 nun nur noch eines von 3,3 Prozent. Ausschlaggebend dafür waren in erster Linie verschlechterte Perspektiven für die angeschlagene Eurozone und die USA - ausgerechnet Regionen, wo die Börsen zuletzt haussierten.

Schwellenländer-Märkte dümpeln vor sich hin

Der Eindruck, dass vor allem die ultralockere Geldpolitik der führenden Notenbanken die Investoren bei Laune hält, verfestigt sich auch beim Blick auf die Schwellenländer. Sie haben das weltweite Wachstum in den letzten Jahren entscheidend angetrieben. Doch anders als in den überwiegend hoch verschuldeten und wachstumsschwachen Industriestaaten dümpeln die meisten Aktienmärkte dort vor sich hin. Der für die aufstrebenden Volkswirtschaften maßgebliche Sammelindex "MSCI Emerging Markets" ist seit Jahresbeginn sogar leicht gesunken.

"Die Stars in der Aktienmanege sind nicht die Schwellenländer, die teilweise wachsen wie Deutschland in seinen Wirtschaftswunderjahren und die im Vergleich zur westlichen Welt fast waisenhaft geringe Verschuldungen haben", sagt Baader-Experte Halver. "Die neuen Helden am Aktienmarkt sind die Outlaws, die stabilitätslosen Länder des Westens, die reformrenitenten Euro-Länder, die verschuldungseuphorischen USA und Japan."

OECD fordert von der EZB noch mehr

Die Industriestaaten-Organisation OECD verteidigte derweil die extrem lockere Geldpolitik in vielen Ländern und fordert von der EZB notfalls noch mehr Einsatz im Kampf gegen die Krise. Sollte sich die wirtschaftliche Lage in Europa nicht bessern, "muss auch die EZB bereit sein, eine noch aktivere Rolle zu spielen", sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurria dem "Tagesspiegel" (Montagausgabe). Die Euro-Zone hängt seit langem wegen der scharfen Sparpolitik in der Rezession fest.

Der Mexikaner Gurria verteidigte die im Vergleich mit der EZB noch wesentlich aggressiveren Maßnahmen in den USA, Großbritannien und zuletzt auch in Japan, ungeachtet der Gefahren – wie etwa mit der Flut billigen Geldes die nächsten Krisen heraufzubeschwören. So werden ja in Deutschland nicht nur die Aktienkurse sondern auch die Immobilienpreise künstlich befeuert. Gurria sagte, mit den Instrumenten der Notenbanken versuchten die Länder, wieder auf den Wachstumspfad zu kommen: "Davon wird jeder etwas haben."

Japan zum Beispiel kombiniert derzeit die lockere Geldpolitik mit hohen Staatsausgaben. "Das ist einen Versuch wert." Der Einsatz sei allerdings sehr hoch. Der deutlich abgewertete Yen hilft einerseits den exportorientierten Firmen des Landes, dafür werden aber Importe viel teurer und der ohnehin hohe Schuldenberg wird noch größer.

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