Deutsche Bank: Ein Jahr Jain/Fitschen – eine Bestandsaufnahme

Deutsche Bank: Ein Jahr Jain/Fitschen – eine Bestandsaufnahme

Besenrein wollte Josef Ackermann die Deutsche Bank an seine Nachfolger übergeben. Doch ein Jahr nach der Schlüsselübergabe wissen die beiden neuen Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen: Unter dem Teppich findet sich in Deutschlands größtem Geldhaus jede Menge Dreck.

Angesichts Dutzender Rechtsstreitigkeiten, vieler fragwürdiger Geschäfte und überzogener Boni haben sie einen "Kulturwandel" ausgerufen, der das Image der Bank vor allem in der Heimat aufpolieren soll. Kundenorientierung statt Profitmaximierung heißt die Devise. Mit alten Traditionen soll gebrochen werden. Ob das Führungsduo damit am Ende Erfolg haben wird, ist intern und extern umstritten. Das Projekt ist groß, sehr groß - vielleicht zu groß, wie manche Kritiker unken.

Ausgerechnet der Investmentbanker Jain tritt für diesen Wandel ein. Zwar hat der gebürtige Inder in den vergangenen Monaten Dutzende Berliner Politiker und Mittelständler getroffen, um zu zeigen, dass er in Deutschland angekommen ist und nicht zu den Zockern gehört, die die Branche in Misskredit gebracht haben. Zudem nimmt der 50-Jährige Deutsch-Stunden und streut in Gesprächen gerne mal deutsche Worte oder Sätze ein. Doch es gibt weiter Skeptiker. Deutsche Aktionärsvertreter setzen ihre Hoffnungen auf Fitschen, der in der heimischen Industrie und Politik bestens verdrahtet ist. So spricht sich die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) kurz vor der Hauptversammlung am Donnerstag dafür aus, den Vertrag des 64-jährigen Norddeutschen über 2015 hinaus zu verlängern. "Wir sehen Jain derzeit noch nicht als alleinigen Vorstandschef", sagt DSW-Geschäftsführer Klaus Nieding. "Während der Zeit des Kulturwandels muss Fitschen an Bord bleiben." Und dieser wird noch viele Jahre dauern - das betonen beide Chefs immer wieder.

Der Skandal um Zinsmanipulationen, die Dutzenden Hypothekenklagen in den USA, der Streit um die Pleite des Medienimperiums von Leo Kirch, die Vorwürfe von Bilanztricksereien - die Vergangenheitsbewältigung ist noch lange nicht abgeschlossen. Es werde noch mindestens bis 2015 dauern, bis die meisten Streitigkeiten beendet seien, heißt es in Finanzkreisen. Die einflussreiche Aktionärsberatung ISS, deren Empfehlung viele Fonds folgen, stellt in einem Bericht an Investoren fest: Es sei klar geworden, dass der Kulturwandel für die neuen Chefs deutlich schwieriger umzusetzen sei als gedacht.

Immer neue Meldungen über die diversen Verfahren, für die die Bank mittlerweile 2,4 Milliarden Euro zurückgelegt hat, werfen das Führungduo in der Imagekampagne zurück. Die Fälle liegen zwar alle viele Jahre zurück, kommen aber oft aus dem Kapitalmarktgeschäft, das Jain vor seinem Aufstieg an die Bankspitze geleitet hat. "Wie kann er mit dieser Vergangenheit heute glaubwürdig als Aufräumer auftreten?", fragt Dieter Hein, Bankenexperte beim Analysehaus Fairesearch. Rechtsanwalt Nieding fehlt es bislang an greifbaren Ergebnissen des Kulturwandels.

Wandel im Kleinen

Revolutionäres ist bislang tatsächlich nicht bekannt gegeben worden. Doch im Kleinen vollzieht sich durchaus ein Wandel, heißt es aus der Bank. So war Co-Investmentbanking-Chef Colin Fan neulich in Deutschland und schaute sich mal im Detail eine Postbank-Filiale an. Ein Investmentbanker in der Postbank - das hätte es bis vor Kurzem nicht gegeben, betont ein Bankinsider.

Das Institut selbst verweist als ein Beispiel für die veränderte Kultur auf neue Regeln zur Bezahlung der Vorstandsmitglieder, über die die Aktionäre abstimmen sollen. Viel stärker als früher fließen neben klassischen Ergebniszielen auch "weiche" Faktoren wie Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit in die Bonus-Berechnung ein. Zudem sind die Prämien gedeckelt und werden über Jahre gestreckt ausgezahlt - auch beim Top-Management unterhalb des Vorstands. Vieles geht auf Vorschläge einer externen Vergütungskommission unter Führung des früheren BASF-Chefs Jürgen Hambrecht zurück, die der neue Aufsichtsratschef Paul Achleitner im vergangenen Jahr eingesetzt hat. Hierfür kommt Lob von den Aktionären. "Das Konzept ist sehr überzeugend", sagt ein Fondsmanager eines der fünf größten Anteilseigner der Frankfurter Bank. "Es zeigt, dass Achleitner der Bank gut tut." Auch die Berater von ISS empfehlen den Investoren, dem Vergütungsmodell zuzustimmen.

Als "Quantensprung" wird in Finanzkreisen bezeichnet, dass sich der erweiterte Vorstand - bestehend aus Investmentbankern und Privatkundenbankern - jetzt nach langen Diskussionen auf einen einheitlichen Normenkatalog für die Bank geeinigt hat. Darin würden ethische Prinzipien festgehalten, die für die Einstellung und Beförderung der Mitarbeiter, für deren Bezahlung sowie für die einzelnen Geschäfte verbindlich seien. "Wer sich nicht daran hält, muss gehen", sagt ein Banker. In den kommenden Wochen wird dieser Wertekanon mit hochrangigen Top-Managern der Bank besprochen und dann in die individuellen Zielvereinbarungen eingebaut. "Damit ist die halbe Wegstrecke bei dem Thema erreicht", betont der Banker. Nun gehe es um die Umsetzung.

Ein wichtiges Ziel der neuen Führung ist es, den Kunden bei allen Geschäften wieder stärker in den Fokus zu rücken. Die Verlagerung des Mittelstandsgeschäfts vom Investmentbanking in die Privat- und Geschäftskundensparte ist für Aktionäre dabei ein positiver Schritt. "Da ist man viel näher dran am Kunden", lobt einer der fünf größten Anteilseigner. Die Bank betreut künftig Mittelständler bis rund 250 Millionen Euro Jahresumsatz aus den Filialen in der Region und nicht mehr zentral. Die bisher dafür zuständigen Investmentbanker werden nun ins Privatkundengeschäft integriert. "Da prallen schon unterschiedliche Kulturen aufeinander, aber das hat sich bislang ganz gut eingespielt", sagt ein Top-Banker.

Jain und Fitschen räumen auf

Diese Verlagerung ist ein Beispiel für das Aufbrechen des Spartendenkens, das sich in weiten Teilen der Deutschen Bank breit gemacht hat. "Jain und Fitschen wollen die Silos weghaben - und das machen sie rigoros", sagt ein weiterer Top-Banker. Besonders sichtbar wird das beim Umbau der Vermögensverwaltungssparte - "einer mehrjährigen Herkulesaufgabe", wie Jain immer wieder betont. Die beiden neuen Chefs führen das schwächelnde Geschäft mit reichen Privatkunden in eine Einheit mit dem Fondsgeschäft zusammen, inklusive einiger Teile des Investmentbankings. Ob die Sanierung am Ende gelingt, wird sich bis 2015 zeigen. Dann soll die neue Sparte 1,7 Milliarden Euro verdienen - zehn Mal mehr als im vergangenen Jahr, in dem die Kosten für den Umbau zu Buche schlugen.

Ob Jain beim Thema Kulturwandel seine Kritiker je überzeugen wird, steht in den Sternen. Kaum Kritik gibt es dagegen an seinen Leistungen im operativen Geschäft. Vor Kurzem zog die Bank innerhalb weniger Tage eine drei Milliarden Euro schwere Kapitalerhöhung durch und katapultierte sich damit in die Gruppe der bestkapitalisierten Institute der Welt. Jain sprach persönlich mit zahlreichen Investoren, überzeugte sie von den Zielen der Bank und sorgte so dafür, dass sich die Anleger um die Papiere rissen. "Die erfolgreiche Kapitalerhöhung hat der ganzen Bank einen Schub gegeben", sagt ein Insider. Lange wurde das Institut für die vergleichsweise schwache Kapitalausstattung kritisiert. "Das Thema ist nun gelöst", findet ein Großaktionär. Nun hoffen die Aktionäre rasch auf höhere Dividenden.

Anders als ihr Vorgänger Ackermann verzichten die beiden neuen Chefs bewusst auf markige Ertragsziele - zu häufig wurden diese in der Vergangenheit verfehlt, weil die Märkte nicht mitgespielt haben. Stattdessen haben Jain und Fitschen ein Sparprogramm aufgelegt, mit dem die Kosten bis 2015 um 4,5 Milliarden Euro sinken sollen. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Selbst die Portokosten knöpft man sich vor. Mehr als 2000 Jobs stehen konzernweit auf der Kippe, vor allem im Investmentbanking und der Vermögensverwaltung. "Hier haben wir noch einen langen Weg vor uns", sagen Banker aus mehreren Sparten übereinstimmend. Jain werde nicht müde zu betonen, dass derzeit Kostensenkungen oberste Priorität hätten. "Jains Botschaft ist klar: Einsparungen gehen vor Ertragssteigerungen." Das ist eine neue Ansage des "Regenmachers", der jahrelang den größten Teil der Einnahmen der Bank eingefahren hat. Auch eine Art Kulturwandel - wenn auch im Kleinen.

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