"Der Markt will, dass sich Europa auf eine Fiskalunion einigt"

"Der Markt will, dass sich Europa auf eine Fiskalunion einigt"

Aber selbst wenn Deutschland seinen Widerstand gegen eine Vergemeinschaftung von Schulden aufgibt und bei dem Treffen ein verbindlicher Plan vorgelegt wird, wie Europa enger zusammenrücken kann: Ein Garant für eine dauerhafte Beruhigung der Finanzmärkte und Erholung der Kurse von DAX, Euro & Co. ist dies noch lange nicht.

Kurzfristig wäre eine klare Entscheidung für "mehr Euro" der vielbeschworene große Wurf, sagt ein Aktienhändler. "Sie würde die Märkte völlig auf dem falschen Fuß erwischen. Er halte in diesem Fall einen Anstieg des DAX um bis zu 500 Punkte für möglich. Ein anderer Börsianer urteilt ähnlich: "Es wäre ein großer Schritt und die Märkte würden zwei Tage jubilieren. Aber dann käme die Ernüchterung in Form von verfassungsrechtlichen Hürden, dem Sturm der Opposition und Widerstand aus der Bevölkerung."

Was die Märkte wollen

Die Forderungen der Investoren an die Politik sind eindeutig. "Der Markt will, dass sich Europa auf eine Fiskalunion einigt", beginnt Marktanalyst Heino Ruland von Ruland Research aufzuzählen. "Zudem will er zumindest den Ansatz dafür sehen, dass ein europäischer Finanzminister die Umsetzung des Fiskalpaktes überwacht. Um die Konjunktur zu stabilisieren, braucht es nachhaltige Investitionen, die Arbeitsplätze auf Dauer schaffen. Was wir nicht brauchen, sind achtspurige Autobahnen ins Nichts. Zudem braucht der Markt eine Roadmap, die aufzeigt, welche Schritte wann als nächstes folgen."

Auch für andere Börsianer führt an der Vergemeinschaftung von Schulden kein Weg vorbei. "Grundsätzlich wäre das der richtige Weg", betont einer von ihnen. "Wir müssen uns damit anfreunden, dass wir zahlen und auch Souveränität abgeben müssen, wenn wir die Eurozone so erhalten wollen."

Die Marktreaktionen...

Doch selbst wenn die europäischen Spitzenpolitiker über ihre jeweiligen Schatten springen und einen verbindlichen Fahrplan für "mehr Europa" festzurren: Dadurch wird noch lange nicht alles gut. Der Kurs des Euro würde voraussichtlich sogar fallen, betont Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann. Gleiches gelte wohl für deutsche Staatspapiere, deren Renditen dann anzögen. "Für internationale Investoren wäre der Status von Bundesanleihen als 'sicherer Hafen' angeknackst", fügt er hinzu. Denn bei einer Vergemeinschaftung der Schulden hätten Anleger, die sich beispielsweise aus italienischen Bonds zurückziehen wollen, nicht mehr die Möglichkeit, in deutsche Titel zu wechseln. Sie müssten sich Staatspapiere außerhalb der Euro-Zone suchen.

Ein anderer Börsianer stellt sogar die Frage, ob der Gordische Knoten der Schuldenkrise überhaupt gelöst werden kann. "So lange am Markt die Überzeugung besteht, dass man mit einer Spekulation gegen Europa beziehungsweise den Euro Geld machen kann, wird es wohl kaum einen Weg der Politik geben, der überzeugend sein kann."

Was die Märkte tasächlich erwarten

Für Börsianer sind diese Überlegungen aber nichts als Gedankenspiele. Ihre Erwartungen an die Ergebnisse des EU-Schuldengipfels sind gering. "Es ist mehr als zweifelhaft, ob ein 'großer Wurf', das heißt der Schritt zu einer Fiskalunion, die diesen Namen verdient, gelingen kann", sagt Commerzbank-Experte Leuchtmann. "Zu sehr stehen dem nationale Interessen und Befindlichkeiten im Wege."

Auch die Analysten der BayernLB legen die Latte niedrig. "Wir erwarten vom Gipfel mindestens eine Einigung über einen den Fiskalpakt flankierenden Wachstumspakt und eine Stärkung der gemeinschaftlichen Bankenaufsicht als erster Schritt in Richtung einer Bankenunion."

Börse

Deutsche Bank fährt Rekordverlust ein: 6,7 Milliarden Euro

Börse

Ölschwemme bringt weltweit die Börsen auf Talfahrt

Börse

IBM wieder mit Umsatzrückgang - das 15. Quartal in Folge