"Den Schweizer Bankern steckt die Angst in den Knochen"

"Den Schweizer Bankern steckt die Angst in den Knochen"

"Den Leuten hier steckt die Angst in den Knochen", sagt ein Anlageberater bei Credit Suisse. Nachdem der Lokalrivale UBS Anfang der Woche den Abbau von 10.000 Stellen angekündigt hat, erwarten viele Mitarbeiter der Credit Suisse ähnliche Hiobsbotschaften von der eigenen Führung um Konzernchef Brady Dougan.

"Die werden wohl nachziehen müssen, und da weiß man nicht, wen es dann schließlich trifft", beschreibt der Mittfünfziger die Stimmung. In der Schweiz, wo in Vollzeitstellen gerechnet rund 110.000 Menschen bei den Geldhäusern in Lohn und Brot stehen, will UBS 2.500 Stellen streichen. Wie viele Arbeitsplätze bei Credit Suisse in der Schweiz und weltweit einem verschärften Kostensenkungsprogramm zum Opfer fallen, ist noch offen.

In der ganzen Schweiz sind 3.800 ehemalige Bankmitarbeiter arbeitslos gemeldet. Das sind wenige, aber doch 20 Prozent mehr als vor einem Jahr. Gut ein Drittel entfällt auf den Kanton Zürich, in dessen Hauptort die Großbanken ihre Zentralen haben. Rund um die Stadt sind Handels- und IT-Abteilung angesiedelt. Alarm schlagen mag das Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) des Kantons Zürich nicht. "Banker sind normalerweise gut vermittelbar und finden leicht eine Stelle", sagt Can Arikan vom AWA in Zürich. Notfalls müssten sie in andere Branchen wechseln.

"Es stellt zur Zeit niemand neue Leute ein"

Ob das auch in Zukunft so leicht gehen wird, kann bezweifelt werden. UBS-Chef Sergio Ermotti sprach diese Woche erneut davon, dass die Schweizer Finanzbranche 20.000 Arbeitsplätze verlieren dürfte. Wer also Banker bleiben will oder nichts anderes gelernt hat, hat es schwer. "Per Saldo stellt zurzeit niemand neue Leute ein", sagt Oliver Traxel, Bankenspezialist beim Personalberater Wilhelm Kaderselektion. "Die Leute merken, die Party ist vorerst vorbei, und die Ratlosigkeit ist groß". Einige stellensuchende Banker sind schon bereit, für weniger Geld zu arbeiten. "Gewisse Kandidaten rufen mich an und sagen mir, dass ich mit den Gehaltsforderungen runtergehen soll", berichtet Traxel. Im Gehaltsbereich bis 200.000 Franken (etwa 165.000 Euro) im Jahr, wo 80 Prozent der Banker angesiedelt sind, werden die Löhne sinken, ist Traxel überzeugt. Laut den Erhebungen des Bundesamtes für Statistik verdient ein Schweizer Bankangestellter im Durchschnitt rund 110.000 Franken (rund 90.000 Euro). Die Statistik zeigt auch, dass bei den Banken um die Hälfte mehr verdient wird als in anderen Wirtschaftszweigen.

Es sind nicht nur die beiden Großbanken. Auch kleinere Geldhäuser streichen, wenn auch weniger spektakulär: Da geht es mal um einige hundert wie bei der Bank Julius Bär infolge der Übernahme von Geschäftsteilen von Merrill Lynch oder um rund 50 bei der Tochter der Deutschen Bank. Die Zürcher Kantonalbank hat praktisch ein Einstellungsstopp verfügt. "Es wird schwieriger für die Leute, die bei den Großbanken ihre Stelle verlieren, etwas Neues zu finden", urteilt Denise Chervet, die Geschäftsführerin des Schweizer Bankenpersonalverband (SBPV). Dafür, dass UBS ihr kapitalintensives Investmentbanking zurückfährt, hat der Verband Verständnis. Nur sollte UBS jetzt lieber die Boni der Topmanager kürzen, mehr Teilzeitarbeit zulassen und notfalls Kurzarbeit einführen, fordert Chervet. "Klar ist, dass es zu einer einschneidenden Veränderung insbesondere im Back Office vieler Banken kommen wird", sagt der Bankenexperte Herbert Hensle von der Beratungsfirma Capgemini Consulting.

"Ein Berufsleben bleibt ohnehin niemand im Investmentbanking"

Die Leute aus dem Investmentbanking haben möglicherweise bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt als klassische Banker. In dieser Sparte sind oft Mathematiker und Ingenieure beschäftigt, die komplizierte Modelle und Derivateprodukte basteln, von denen etwa UBS-Chef Ermotti jetzt nichts mehr wissen will. Entlassene Investmentbanker werden in der klassischen Industrie und bei Versicherungen unterkommen, ist der Konjunkturexperte Ingve Abrahamsen vom Konjunkturforschungsinstitut (KOF) der ETH Zürich überzeugt. "Dort verdienen sie vielleicht weniger. Aber dafür haben sie dann wahrscheinlich auch weniger Stress." Ein ganzes Berufsleben bleibe ohnehin kaum jemand im Investmentbanking. Auch IT-Leute sollten kaum Probleme haben, eine andere Stellen zu finden. "Da habe ich überhaupt keine Bedenken. Auch wir suchen IT-Leute", sagt er. Auch der in der Region Genf wachsende Rohstoffhandelsektor sollte neue Stellen bieten können.

Doch besser schlafen kann so mancher Banken deswegen nicht. Viele haben Angst, dass sie eines Morgens vor der Tür stehen und ihre Einlasskarte nicht mehr funktioniert. "Man ist sofort verunsichert, wenn jemand das Telefon nicht abnimmt oder im E-Mail offline ist. Man fragt sich gleich, ob ein langjähriger Businesspartner nur einfach mal kurz ausgetreten ist oder ob er bereits seine Stelle verloren hat", sorgt sich ein Händler einer mittelgroßen Zürcher Bank.

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