"Das oberste Gebot ist Preisstabilität"

"Das oberste Gebot ist Preisstabilität"

"Die künftige Fed-Chefin Janet Yellen schaut sehr stark auf die Stabilisierung der Arbeitslosigkeit", sagt der Frankfurter Professor und Geldpolitik-Experte. Damit laufe die 100 Jahre alte Notenbank Gefahr, zu spät aus der Niedrigzinspolitik auszusteigen. Der Ökonom, der früher im Stab des einstigen Fed-Chefs Alan Greenspan arbeitete, weist seinem Ex-Chef eine Mitschuld am Entstehen der Immobilienpreisblase in den USA und letztlich der Finanzkrise zu.

Die Federal Reserve wurde vor fast genau 100 Jahren - am 23. Dezember 1913 - offiziell per Gesetz aus der Taufe gehoben. Was war der Anlass dafür?

Wieland: "Der Gründung der Federal Reserve ging auch damals eine große Finanzkrise voraus: die so genannte große Panik von 1907. Der Bankier JP Morgan half damals mit eigenem Geld eine größere Katastrophe zu verhüten. Seinem Beispiel folgten auch andere Banken. Als Lehre aus dieser Krise wurde dann 1913 per Gesetz die Fed ins Leben gerufen, die seither auch in Krisensituationen Liquidität bereitstellen kann."

Die US-Notenbank hat anders als die EZB ein doppeltes Mandat. Neben Preisstabilität soll sie auch Vollbeschäftigung fördern. In der Euro-Zone ist die Arbeitslosigkeit auf ein Rekordniveau gestiegen. Wäre es da nicht gut, wenn auch die EZB ein solches doppeltes Mandat hätte?

Wieland: "Das doppelte Mandat schafft auch Probleme: Nach heutigem Stand der Wirtschaftswissenschaft ist eine Zentralbank zwar langfristig in der Lage, die Inflation in Schach zu halten. Sie kann aber nicht die Erwerbslosenquote fixieren. In der längeren Frist wird die Beschäftigung von strukturellen Faktoren bestimmt, etwa wie flexibel der Jobmarkt ist. Solche Faktoren kann die Notenbank mit ihren geldpolitischen Instrumenten gar nicht beeinflussen. Für die EZB ist der Auftrag klar: Das oberste Gebot ist Preisstabilität. Das Mandat der EZB schließt nicht aus, dass auch andere Ziele verfolgt werden können, wenn das langfristige Inflationsziel gesichert ist. Diese hierarchische Aufteilung der Ziele finde ich viel sinnvoller als das Doppelmandat der Fed. Hinzu kommt, dass die EZB größere Unabhängigkeit genießt. Das Notenbank-Gesetz in den USA kann der Kongress ändern, das Statut der EZB fußt auf einem internationalen Vertrag. Den kann man in Europa nur gemeinsam verändern."

Die Fed gilt als einflussreichste Notenbank der Welt, auch wenn andere Zentralbanken wie etwa die Bank of England wesentlich älter sind. Seit wann hat die Fed diese übermächtige Rolle inne?

Wieland: "In gewisser Weise fiel ihr diese Rolle mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu. Im Bretton-Woods System diente der Dollar als Ankerwährung, und die teilnehmenden Notenbanken konnten bei der Federal Reserve Dollar zu einem festen Kurs in Gold tauschen. Mit dem Gold-Dollar-Standard wurde die US-Devise zur Reservewährung der Welt. In den 70er Jahren wurde das System dann aufgegeben. Es kam zu flexiblen Wechselkursen. Der Dollar dient jedoch weiterhin als wichtigste Reservewährung in der Welt. Das ist ein großer Bonus für die USA: Ihre Währung ist immer gefragt."

Sie waren in den 90er-Jahren bis zur Jahrtausendwende im Stab der Fed tätig. Sie kennen aus dieser Zeit auch den früheren Präsidenten der Fed, den legendären Alan Greenspan. Ist es gerechtfertigt, ihm eine gewisse Mitschuld am Entstehen der Immobilienblase in den USA und damit der Finanzkrise zuzuweisen, deren Folgen wir bis heute weltweit spüren?

Wieland: "Es ist durchaus gerechtfertigt, das zu sagen. Allerdings hatte die Fed unter seiner Führung Anfang der 90er Jahre eine sehr erfolgreiche Geldpolitik betrieben. Diese Zeit ist unter dem Begriff "Great Moderation" bekannt: Es herrschte niedrige Inflation und zugleich stabiles Wachstum. Das ist auch ihm zu verdanken. Er genoss zu dieser Zeit eine ungeheure Reputation. Im Nachhinein muss man aber sagen, dass ihm später Fehler unterliefen. Die Zinsen sind nach 2002 zu niedrig gesetzt worden. Das war einer von mehreren Beiträgen, die zu Übertreibungen bei den Immobilienpreisen geführt haben.
Greenspan hat zudem der Deregulierung der Finanzmärkte das Wort geredet. Zwar ist es grundsätzlich sinnvoll, eine übermässige Regulierung zu vermeiden, so dass sich Marktpreise möglichst frei bilden können. Doch Mängel bei der Aufsicht und den Eigenkapitalanforderungen an die Banken beförderten die Übertreibungen bei der Kreditvergabe. Zudem führte eine fehlgeleitete Anwendung von Verbriefungstechniken zur Entstehung von Klumpenrisiken. Zum Schluss wusste kaum jemand, wo sie versteckt waren."

Wie agierte Greenspan als Chef der Notenbank?

Wieland: "Aus meiner Zeit im Stab der US-Notenbank ist mir die offene Diskussionskultur im Hause in Erinnerung geblieben. Das hat mich als junger Ökonom damals sehr beeindruckt. Nach außen hin gehörte es zu Greenspans Image, dass er sich angeblich bewusst nicht klar ausdrückte. Das war natürlich ein Mittel, die Diskussion auf ihn zu konzentrieren. Trotzdem wurde er von den Marktbeobachtern in der Regel gut verstanden. Allerdings hat sich dieser Stil überlebt. Heute gibt es Pressekonferenzen des Fed-Chairman, früher gab es nicht einmal einen dürren Begleittext zu den Zinsentscheidungen. Die Fed ist unter Ben Bernanke transparenter geworden."

Der scheidende Notenbankchef Ben Bernanke hat im Kampf gegen die jüngste Finanzkrise die Bilanz der Fed mit Wertpapierkäufen und diversen Stützungsprogrammen für die Wirtschaft extrem aufgebläht. Könnte er mit seiner lockeren Geldpolitik in dieselbe Falle tappen wie Greenspan und damit die Gefahr neuer Vermögenspreisblasen heraufbeschwören?

Wieland: "Bernanke steht dafür, dass er die USA mit einer ultralockeren Politik durch eine Rezession gesteuert hat, in der Deflationsgefahr drohte. Er hat damit die Wirtschaft stabilisiert. Die Frage ist: Welche Folgen haben die seither immer noch anhaltende Niedrig-Zinspolitik, die aggressiven Anleihenkäufe und die massive Bilanzausweitung letztlich? Es ist zwar richtig, auf eine solche Krise mit der Bereitstellung von Liquidität zu reagieren. Man muss dann aber symmetrisch vorgehen und sich beim Abzeichnen von Boomphasen mit einer strafferen Geldpolitik sozusagen gegen den Wind lehnen. Das lehnte Greenspan ab, und auch Bernanke sowie seine designierte Nachfolgerin Janet Yellen sehen trotz der Erholung der US-Wirtschaft und positiver Inflationsraten derzeit immer noch die Priorität bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Wie Bernanke letztlich in die Geschichte der Notenbanker eingeht, hängt davon ab, ob der Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik rechtzeitig gelingt."

Wie fällt ihr "Zwischenzeugnis" für Bernanke aus?

Wieland: "Aus meiner Sicht hätte Bernanke längst mit dem Drosseln der Geldspritzen beginnen müssen. Dann hätte die Fed für 2014 eine Zinserhöhung ins Auge fassen können. Aber die Fed weicht von ihrem früheren Zinssetzungsverhalten ab. Wenn man sich die Prognosen der einzelnen Notenbanker zum Arbeitsmarkt und zur Inflation anschaut, müsste die sie eigentlich früher als Mitte des Jahrzehnts an Zinserhöhungen denken."

Ab Februar übernimmt voraussichtlich Janet Yellen den Chefposten von Bernanke. Sie gilt als Verfechterin einer ultralaxen Geldpolitik. Besteht die Gefahr, dass die Fed unter ihrer Führung zu lange auf dem Gaspedal bleibt?

Wieland: "Yellen orientiert sich an einfachen und nachvollziehbaren Regeln - an Leitplanken. Das bedeutet mehr Transparenz und Vorhersagbarkeit von Fed-Entscheidungen. Das ist ein klares Plus gegenüber ihrem zwischenzeitlich ebenfalls als Fed-Chairman gehandelten Konkurrenten Larry Summers. Ich habe Yellen als extrem kompetente Notenbankerin kennengelernt. Sie ist als Fed-Chefin eine sehr gute Wahl. Sie schaut allerdings sehr stark auf die Stabilisierung der Arbeitslosigkeit. Damit läuft sie Gefahr, den Ausstieg aus der Niedrigzinspolitik zu spät zu bewältigen. Dann steigt das Risiko, dass die Inflation überschießt oder es zu neuen Vermögenspreisblasen kommt."

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