Das böse Banker-Erwachen

Das böse Banker-Erwachen

Politik und Aufseher drängen seit längerem auf geringere Boni. Die Gier hat ihrer Ansicht nach dazu beigetragen, dass Banken vor der Krise zu hohe Risiken eingingen und das Finanzsystem damit beinahe zum Zusammenbruch brachten.

"Es war ein bescheidenes Jahr. Aber jeder von uns hofft oder glaubt, dass er persönlich davon nicht betroffen ist", sagt ein Londoner Investmentbanker. In der britischen Finanzmetropole gehen mehr 80 Prozent der Banker davon aus, dass sie für 2012 einen Bonus erhalten werden, wie aus einer Umfrage von eFinancialCareers hervorgeht. Rund die Hälfte erwartet sogar höhere erfolgsabhängige Zahlungen als vor Jahresfrist. Eine Erhebung an der Wall Street kam zu ähnlichen Ergebnissen.

Die Realität sieht allerdings anders aus: Laut einer Reuters-Umfrage unter hochrangigen Bankern und Beratern werden die Institute dieses Jahr rund 30 Prozent weniger Boni vergeben. Ihrer Ansicht nach werden die Geldhäuser den verbliebenen Bonus-Pool gezielter einsetzen, um die Mitarbeiter zu belohnen, die besonders gute Ergebnisse erzielt haben. Die große Zahl der Banker mit mittelmäßigen oder vergleichsweise schwachen Leistungen werden dann leer ausgehen.

Für viele Banker werde das eine schmerzhafte Erfahrung sein, glaubt Julian Lewry, der viele Jahre für die niederländischen Institute Rabobank und ABN Amro arbeitete. Er hat der Branche 2006 den Rücken gekehrt, weiß aber noch genau, wie die meisten seiner Ex-Kollegen ticken. "Man erwartet immer, dass der Bonus weiter steigen wird. Je länger man im Unternehmen ist, desto mehr wird man geschätzt."

Böse Überraschungen für Banker

Angesichts dieser Grundhaltung versuchen viele Top-Manager seit einiger Zeit, die Erwartungen ihrer Untergebenen herunterzuschrauben. "Immer wenn es eine Studie gibt, die vorhersagt, dass die Boni in diesem Jahr um X Prozent sinken werden, sorge ich dafür, dass sie jeder im Team in die Hand bekommt", erzählt einer, der im Aktienhandel in Hongkong arbeitet. "Die Bonus-Zahlungen werden geringer ausfallen als viele erwarten", ergänzt ein anderer hochrangiger Finanzmanager aus den USA.

Politik und Aufseher drängen seit längerem auf geringere Boni. Die Gier hat ihrer Ansicht nach dazu beigetragen, dass Banken vor der Krise zu hohe Risiken eingingen und das Finanzsystem damit beinahe zum Zusammenbruch brachten. Zahlreiche Großbanken haben in der Folge das Festgehalt erhöht und zahlen Boni oft zu großen Teilen in Aktien aus, die erst nach einigen Jahren eingelöst werden können. Damit soll sichergestellt werden, dass Banker nicht nur den kurzfristigen Profit im Auge haben, sondern den dauerhaften Erfolg.

Kulturwandel oder Lippenbekenntnis

Top-Manager wie Antony Jenkins von Barclays und Anshu Jain von der Deutschen Bank, die erst seit einigen Monaten an der Spitze ihrer Banken stehen, haben einen Kulturwandel angekündigt - und müssen nun bei der Bonus-Frage zeigen, dass die Ankündigungen mehr waren als Lippenbekenntnisse. Die Deutsche Bank hat sogar eine externe Kommission eingesetzt, die die Vergütungsstrukturen unter die Lupe nehmen soll.

Experten gehen davon aus, dass Jain und Jenkins mit gutem Beispiel vorangehen werden und 2012 deutlich weniger Geld einstreichen als im Vorjahr. Jain, der 2011 noch die Investmentbank von Deutschlands größtem Geldhaus leitete, verdiente im vergangenen Jahr insgesamt rund zehn Millionen Euro. Jenkins-Vorgänger Bob Diamond genehmigte sich sogar 17 Millionen Pfund (gut 21 Millionen Euro).

In diesem Jahr ist mehr Bescheidenheit angesagt, ganz aussterben werden die Sonderzahlungen aus Sicht von Insidern aber nie. Die Bonus-Kultur sei in vielen Banken tief verwurzelt, sagt der auf Arbeitsrecht spezialisierte Anwalt Graham Paul von Dundas & Wilson in London. "Die Form der Bezahlungen ist die Basis, auf der diese Banken aufgebaut wurden. Die Institute bekommen jetzt zwar überall zu hören, dass diese Herangehensweise falsch ist, aber viele glauben weiter fest daran, dass dieses Modell am besten funktioniert."

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