Crash-Geschichte – "Wenn ich 1987 etwas gelernt habe, dann Demut"

Vor 25 Jahren, am 19. Oktober 1987, brach der Dow-Jones-Index um fast 23 Prozent auf 1728 Punkte ein, der größte prozentuale Tagesverlust in der Geschichte des Index.

Crash-Geschichte – "Wenn ich 1987 etwas gelernt habe, dann Demut"

Anders als nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gab es keinen konkreten Auslöser für die Talfahrt. Nicht nur der Präsident - Ronald Reagan residierte im Weißen Haus - rätselte über die Ursachen. Reagan beteuerte, der Wirtschaft des Landes gehe es gut. Erklärungen für den Crash wurden viele bemüht. Ein Schwarzer Peter ging an die zu jener Zeit schon aktiven Handelscomputer. Der damalige Chef der New Yorker Börsenaufsicht SEC, David S. Ruder, sagte später, steigende Zinsen und ein hohes Handelsdefizit hätten zu den Massen-Verkäufen beigetragen. Der seinerzeit beliebte Programmhandel - eine Art Vorläufer des heutigen Algo-Tradings - habe aber alles noch verschlimmert.

Ein Frankfurter Aktienhändler, der seinerzeit auf dem Parkett arbeitete und heute immer noch Aktien handelt, sieht das genauso: "Schon damals haben einige gesagt: 'Mensch, jetzt schalte doch mal die Computer aus!'" Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Bremer Landesbank erinnert sich: "Der Crash war vollkommen übertrieben. Was da abgegangen war, hatte mit der Wirtschaftslage nichts zu tun. Sachlich war das einfach nicht gerechtfertigt. Es handelte sich nur um eine Überhitzung."

Bloß keine Panik!

Auf dem Börsenparkett in New York brach an jenem Montag Panik aus - eine Verkaufswelle jagte die andere. Auch im Handelssaal der Frankfurter Börse ging es hoch her: "Das war schon heftig. Ich habe nur gedacht, ich muss ein Vorbild sein für meine Händler und darf nicht in Panik ausbrechen", sagt Fidel Helmer, der jetzt Berater bei Hauck & Aufhäuser ist und der 1987 schon seit 17 Jahren an der Börse arbeitete. "Die Informationen kamen am Anfang nur spärlich rein, es ging ja vieles noch über Telefon und Telex. Ich war bis Mitternacht bei der Arbeit, um überhaupt hinterherzukommen. Manche Kollegen haben auch im Büro übernachtet", erzählt er. "Die Orderzettel wurden per Hand ausgefüllt und wir kamen mit den Verkaufsaufträgen gar nicht mehr hinterher", berichtet ein damals 26-jähriger Kollege Helmers. "Wir haben auch nicht realisiert, wie viel Kapital da vernichtet wurde", fügt er hinzu. Ein anderer Börsianer, der ein großes Aktienportfolio verwaltete, erinnert sich: "Ich ging zu meiner Freundin und sagte ihr: 'Ich glaube, ich habe heute richtig viel Geld verloren.' Danach habe ich eine Flasche Whisky aufgemacht."

Später suchten die Börsenaufseher nach Regeln, wie solche Verkaufsprogramme in die Schranken gewiesen werden können - zum Beispiel durch die heute üblichen Vola-Unterbrechungen bei hohen Kursveränderungen.

Der Traum von der Einbahnstraße nach oben

Die Ereignisse vom 19. Oktober weckten bei vielen Erinnerungen an den historischen Crash vom 28. Oktober 1929. Für die Enkel der Händler von einst war die Börse bis dahin eine Einbahnstraße nach oben gewesen. Stellvertretend für eine ganze Generation von Händlern fühlte sich der Broker Sherman McCoy in Tom Wolfes Roman "Im Fegefeuer der Eitelkeiten" schließlich als "Master of the Universe" - bis er im New Yorker Autobahnnetz die falsche Abfahrt nahm. "Wenn ich 1987 etwas gelernt habe, dann Demut", erinnert sich heute ein Händler. "Das war für mich wohl die entscheidendste Erfahrung."

McCoys reale Kollegen erholten sich übrigens rasch wieder von dem Schreck. Keine zwei Jahre später notierte der Leitindex über seinem Niveau von vor dem 19. Oktober 1987. Heute, ein Vierteljahrhundert später, steht der Index bei rund 13.500 Punkten.