Commerzbank-Chef Martin Blessing: Durchhaltevermögen und Demut

Commerzbank-Chef Martin Blessing: Durchhaltevermögen und Demut

Martin Blessings Hang zur Flapsigkeit ist nie gut angekommen in der Politik. Zu dramatisch ist Finanzminister Wolfgang Schäuble die Rettungsaktion für die Commerzbank in Erinnerung, zu schmerzhaft sind die 18 Milliarden Euro, die der Staat in die von Blessing geführte gerade fusionierte Bank stecken musste. Nun übt der im Juli 50 Jahre alt gewordene Blessing sich in ein wenig Demut - gerade als er angesichts eines Kurssprungs um fast 20 Prozent innerhalb von zwei Tagen zur Euphorie neigen könnte.

"Mir ist bewusst, dass wir den Aktionären vor allem mit den Kapitalerhöhungen viel zugemutet haben und sich nicht alles so entwickelt hat, wie wir das erwartet hatten", sagte er dem "Handelsblatt" (Freitagausgabe).

Die neue Bescheidenheit kann sich Blessing leisten, weil der große Druck erstmal weg ist. Monatelang wurde im politischen Berlin hartnäckig kolportiert, nach der Bundestagswahl werde rasch über seine Ablösung diskutiert werden. Doch in Berlin hat man mehr Geduld mit ihm als viele gedacht haben. Zurzeit gebe es "keine Wechselstimmung", heißt es in Regierungskreisen. Dass der Umbau der Commerzbank mühsam und zeitraubend sei, wisse man. Und dass die neue Regierung gleich nach der Wahl ausgerechnet die Commerzbank als drängendstes Problem ausmachen und mit Vorrang angehen wird, ist unwahrscheinlich.

"Ich bin der erste, der den Turn-around gerne früher realisieren würde, aber der Reformprozess braucht leider seine Zeit", sagt Blessing. Man müsse den Weg nun zu Ende gehen. Und vorher will der Vorstandschef nicht weichen: "Es wäre absurd, vorzeitig aufzugeben, wenn man schon den größten Teil der Strecke absolviert hat", sagte er der Zeitung. Das ist die Botschaft des Abkömmlings einer Banker-Dynastie: "Ich kann und will den Umbau der Commerzbank erfolgreich zu Ende bringen - das ist mein Ziel." Auf dem Papier passt das: Bis 2016 soll die Bank da sein, wo Blessing sie haben will, und genau so lange läuft auch sein Vorstandsvertrag.

"Ich sehe nicht, dass alles besser wird, nur weil man den Chef austauscht", sagt Bankenprofessor Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim in Stuttgart. "Wenn sie einen nehmen, der keine Ahnung vom deutschen Markt hat, wäre das der Todesstoß für die Bank."

Kompromissbereitschaft

Dabei hatte Blessing kürzlich noch einen kritischen Moment zu überstehen. Die Politik und die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat bremsten Teilnehmern zufolge, als Blessing holterdiepolter zwei der neun Vorstände loswerden wollte. Die Gewerkschafter, weil sie eben mit dem zur Disposition stehenden Arbeitsdirektor Ulrich Sieber den Abbau von 5200 Stelllen durchgefochten hatten - das verbindet. Die beiden vom Banken-Rettungsfonds entsandten Aufsichtsräte, weil ihnen die Abfindungen missfielen. Es drohte Streit. Schließlich haben sich Ulrich Sieber und sein Kollege Jochen Klösges nichts zuschulden kommen lassen und ihre Verträge gelten noch bis 2017. Andererseits begrenzt die Satzung Abfindungen auf maximal zwei Jahresgehälter. Blessing lenkte ein und begnügte sich mit einem Grundsatzbeschluss, die konkreten Personalien wurden vertagt. "Diese Kompromissbereitschaft rechnet man ihm hoch an", hieß es im Umfeld des Finanzministeriums.

Doch wie viel Einfluss hat Schäuble überhaupt noch bei der Commerzbank? "Ein ganz normaler Großaktionär" sei der Bund nun, hatte der Bankchef gesagt, als der SoFFin seine Sperrminorität aufgab und seine Beteiligung im März auf 17 Prozent reduzierte. "Blessing will den Staat möglichst schnell loswerden, um die volle Kontrolle über seine Bank zurückzugewinnen", sagt Burghof. Womöglich war das auch der Grund, warum die Commerzbank ihre Aktionäre schon um 2,4 Milliarden Euro Kapital gebeten hatte, als sie noch keine Sanierungserfolge vorzuweisen hatte. Jetzt hat er mehr Freiheit. Doch klar ist: 2014 muss Blessing liefern. Zumindest die ersten Pflänzchen müssen dann sichtbar sein, die zeigen, dass die Richtung stimmt.

Machtvakuum

An der Börse fasst man allmählich Vertrauen, dass der Umbau gelingt. Finanzchef Stephan Engels versprach den Analysten am Donnerstag, dass es keine negativen Überraschungen auf dem Weg mehr geben werde - die Aktie legte kräftig zu. Dabei hatte die Bank vorher wochenlang vergeblich Investoren in Einzelgesprächen davon zu überzeugen versucht, dass in ihr keine neuen Milliarden-Risiken mehr schlummerten. "Was sollen wir denn noch tun?" fragte ein Investor-Relations-Mann verzweifelt seinen Gesprächspartner. "So kurz vor dem Wendepunkt wäre es unsinnig, wenn er gehen würde", sagt nun Analyst Neil Smith vom Bankhaus Lampe. Auch die Experten von Exane BNP glauben jetzt, dass die Commerzbank ungeschoren durch die Bilanzprüfung ihres künftigen Aufsehers, der Europäischen Zentralbank (EZB), kommen wird.

Derzeit kann Blessing nicht einmal ein Verkauf des SoFFin-Anteils schrecken. Mit 17 Prozent könne kein strategischer Käufer etwas anfangen, argumentiert er in dem Interview. Damit der Bund ohne Verlust aussteigen kann, müsste die Aktie auf 26 Euro steigen - das wäre auch nach dem Kurssprung noch mehr als eine Verdreifachung.

Der alte Großaktionär zunehmend zahnlos, ein neuer nicht in Sicht - in diesem Machtvakuum lässt es sich arbeiten. Notfalls auch über 2016 hinaus. Blessing stellt klar, dass ein Verkauf zum Abschluss der Sanierung nicht sein Ziel ist: Die Commerzbank werde auch ihr 150-jähriges Jubiläum 2020 als "eigenständige und starke Bank für die deutsche Wirtschaft" feiern, sagt er voraus. Professor Burghof kann sich das gut vorstellen. "Für die Mittelständler ist das so wichtig. Die brauchen eine unabhängige Bank", sagt er. "Die Commerzbank ist ein wertvolles Institut für den deutschen Bankenmarkt."

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