"Besser eine gute als eine schnelle Transaktion"

Der Energiekonzern RWE muss sich sputen, wenn er seine milliardenschweren Beteiligungsverkäufe noch rechtzeitig über die Bühne bringen will.

"Besser eine gute als eine schnelle Transaktion"

Einnahmen von bis zu sieben Milliarden Euro binnen drei Jahren hat sich das Management des hoch verschuldenten Versorgers zum Ziel gesetzt. Doch mehr als die Hälfte der Zeit ist bereits verstrichen - und RWE hat erst mehrere hundert Millionen Euro unter Dach und Fach gebracht. Marktexperten verweisen darauf, dass der Konkurrent E.ON mit einem ähnlichen Programm deutlich schneller vorankommt. Vorstandschef Peter Terium hat zwar nur noch 15 Monate Zeit, aus der Ruhe bringen lassen will er sich aber nicht. Gut möglich, dass er die Ziele bald zurücknehmen muss. Den von seinem Vorgänger Jürgen Großmann zwischenzeitlich angepeilten Erlös von bis zu elf Milliarden Euro hat Terium bereits zu den Akten gelegt.

Vor Kurzem scheiterte RWE mit dem Verkauf seiner Anteile an dem hessischen Versorger Süwag. Das 78-Prozent-Paket hätte Analysten zufolge 700 bis 800 Millionen Euro bringen können. Ein Jahr lang hatte RWE mit einem Konsortium kommunaler Versorger aus mehreren Bundesländern verhandelt. Diese brachen vor wenigen Tagen die Gespräche ab, da sich die Parteien nicht auf einen Preis einigen konnten. RWE sucht zwar nun einen anderen Käufer. Auch bei weiteren kommunalen Interessenten dürfte aber wegen der hohen Verschuldung das Geld nicht locker sitzen.

Bisher nur wenige Beteiligungen verkauft

Bislang hat der Essener Konzern nur wenige Verkäufe auf den Weg gebracht: Die Abgabe des Anteils an den Berliner Wasserbetrieben an das Land Berlin soll 618 Millionen Euro bringen. Hinzu kommt die Veräußerung eines Pakets an dem saarländischen Versorger VSE für 83 Millionen Euro. Die Abgabe der Netztöchter Amprion und Thyssengas für über eine Milliarde Euro hatte RWE bereits vorher verbucht. Sie fallen nicht unter die Zielmarke.

"Das Desinvestmentprogramm von RWE hat nur begrenzt Ergebnisse gezeigt", hatte die Ratingagentur Standard & Poor's schon vor Wochen kritisiert und die Kreditwürdigkeit des Versorgers heruntergestuft. Auf RWE lasten Schulden von 34 Milliarden Euro. Zudem machen dem Konzern die Atomwende und das schwächelnde Gasgeschäft zu schaffen.

"Eigentlich nutzt das Unternehmen den Slogan 'voRWEg gehen'", sagt Thomas Deser, Fondsmanager bei Union Investment. Tatsächlich laufe der Konzern aber dem Konkurrenten E.ON in Sachen Anteilsverkäufe hinterher. Deser warnte zugleich davor, den Ratingagenturen alles recht machen zu wollen. "Wenn die ganze Welt weiß, dass RWE die Anteilsverkäufe aufgrund drohender Herunterstufungen durch die Ratingagenturen durchführt, ist es klar, dass man da nicht viel erzielen kann."

E.ON kommt mit Verkäufen schneller voran

Der Konkurrent E.ON hatte bislang mehr Erfolg. Vorstandschef Johannes Teyssen will bis Ende 2013 rund 15 Milliarden Euro einsammeln - 12,5 Milliarden hat er bereits zusammen. Zuletzt hatte er den Ferngasnetzbetreiber Open Grid Europe für 3,2 Milliarden Euro an Finanzinvestoren verkauft. RWE sucht derweil weiter für seine tschechische Gasnetztochter Net4Gas einen Käufer. Dieser könnte nach Einschätzung von Equinet 1,8 Milliarden Euro in die Kasse spülen. Mehrere Bieter haben ihren Hut in den Ring geworfen, darunter der tschechische Versorger EPH und der Finanzkonzern KKCG. Doch auch hier drohen Verzögerungen. Zuletzt stellte die tschechische RWE-Tochter einen Abschluss für Anfang 2013 in Aussicht, nachdem sie ursprünglich 2012 angepeilt hatte.

Der Verkauf sei aber schwieriger als der von Open Grid Europe, sagen Experten. "Net4Gas besteht aus einem regulierten Transportgeschäft und einem nicht-regulierten Transitgeschäft", erläutert Macquarie-Analyst Matthias Heck. "Während sich die Erträge des Transportgeschäfts sehr gut prognostizieren lassen und damit für Finanzinvestoren attraktiv sind, ist das Transitgeschäft einem langfristigen Wettbewerb mit anderen Pipelines und Flüssiggas (LNG) ausgesetzt." Der Bau neuer Röhren sowie der Transport von Flüssiggas per Schiff könnte die Auslastung der Netze schmälern. Heck verweist darauf, dass sich aber wohl auch insgesamt das E.ON-Management stärker auf eine zügige Abwicklung seines Programms konzentriert habe. RWE habe zwischendurch auch noch den Chefwechsel vollzogen. Terium steht seit Juli an der Spitze.

Bei Essener Versorger hätten auch Aktivitäten teilweise erst aus dem Unternehmensverbund herausgetrennt werden müssen, wie etwa zum Verkauf gestellte Öl- und Gasfelder der Tochter Dea, sagt Heck. Sie könnten mehrere Milliarden einbringen. Die Dea-Geschäfte verschlingen zudem hohe Investitionen, wodurch RWE bei einem Verkauf zusätzlich entlastet würde. Die Veräußerung von Lizenzen in Nordafrika gilt aber wegen der angespannten politische Lage als schwierig. Besser voran kommt RWE bei dem Verkauf der mit E.ON gegründeten britischen AKW-Tochter Horizon, für die sich der französische Atomkonzern Areva und chinesische Firmen interessieren. Horizon dürfte aber für RWE nur einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag einbringen.

RWE wird daher womöglich den Zeitrahmen für seine Verkaufspläne verlängern oder die Zielsumme abermals herabsetzen. RWE-Strategievorstand Leonhard Birnbaum hatte kürzlich bereits eingeräumt, dass Verkaufsprozesse allgemein tendenziell länger dauern. "Auch hier gilt: Wir streben im Zweifelsfall eher eine gute Transaktion im Sinne unserer Anteilseigner an als eine schnelle Transaktion", fügte er hinzu.