"Bereinung der Bank-Bilanzen findet nicht statt"

"Bereinung der Bank-Bilanzen findet nicht statt"

Im Vorjahr hatten europäische Banken angekündigt, ihre Bilanzen um mehr als 950 Mrd. Euro zu verkleinern, um die Staatsschuldenkrise zu überstehen. Das entsprach etwa drei Prozent der kumulierten Bilanzsumme. Doch seither sind die Bilanzen nur noch größer geworden.

Denn es half Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), mit Geldspritzen von über einer Billion Euro in Form dreijähriger Kredite (LTRO), ausgereicht zum Leitzins.

In den zwölf Monaten bis zum 31. Juli haben Banken der Eurozone ihre Bilanzen um sieben Prozent auf 34,4 Billionen Euro ausgeweitet, zeigen von der EZB erfasste Daten. BNP Paribas SA, Banco Santander SA, und UniCredit SpA, die größten Banken in Frankreich, Spanien und Italien, haben alle ihre Bilanzen in den zwölf Monaten bis Ende Juni vergrößert.
Der Geldsegen der EZB trug dazu bei, eine kurzfristige Kreditklemme abzuwenden. Die Abhängigkeit der Banken von der Notenbank ist in der Folge aber offenbar weiter gestiegen.

“Die Bereinigung der Bilanzen findet nicht statt, vor allem nicht in Spanien und in Italien”, sagt Simon Maughan, Bankenanalyst bei Olivetree Securities in London. “Die Tatsache, dass wir damit nicht weitergekommen sind, oder sehr langsam, legt nahe, dass der Zeitpunkt kommen wird, wo wir eine weitere Spritze der EZB brauchen, um die Kredite aus der ersten Tranche überzuwälzen, nur damit die Bilanzen italienischer Banken intakt bleiben.”

Das Dreifache des Eurozonen-BIP

Ende Juli 2011 lag die Bilanzsumme aller Finanzinstitute aus den 17 Ländern der Eurozone bei 32,2 Billionen Euro. Die Angaben stammen von der EZB. Der Wert entspricht mehr als dem Dreifachen des Bruttoinlandsprodukts der Eurozone im Vorjahr.

Analysten waren davon ausgegangen, dass die Banken größere Einschnitte vornehmen würden. Zum einen wegen der Vorgaben von Bankenaufsehern, die höhere Eigenkapitalquoten fordern. Zum anderen weil Investoren, die immer weniger davon überzeugt waren, dass Regierungen bereit oder in der Lage sind, die größten Banken vor einer Pleite zu bewahren, für Kredite höhere Renditen verlangten.

“Dank Draghi ist die vor sechs Monaten drohende, umfassende Bilanz-Schrumpfung in Europa nicht erfolgt, zumindest bislang nicht”, sagt Nikolaos Panigirtzoglou, Analyst bei JPMorgan Chase & Co. in London. “Es war das, was die Wirtschaft benötigte, zumindest auf kurze Sicht.”

Stabile Ausleihungen

Die Ausleihungen an Privathaushalte und Unternehmen im Euroraum haben sich im laufenden Jahr laut Daten der EZB stabil gehalten und sind nicht geschrumpft. Das Volumen ausgereichter Kredite lag Ende Juli bei 18,6 Billionen Euro, gegenüber 18,5 Billionen Euro Ende 2011. Die Zahl verstellt jedoch den Blick auf den Rückgang in den am stärksten von der Krise betroffenen Ländern, darunter Spanien und Griechenland. In Spanien ist die Kreditvergabe im laufenden Jahr bis Ende Juli um fünf Prozent auf 1,6 Billionen Euro zurückgegangen, zeigen Daten der spanischen Notenbank.

Die unterstützende Wirkung der außergewöhnlichen Maßnahmen, die vom Euro-System im Dezember 2011 angekündigt wurden, hätten verhindertn, dass es zu einer abrupten und ungeordneten Auflösung von Aktiva gekommen ist, hieß es Im EZB-Bericht vom September. Dies hätte gravierende Folgen für die Wirtschaft haben können, schrieb die EZB weiter. Ein EZB-Sprecher lehnte einen weiteren Kommentar ab.

Einige Banken haben die LTRO-Kredite der EZB für den Ankauf von Staatsanleihen verwendet. Panigirtzoglou von JPMorgan schätzt, dass die Bankbilanzen durch die Bondkäufe um rund 500 Mrd. Euro angeschwollen sind. Indem sie die LTRO-Gelder in Anlagen mit höherer Rendite reinvestierten, sei es den Banken möglich, jährliche Erträge von etwa 12 Mrd. Euro zu erzielen, etwa zehn Prozent der Gesamterträge. Dieser Schritt trage dazu bei, die höheren Eigenkapitalanforderungen zu erfüllen, schätzt Panigirtzoglou.

Strukturreformen bleiben vorerst aus

“Einige Banken, vor allem in Spanien und Italien, nehmen lediglich das Geld, das sie von der EZB bekommen können. Es war als kurzfristige Finanzierungsmaßnahme gedacht, um die Banken in die Lage zu versetzen, die Umsetzung struktureller Reformen zu bewältigen. Das Geld hat erfolgreich dazu beigetragen, die Finanzklemme abzuwenden. Aber das wahre Ziel, die Strukturreformen zu befördern, ist noch nicht einmal in Gang gekommen”, resümiert Maughan von Olivetree.

Gleichzeitig reißen die Probleme nicht ab: Nicht nur müssen sich die Banken etwa auf die neuen Eigenkapitalvorschriften einstellen, auch die faulen Kredite dürften krisenbedingt weiter zulegen.

Die "Top 10"-Banken mit den meisten Problemkrediten

Bloomberg hat die Banken in Europa mit den meisten Problemkrediten hervorgekramt - welch Überraschung: Die Erste Group steht ganz oben, gefolgt von der Bank Austria-Mutter UniCredit - aber auch die Commerzbank ist unter den "Top 10" vertreten.

Es folgt die Tabelle mit den Banken aus Europa, die derzeit die meisten Problemkredite haben, gemessen als Non-Performing-Loans- und Substandard-Loans Ratio im zweiten Quartal 2012:

Erste Group 11,3 Prozent

UniCredit 11,2 Prozent

Intesa Sanpaolo 10,7 Prozent

Lloyds Banking Group 9,1 Prozent

Royal Bank of Scotland 8,0 Prozent

BNP Paribas 5,7 Prozent

Societe Generale 5,3 Prozent

KBC Groep NV 5,1 Prozent

Danske Bank 5,1 Prozent

Commerzbank 4,8 Prozent

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