Banken rechnen sich ihre Bilanzrisiken schön

Banken rechnen sich ihre Bilanzrisiken schön

Kapitalnot macht Finanzvorstände erfinderisch. Als die Deutsche Bank ihre Eigenkapitalquote nach dem strengen Basel-III-Standard jüngst von sechs auf international beinahe konkurrenzfähige acht Prozent katapultierte, staunten die Experten nur kurz.

Denn der deutsche Branchenprimus hatte nicht etwa sein Kapital um ein Drittel aufgebessert. Vielmehr waren die Bilanzrisiken, die bei der Eigenkapitalquote unter dem Bruchstrich stehen, im vierten Quartal um 55 Milliarden Euro geschrumpft. Und das nicht etwa, weil die Bank nur noch braves Einlagen- und Kreditgeschäft machen würde. Knapp die Hälfte des Rückgangs geht nach Bankangaben auf Veränderungen an den internen Risikomodellen zurück. Nach Schätzungen der Experten von Credit Suisse sind es sogar drei Viertel.

Die Bank habe die Modelle feiner eingestellt, rechtfertigte Finanzvorstand Stefan Krause die Aktion. Mit der Aufstockung der Kapitalquote habe sie sich 2012 eine acht Milliarden Euro schwere Kapitalerhöhung gespart, rechnete er stolz vor. Espirito-Santo-Analyst Andrew Lim schimpfte dagegen: Die Deutsche Bank nutze solche Modelle so aggressiv wie kaum ein anderer. "Dass sie das wieder getan hat, kratzt wirklich an ihrer Glaubwürdigkeit." Krause sieht das anders: Die Konkurrenz habe da möglicherweise ein viel größeres Problem.

Wie dem auch sei: Die krassen Unterschiede im Umgang mit den risikogewichteten Aktiva (RWA), mit denen die mit Krediten und anderen Geschäften verbundenen Risiken bewertet werden, haben die Bankenregulierer alarmiert. Spätestens seit eine Studie im Auftrag des Baseler Ausschusses für Bankenaufsicht erstaunliche Ergebnisse zu Tage gefördert hat, sehen sie Handlungsbedarf. Im Handelsbuch von BNP Paribas machen die RWA gerade zehn Prozent der Bilanzsumme aus, bei der Unicredit sind es 80 Prozent. Nach Angaben einer der großen Ratingagenturen ist der Anteil der RWA an der Bilanzsumme branchenweit seit 2007 auf 35 Prozent von 65 Prozent geschrumpft. Allein mit dem Ausstieg aus riskanten Geschäften lässt sich das kaum erklären.

Deutschlands führende Bankenaufseherin Elke König, die auch dem Baseler Ausschuss angehört, ist hin- und hergerissen zwischen dem Nutzen interner Modelle und der Versuchung, in die sie die Banker bringen können: "Ich persönlich will an individuellen Risikomodellen festhalten. Denn dadurch gibt es Anreize, das Risikomanagement zu verbessern", sagte die Präsidentin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) Reuters kürzlich in einem Interview. "Aber die internen Modelle führen mitunter zu einem zu niedrigen Kapitalbedarf, dann schlägt der Vorteil um."

Auch König geht die Kreativität der Institute inzwischen zu weit: "Es muss Begrenzungen geben, wie weit ein internes Modell die Kapitaldecke aufbessern kann. Die Träume dürfen nicht in den Himmel wachsen." In Deutschland brauchen Banken die Genehmigung der BaFin, wenn sie interne Risikomodelle anwenden wollen statt des Standardansatzes, den die Aufseher vorgegeben haben.

Die Aareal Bank besserte nur durch die Umstellung vor zwei Jahren ihre Kernkapitalquote um 2,5 Prozentpunkte auf. Auch die Commerzbank änderte ihre Modelle und stopfte unter anderem damit das Kapital-Loch von fünf Milliarden Euro, das die EU-Bankenaufsicht EBA bei ihr ausgemacht hatte, ohne eine Kapitalerhöhung. Doch das könnte nach hinten losgehen. "Das ist etwas, war wir in einem schwachen Umfeld gar nicht mögen", monierte JP-Morgan-Analyst Jaime Becerril. "Wir glauben, dass die Bank ihre RWA bezüglich der Marktrisiken 2013 wird anpassen müssen." 95 Prozent davon beruhten auf internen Modellen.

Lieber einfach

Die britische Notenbank hatte schon im November gewarnt, dass die Kapitalpolster der Banken besser aussähen als sie es tatsächlich sind. Das könne das Vertrauen in die Banken wieder zerstören. JP-Morgan-Chef Jamie Dimon hatte schon 2011 der Konkurrenz vorgeworfen, sie spiele mit den Risikogewichten. Nun will der Baseler Ausschuss tiefer in die Materie einsteigen und eine weitere Studie anfertigen. Bisher sind es die nationalen Aufseher, die mehr oder weniger Freiheit zulassen können. Doch die Rufe nach einer Vereinheitlichung oder zumindest nach einer Offenlegung der Methoden werden lauter.

Manchmal hilft gegen komplizierte Zahlen-Tricksereien auch eine schlichte Kennzahl. Darauf setzt auch Elke König. Denn zu den "Basel III-"Regeln gehört auch die "Leverage Ratio". Diese einfache Verschuldungsquote war auf Druck der US-Regulierer in das Regelwerk aufgenommen worden. Die Aufseher wollen, dass die Geldhäuser sich maximal bis zum 33-Fachen ihres Eigenkapitals verschulden. Da gibt es nichts schönzurechnen - denn unter dem Bruchstrich steht hier einfach: die Bilanzsumme.

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