AT&T droht beim Sprung nach Europa blaues Wunder

AT&T droht beim Sprung nach Europa blaues Wunder

Nach Jahren der Rezession und Euro-Krise sind die einst stolzen europäischen Branchengrößen angeschlagen und zum Schnäppchenpreis zu haben. Im Visier der Amerikaner ist Branchenkreisen zufolge vor allem der britische Mobilfunkgigant Vodafone. AT&T-Investoren und Analysten wird bei dem Gedanken jedoch mulmig.

Sie fürchten, dass der US-Konzern angesichts ungewohnt aggressiver Konkurrenz und harter Regulierung in Europa selbst unter die Räder kommen könnte.

Für AT&T-Chef Randall Stephenson ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um in Europa zu investieren. Derzeit gebe es für Anbieter die "riesige Möglichkeit", zunächst die Handynetze auf den neuesten Stand zu bringen und damit dann hohe Gewinne einzufahren - ähnlich wie das in den USA bereits gelungen sei, sagt er auf einer Konferenz in Brüssel. Mit den Plänen von AT&T vertraute Banker sagen, dass der zweitgrößte US-Mobilfunker bereits den Kauf europäischer Anbieter wie Vodafone oder Telefonica durchgespielt habe. Zudem hätten die Amerikaner auch eine Auge auf den britischen Mobilfunkmarktführer EE - ein Gemeinschaftsunternehmen von Deutsche Telekom und Orange - geworfen.

Amerikanische Angst vor Wettbewerb

Nicht so schnell, bremsen einige AT&T-Investoren, und verweisen auf den unerbittlichen Wettbewerb auf dem alten Kontinent, der in Frankreich, Großbritannien oder Italien die Gewinnmargen der Betreiber schmälert. Auch die Regulierung in wichtigen Bereichen wie der Vergabe und Nutzung von Funkfrequenzen macht ihnen Bauschschmerzen. Großes Problem ist, dass in den 28 EU-Staaten 28 unabhängige Telefon-Regulierungsbehörden arbeiten - die Unterschiede sind gewaltig. Die EU-Kommission unternahm jüngst einen Vorstoß für einen einheitlichen Telekommunikationsmarkt, doch können bis zur Umsetzung noch Jahre vergehen. Stephenson hingegen hofft, dass die Auflagen in Europa bald unternehmensfreundlicher werden. Doch Experten zweifeln: "Ganz allgemein gesagt ist mir überhaupt nicht wohl bei dem Gedanken, dass sie irgendetwas in Europa unternehmen", sagt Analyst Mike Wetherington von der Investmentfirma Barrow, Hanley, Mewhinney & Strauss. Das Unternehmen hält nach Reuters-Daten 0,6 Prozent der AT&T-Titel und ist damit einer der Top-20-Investoren.

Die hiesige Mobilfunkbranche erscheint von der anderen Seite des Atlantiks gesehen unübersichtlich. Während sich in den EU-Ländern über 100 Handy-Netzbetreiber tummeln, sind es in der größten Volkswirtschaft der Welt lediglich vier. Und von denen verdienen im Prinzip nur die Platzhirsche AT&T und Verizon Wireless Geld und zwar vergleichsweise viel. Die beiden investierten frühzeitig in schnelle Netze und können den Smartphone-begeisterten Amerikanern nun hohe Preise für die Datennutzung auf Handys abknöpfen. Einer Studie der Mobilfunk-Organisation GSMA zufolge setzen die US-Anbieter voriges Jahr 69 Dollar mit jedem Kunden im Monat um - das ist weltweit Spitze. In der EU liegt die im Branchenjargon ARPU genannte Kennziffer lediglich bei 38 Dollar, in Deutschland ist es noch weniger.

Die teuren Tarife füllten über Jahre die Kassen von AT&T und Verizon. Das Geld nutzte Verizon jüngst, um Vodafone aus dem gemeinsamen US-Mobilfunkgeschäft für 130 Milliarden Dollar herauszukaufen. Mit dem rasanten Wachstum ist es in den Vereinigten Staaten aber vorerst vorbei, und da nach der geplatzten T-Mobile-USA-Übernahme 2011 eine Auslese unter den vier Mobilfunkern unwahrscheinlich scheint, wendet AT&T seinen Blick nach Europa. Die Frage ist nun: Welche Summen kann das Unternehmen, das dieses Jahr voraussichtlich 129 Milliarden Dollar umsetzt, stemmen? Die Antwort steht noch aus, doch muss die Akquisition nach Ansicht von Analysten sehr groß ausfallen, damit AT&T künftig nicht mehr so sehr vom Amerika-Geschäft abhängig ist.

Traumkandidat Vodafone

"Zur Auswahl stehen Vodafone, Vodafone und Vodafone. Es gibt kein anderes Unternehmen, dass gleichzeitig groß genug und dessen Übernahme auch politisch machbar ist", sagt Branchenexperte Craig Moffett vom Analystenhaus MoffettNathanson. Andere Telekom-Riesen in Europa gehörten zumindest teilweise noch den jeweiligen Heimatländern, weshalb AT&T bei einem Einstieg mit Regierungen verhandeln müsste.

Auch das Timing spricht für Vodafone als Übernahmeziel. Die Briten haben ihre Beteiligung am US-Mobilfunkmarkt Verizon Wireless jüngst verkauft und sind nun leichter zu verdauen. Ohne Verizon ist Vodafone Analystenschätzungen zufolge 96,5 Milliarden Dollar wert. Da ein Aufschlag üblich ist, könnte der Preis zwischen 102 und 119 Milliarden Dollar liegen, ermittelte die Investmentbank Macquarie nach einer Umfrage unter 108 Investoren. Vodafone zählt 409 Millionen Kunden in 30 Ländern. Größer ist weltweit nur China Mobile.

Resterampe Europa

Nicht alle AT&T-Investoren sind skeptisch. Einige verweisen darauf, dass europäische Telefon-Konzerne wegen der Finanz- und Eurokrise derzeit zum Schnäppchenpreis zu haben sind. "Wenn man sich eine weltweit Präsenz kaufen und nicht viel ausgeben will, ist dass die beste Möglichkeit", sagt Mario Gabelli. Sein gleichnamiger Fonds hält knapp zwei Millionen AT&T-Titel.

Das Geld für die Übernahme muss Vodafone nicht komplett aus eigener Tasche bezahlen. Nach Schätzung von UBS-Analyst John Hodulik könnten sich die Briten für eine Übernahme bis zu 72 Milliarden Dollar borgen. Wie das geht, hat Rivale Verizon vorexerziert: Um genug Geld für den Kauf der 45 Prozent von Vodafone an Verizon Wireless aufzubringen, begaben die Amerikaner Anleihen im Gesamtwert über 49 Milliarden Dollar. Die Nachfrage nach den Bonds war so hoch, dass Verizon auch 100 Milliarden Dollar hätte einsammeln können. "Der Verizon-Deal hat demonstriert, dass es viel Nachfrage nach Unternehmensanleihen guter Qualität gibt. Zum richtigen Preis ist die Größe des Bonds für den Markt kein Problem", sagt Portfoliomanager Michael Collins vom Versicherer Prudential. Konzerne könnten nun Übernahmen planen, die vorher unmöglich gewesen wären. AT&T-Chef Stephenson sieht das ähnlich. Die "atemberaubende" Anleihe-Transaktion eröffne dem Konzern neue Chancen.

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