Analysten-Stimmen zur Entscheidung Spaniens für Euro-Hilfe

Analysten-Stimmen zur Entscheidung Spaniens für Euro-Hilfe

Nach langem Widerstand wird Spanien nun doch Finanzhilfen aus den Euro-Rettungsfonds zur Rekapitalisierung seiner maroden Banken beantragen. Das südeuropäische Land soll zur Stabilisierung seiner Banken aus den Euro-Rettungsfonds bis zu 100 Milliarden Euro erhalten. Die genaue Summe und die Modalitäten der Zahlung sind aber noch unklar. Hier gesammelte Marktmeinungen zum Thema.

CHRISTIAN SCHULZ, BERENBERG BANK

"Es ist nicht auszuschließen, dass Spanien auch den großen Rettungsschirm benötigen wird. Kurzfristig besteht bereits die Gefahr, dass es zu Marktturbulenzen kommt, wenn in Griechenland keine reformfreudige Regierung zustande kommt und das Land den Euro aufgibt. Es gibt an den Märkten ohnehin eine nervöse Grundstimmung, die jederzeit in Panik umschlagen kann. Die Anleihen von Spanien und Italien werden behandelt wie toxische Papiere. Dabei wird eingepreist, dass diese Länder den Euro eventuell verlassen müssen.

Daher wird auch das Signal wichtig sein, das von dem nächsten EU-Gipfel in diesem Monat ausgeht. Wenn die europäische Führung durch Differenzen zwischen Deutschland und Frankreich gelähmt werden sollte, droht eine Panik. Dann bliebe als letzte Verteidigungslinie nur noch die EZB, die mit niedrigeren Zinsen, Liquiditätsspritzen für die Banken und mit Staatsanleihenkäufen gegensteuern könnte. Sie hat schließlich die tiefsten Taschen."

ANJA MIKUS, LEITERIN DES PORTFOLIOMANAGEMENTS UNION INVESTMENT

"Die überraschend frühe Nachricht von der geplanten Bankenkapitalisierung unter einem Hilfsprogramm verdeutlicht den Weg zur schrittweisen Vergemeinschaftung der Schulden schwacher Staaten. Die Eile, mit der die Ankündigung durchgeführt worden ist, ist der Griechenlandwahl am kommenden Wochenende geschuldet. Spanische Banken werden mit günstig geliehenem Kapital gestärkt, um das Risiko einer Einlagenflucht aus Spanien zu begrenzen. Von dieser Ankündigung profitieren Risikoassets insgesamt.

Ein großer Durchbruch ist das für die Eurozone freilich nicht. Denn ob die bestehenden Schulden und neuerlichen Hilfen eines Tages zurückgezahlt werden, hängt vom Willen und der Fähigkeit zu Reformen, Wachstum und Haushaltsdisziplin ab. Dafür überzeugende Regeln und Strukturen zu finden, käme einem Durchbruch gleich - nicht jedoch die akute Krisenhilfe auf Pump."

LARS KREMKOW, ACTIVTRADES

"Spanien verschreibt sich die richtige Medizin. Berlin und Paris gewinnen Zeit für nationale Banken. Investoren bedanken sich mit Kurssprung. Detailfragen werden den Markt erst im Laufe der Woche beschäftigen. Das spanische Feuer scheint unter Kontrolle, doch der Brand in der EU ist noch lange nicht gelöscht."

RALPH SOLVEEN, COMMERZBANK

"Wir sehen schon eine gewisse Gefahr, dass es mit dem kleinen Rettungsschirm für den spanischen Bankensektor nicht getan ist und das Land eventuell komplett unter den großen Schirm muss. So gesehen könnte die Bankenrettung der erste Schritt auf diesem Weg sein. Die Regierung in Madrid hat bereits offen eingestanden, dass sie nicht mehr alle Aufgaben über den Markt refinanzieren kann. Spanien hat eben auch ein Defizit-Problem, das es nicht locker bewältigen kann. Ganz klar: Das Land hinkt bei den Vorgaben hinterher. In Madrid hatte man wohl im Hinterkopf, das Defizit-Ziel von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts nächstes Jahr zu erreichen. Doch selbst die EU-Kommission stellt sich darauf ein, dass es eventuell nicht reichen wird."

JOHANNES MÜLLER, DWS-CHEFVOLKSWIRT

"Die Rettung der spanischen Banken ist noch nicht das Ende der Euro-Krise. Denn die Krise ist im Kern eine Krise der Leistungsbilanzen. Dieses Problem ist bislang noch nicht gelöst, hier ist die Fiskalunion ein Schritt in die richtige Richtung. Dennoch ist es positiv zu bewerten, dass Spanien jetzt Milliardenhilfen für seine Banken beantragt hat. So könnte es gelingen, die Bankenkrise von der Staatsschuldenkrise zu entkoppeln. Die Gefahr einer Herabstufung Spaniens durch die Ratingagenturen - und damit einer weiteren Verschärfung der Krise - sehe ich deshalb im Augenblick nicht."

METZLER BANK

"Das Misstrauen an den Finanzmärkten ist hoch, darüber kann auch die Erleichterungsrally nicht hinwegtäuschen. Einen stärkeren Euro, festere Aktienkurse und steigende Bund-Renditen gab es nahezu immer im Anschluss an ein wichtiges EWU-Finanzministertreffen mit anschließenden Beruhigungspillen. Sicherlich ist es positiv zu bewerten, dass die spanischen Renditen nach dem fulminanten Anstieg der vergangenen zwei Monate in den letzten Handelstagen wieder etwas korrigiert haben. Aber die Situation in Spanien bleibt extrem angespannt. Die absehbare Entwicklung von wirtschaftlicher Dynamik und Schuldenstand - unser roter Faden in der Frage, ob sich die Stimmung an den Finanzmärkten aufhellt oder weiter eintrübt - mahnt zu erhöhter Vorsicht."

PHILIPPE GIJSELS, BNP PARIBAS

"Fundamental gesehen ist der spanische Hilfsantrag ein wichtiger Schritt, da nun Geld vorhanden ist, um die Banken des Landes zu retten. Dennoch heißt das nicht, dass die Märkte nun durchstarten können. Strukturelle Reformen und Wachstum sind weiterhin gefragt."

WEST LB, RENTENANALYSTEN

"Der Hilfsantrag eliminiert zumindest einen Unsicherheitsfaktor und fällt zudem deutlich weniger kostspielig aus als ein ausgewachsenes Rettungspaket, das schnell die verbleibenden Mittel zur Erhaltung der 'Brandmauer' für die Finanzmärkte in Frage gestellt hätte. Dennoch dürfte sich die Erleichterung der Anleger im Vorfeld der griechischen Wahlen am kommenden Wochenende in Grenzen halten."

TAKAO HATTORI, MITSUBISHI UFJ MORGAN STANLEY SECURITIES

"Die Unsicherheiten bleiben. Offen ist, auf welchem Weg die Gelder an die spanischen Banken gezahlt werden, wie das Ergebnis der Wahlen in Griechenland ist und wie sich die Situation in Peripherieländern wie Italien entwickelt."

UBS-KOMMENTAR

"Das spanische Bankenproblem zu lösen, heißt, nur ein Symptom der Mängel in der Euro-Krise zu bekämpfen. Das eigentliche Probleme eines in sich zersetzenden Bankensystems wird damit nicht gelöst."

LUTZ KARPOWITZ, DEVISENANALYST DER COMMERZBANK

"Mit dieser Summe signalisieren sie (die Finanzminister) letztlich, dass geklotzt und nicht gekleckert werden soll."

"Wie lange die gute Stimmung am Devisenmarkt anhalten wird, hängt vor allem davon ab, was mit den spanischen Renditen passiert. Zwar könnten diese zunächst sinken, da die Finanzminister mit ihrem schnellen Handeln ein Zeichen der Solidarität innerhalb der Euro-Zone gesetzt haben. Allerdings ist nun auch klar, dass Spanien seine Dinge nicht allein regeln kann. Alle bisherigen Hilfsprogramme haben in den Empfängerländern lediglich kurzfristig für Erleichterung gesorgt. In Spanien könnte das nicht anders sein. Schließlich hat Madrid nun erklärt, dass es derzeit nicht in der Lage ist, seinen Finanzbedarf vollständig über den Kapitalmarkt zu decken. Es ist aus unserer Sicht zweifelhaft, ob sich nach diesem Eingeständnis auf Dauer genug Investoren für spanische Staatsanleihen finden werden. Darum könnte sich eine eventuelle Entspannung am Euro-Rentenmarkt als vorübergehend erweisen. Auch könnte, unterstellt man das bisherige Muster der Schuldenkrise, nun Italien vermehrt in den Fokus geraten."

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