Analyse: Porsches Metamorphose vom Autobauer zur Heuschrecke

Nach dem Drehbuch von VW sollte die Transaktion am Mittwoch abgeschlossen werden. Übrig bleibt eine steinreiche, börsennotierte Holding-Gesellschaft. Mit nur 35 Mitarbeitern kontrolliert die Porsche Automobil Holding SE knapp ein Drittel des Kapitals von Volkswagen und gut die Hälfte der Stimmrechte.

Analyse: Porsches Metamorphose vom Autobauer zur Heuschrecke

Daneben will die von den Familien Porsche und Piech beherrschte Holding in neue Geschäftsfelder wie Rohstoffe, Energie und Mobilitäts-Dienstleistungen investieren. Aus dem 1931 in Stuttgart gegründeten Büro zur "Konstruktion und Beratung für Motoren- und Fahrzeugbau" wird damit faktisch ein Finanzinvestor. Mit "Vermögensverwaltung als Dauerzustand" umriss auf der jüngsten Hauptversammlung ein Porsche-Aktionär die künftige Rolle der zurechtgestutzten, aber weiterhin mächtigen Holding.

Gleichzeitig mutiert VW faktisch zu einem Familienunternehmen. Denn das Sagen beim VW-Hauptaktionär hat ein exklusiver Kreis der Erben des Firmengründers Ferdinand Porsche sowie des Emirats Katar - diese Eigentümer sind im Besitz der allein stimmberechtigten Porsche-Stammaktien. Schon seit Jahrzehnten sind VW und Porsche eng verbunden, offensichtlich sind die Bande seit 2002: Damals brachten die Schwaben und die Niedersachsen mit dem Cayenne und dem Touareg zwei weitgehend baugleiche Geländewagen auf den Markt. Zehn Jahre später schluckt VW nun die Automarke Porsche ganz und holt sich damit das ertragsstärkste Rennpferd der Automobilindustrie in den Stall. Mit einer operativen Umsatzrendite von zuletzt knapp 19 Prozent sprintet Porsche allen Konkurrenten locker davon und liefert die Gewinne künftig ganz in Wolfsburg ab. Die Porsche-Aktionäre sehen davon direkt keinen Cent mehr, sie müssen auf stetige Dividenden-Überweisungen des kraftstrotzenden Autokonzerns aus Wolfsburg zählen.

Die Niedersachsen verteidigten im Sommer 2009 ihre Eigenständigkeit gegen den waghalsigen Übernahmeversuch der Porsche Holding, die zwei Jahre zuvor als Dachgesellschaft für die schrittweise aufgebaute Beteiligung an VW und das Porsche-Fahrzeuggeschäft gegründet worden war. Im Zuge der Finanzkrise ging jedoch der Holding, die mit komplexen Finanzwetten Milliarden-Überschüsse angehäuft und in noch riskantere Optionsgeschäfte auf VW-Stammaktien gepumpt hatte, das Geld aus: VW drehte den Spieß genüsslich um und bewahrte den Angreifer vor dem Zusammenbruch, der dafür eine knapp 50-prozentige Beteiligung am Porsche-Fahrzeuggeschäft an die Wolfsburger abgeben musste. Am Mittwoch wollte sich VW die restlichen Anteile einverleiben und den Aktionären der Dachgesellschaft dafür knapp 4,5 Milliarden Euro plus eine VW-Stammaktie zahlen. Damit kann die Holding ihre Schulden von zuletzt noch zwei Milliarden Euro tilgen und den Rest in neue, noch nicht näher bekannte Geschäfte stecken.

Milliardenschwere Prozessrisiken

Allerdings haften an der Holding weiter Schadenersatzklagen über mindestens sechs Milliarden Euro von Volkswagen-Großaktionären, die im jahrelangen Machtpoker zwischen Porsche und VW auf einen fallenden Kurs der VW-Aktie setzten und sich damit verspekulierten. Zwar hält die Holding die Ansprüche für unbegründet - aber sollte eine der in Deutschland und den USA anhängigen Klagen Erfolg haben, könnten die Mittel der Holding schnell zur Neige gehen. Zudem ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen das frühere Top-Management um Ex-Chef Wendelin Wiedeking wegen Täuschung des Kapitalmarkts, Ex-Finanzchef Holger Härter sitzt wegen milliardenschweren Kreditbetrugs demnächst auf der Anklagebank. Für mögliche Fehltritte des früheren Managements müsste die Holding zwar nicht direkt haften, diese könnten aber den Schadenersatzklagen neue Nahrung liefern.

Mit der Einverleibung der Marke Porsche und ihren rund 16.000 Beschäftigten wird auch bei VW ein neues Kapitel beginnen: "Unter einem gemeinsamen Dach werden wir uns wirtschaftlich an die Spitze der Autoindustrie setzen", schwärmte VW-Chef Martin Winterkorn auf der Porsche-Hauptversammlung Ende Juni über die Perspektiven. Der vom Porsche-Erben und VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piech inthronisierte Spitzen-Manager steht auch der Porsche Holding vor und lenkt in Personalunion auch deren Geschicke. Spätestens 2018 will der derzeit noch drittplatzierte VW-Konzern mit seiner vom Motorrad bis zum Schwer-Lkw reichenden Modellpalette weltweit zum Branchenprimus aufsteigen und sowohl GM als auch Toyota hinter sich lassen. Die sprudelnden Gewinne der Marke Porsche dürften für dieses Überholmanöver reichlich Treibstoff liefern.