Am 5. Juli senkt die EZB die Zinsen

Am 5. Juli senkt die EZB die Zinsen

EZB-Chefökonom Peter Praet schloss in einem vorab veröffentlichten Interview der "Financial Times Deutschland" nicht mehr aus, dass die Hüter des Euro den Schlüsselzinssatz am Donnerstag kommender Woche zum ersten Mal seit Einführung der Gemeinschaftswährung unter ein Prozent drücken könnten.

Die Teilnehmer einer Reuters-Umfrage erwarteten schon vor der Wortmeldung des Belgiers einen solchen Schritt mit sehr großer Mehrheit. Jüngste Inflationsdaten aus Deutschland lassen den Währungshütern den entsprechenden Spielraum.

"Es gibt keine Doktrin, dass der Leitzins nicht unter einem Prozent liegen kann", sagte Praet der Zeitung. Zwar betonte er ausdrücklich die Risiken und denkbaren Nebenwirkungen, wenn der Leitzins über einen längeren Zeitraum auf ultraniedrigem Niveau verharrt. Aber positive Folgewirkungen seien natürlich auch vorhanden, erklärte der Nachfolger des Deutschen Jürgen Stark, der zum Jahresende im Streit mit der EZB-Führung vom Amt des Chefökonomen zurückgetreten war: "Zinsänderungen haben immer eine Wirkung, wenn natürlich auch begrenzt. Sie sind dann berechtigt, wenn sie dazu beitragen, die Preisstabilität auf mittlere Frist zu gewährleisten."

Historischer Zinsschritt

An den Finanzmärkten war mit einer Zinssenkung durch den EZB-Rat in der kommenden Woche schon seit Tagen gerechnet worden. In einer am Mittwoch veröffentlichten Reuters-Umfrage erklärten 48 von 71 befragten Ökonomen, dass sie erwarten, dass die Währungshüter einen solchen Schritt gehen. Die meisten Experten rechnen mit einem kleinen Zinsschritt um einen viertel Prozentpunkt auf 0,75 Prozent, einige sogar mit einem größeren Schritt. Zuletzt hatten mehrere Euro-Notenbanker angedeutet, dass das gegenwärtige Zinsniveau nicht das Ende der Fahnenstange sein müsse und das frühere Tabu noch niedrigerer Zinsen wegen der Krise und der verheerenden wirtschaftlichen Lage in einigen der europäischen Schuldenländern fallen könnte.

Der zuletzt gesunkene Ölpreis und der damit nachlassende Inflationsdruck liefert denjenigen Notenbankern, die mit einer Zinssenkung ein Signal gegen die Krise setzen wollen, auch ein gutes ökonomisches Argument: So sank in Deutschland, der größten Volkswirtschaft der Währungsunion, die Jahresteuerungsrate im Juni auf einen Wert von 1,7 Prozent - das niedrigste Niveau seit Dezember 2010. Zum Vormonat vergünstigte sich die Lebenshaltung um 0,1 Prozent. Trotz teurerer Nahrungsmittel ist der Preisdruck damit den zweiten Monat in Folge unter die Zielmarke der EZB gefallen. Sie spricht bei Werten von knapp unter zwei Prozent von Preisstabilität. "Die Inflationsdaten aus Deutschland zeigen der EZB, dass der Preisdruck nur verhalten ist", urteilte Commerzbank-Experte Ralph Solveen.

Inflation lässt nach

Den nachlassenden Preisdruck verspürten die deutschen Verbraucher insbesondere an der Zapfsäule. Nachdem die Kraftstoffpreise im Mai zum Vormonat erstmals gesunken waren, gaben sie im Juni erneut nach. Heizöl wurde sogar den vierten Monat in Folge günstiger. Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen konnten sich die Verbraucher zugleich über eine unterdurchschnittliche Jahresteuerungsrate von 1,3 Prozent freuen. Zwischen Münster und Bonn wirkten sich insbesondere die um die Hälfte gesunkenen Bildungskosten aus, die mit dem Wegfall der Studiengebühren zusammenhängen. Allerdings stiegen die Nahrungsmittelpreise mit 3,2 Prozent so stark wie seit Ende 2010 nicht mehr.

Noch im Mai hatte die Inflationsrate in Deutschland bei 1,9 Prozent gelegen. Der nachlassende Preisdruck dürfte nun dafür sorgen, dass die Verbraucher trotz Krise in Kauflaune bleiben. Wie aus dem jüngsten Konsumklima-Barometer der Nürnberger GfK-Marktforscher hervorgeht, rechnen die Bundesbürger trotz der Eurokrise mit steigenden Einkommen und wollen mehr Geld für teure Anschaffungen ausgeben. Wie sich die Inflationsrate weiter entwickelt, ist unter Experten strittig: Heinrich Bayer von der Postbank erwartet, dass die Inflationsrate auch für den Rest des Jahres die Zielgröße der EZB nicht mehr übersteigen wird. Manch anderer Bankvolkswirt ist sich da nicht so sicher.

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