"2025 wird der Dax 20.000 Punkte erreicht haben"

Asoka Wöhrmann, der globale Veranlagungschef der Deutsche Asset und Wealth Management (Deutsche AWM) der Deutschen Bank, sieht im FORMAT-Interview mit Martin Kwauka ein goldenes Jahrzehnt für die Börsen. Und den Dax am Ende bei 20.000 Punkten: "Das Wachstum wird schwach bleiben, dafür dauert der Aufschwung diesmal viel länger."

"2025 wird der Dax 20.000 Punkte erreicht haben"

FORMAT: Im März 2013 sagten Sie in diesem Magazin einen Dax von 10.000 Punkten in kurzer Zeit vorher. Jetzt ist Ihr Ziel für den deutschen Aktienindex mit 10.600 Punkten bis Sommer 2015 vergleichsweise bescheiden. Ist das Beste schon vorbei?

Asoka Wöhrmann: Nein. Wir stehen vor einem Jahrzehnt der Aktie. 2025 wird der Dax 20.000 Punkte erreicht haben.

Das entspricht rund sieben Prozent Gewinn im Jahr. Wo sollen die angesichts der anhaltend schlaffen Konjunktur herkommen?

Wöhrmann: Richtig ist, dass die Wirtschaft nicht in Fahrt kommt, die Erholung dauert vor allem in der Eurozone viel länger als nach früheren Krisen. Das Wachstum wird schwach bleiben, aber dafür dauert der Aufschwung viel länger. Wir befinden uns sozusagen in einem Schildkröten- Zyklus: Da geht alles gemächlicher, aber dafür nachhaltiger. Und so ein Zeitlupentempo ist ein gutes Umfeld für Aktien.

Selbst nach fünf Superjahren an den Börsen sehen Sie keine Zeichen einer Blase?

Wöhrmann: Nein. Die ersten 50 Prozent Kursgewinn waren einfach nur ein Durchatmen nach der Finanzkrise. Auch jetzt sind die Aktien im langjährigen Vergleich nicht teuer.

Schildkröten sind zäh, aber können, wie die Börsen, auch mal auf den Rücken fallen. Keine Angst vor einem jähen Ende?

Wöhrmann: Momentan sind die Schwankungen ziemlich niedrig, diese Phase dürfte noch weiter anhalten. Aber ja, es wird in dieser Dekade Jahre geben, in denen Aktien wegen eines Konjunktureinbruchs oder einer geopolitischen Krise schlechter laufen. Eine interessante Studie über den US-Aktienmarkt seit 1935 zeigt, dass die Kurse innerhalb eines Jahres im Extremfall um 57 Prozent stiegen, aber auch um bis zu 51 Prozent fielen. Entscheidend ist, dass sich die Schwankungen mit der Zeit relativieren. Die schlechteste Zehnjahresperiode endete mit einem Minus von drei Prozent, die beste mit plus 19 Prozent im Jahr. Nach 20 Jahren war selbst der Mindestertrag mit fünf Prozent im Jahr positiv. Insgesamt blieben den Anlegern seit 1935 beachtliche 10,5 Prozent als durchschnittlicher Jahresgewinn.

Ist das nicht Schnee von gestern? Früher war das Wachstum kräftiger, außerdem ließ auch die höhere Inflation die Kurse am Papier schneller steigen.

Wöhrmann: Die Inflation wird in der Tat niedrig bleiben. Deshalb rechne ich im kommenden Jahrzehnt für einen globalen Aktienmix mit acht bis zehn Prozent, also mit etwas weniger als in der US-Studie. So gesehen wären auch durchschnittlich sieben Prozent im Dax gar nicht so viel.

Deutschland ist gar nicht ihre erste Wahl?

Wöhrmann: Mein Vertrauen in deutsche Aktien ist ungebrochen. Standardwerte haben zum Beispiel Dividendenrenditen, die deutlich über dem Niveau von Staatsanleihen liegen. Der Dax ist aber schon gut gelaufen. Auch die USA sind im Zyklus schon weit fortgeschritten. Für die nächsten ein bis zwei Jahre sehe ich mehr Potenzial in Europa, vor allem im Süden, etwa in Italien und Spanien, aber auch in Frankreich. Die Europäische Zentralbank könnte mit ihren angekündigten Maßnahmen den dortigen Unternehmen wieder mehr Spielraum für Kredite geben. Außerdem sind die Aktien in den Peripheriestaaten angesichts des Aufholpotenzials bei den Unternehmensgewinnen noch unterbewertet, Anleger können in der bevorstehenden Erholungsphase davon besonders profitieren.

Seit Längerem haben die Unternehmensgewinne in Europa enttäuscht und kommen nicht recht vom Fleck. Was stieg, war vor allem die Bewertung der Aktien, sie wurden schlichtweg teurer. Wie lange kann das gutgehen?

Wöhrmann: Dieser Anstieg der Kurs-Gewinn-Verhältnisse ist in einem Börsenzyklus ganz normal. Jetzt beginnt die nächste Phase: Es zeigen sich die ersten klaren Signale, dass auch die Gewinne wieder anziehen. Das gilt ganz besonders für Südeuropa, aber auch für konjunkturabhängige Branchen wie Investitionsgüter, Stahl, Bau und für langlebige Konsumgüter. Und dieser absehbare Gewinnschub wird an den Börsen für einen guten Start in die kommenden zehn Jahre sorgen.

Die meisten Anleger haben den Börsenaufschwung bisher verpasst und horten Cash. Selbst in den derzeit beliebten Mischfonds liegt die Aktienquote meist unter 30 Prozent. Kann man mit dem Anleiheanteil überhaupt noch etwas verdienen?

Wöhrmann: Mit sicheren Staatsanleihen fast nichts. Bei Nullzinsen und immer noch vorhandener Inflation muss man als Anleger einfach ein gewisses Risiko eingehen. Besser stehen die Chancen noch für Staats-und Unternehmensanleihen von Schwellenländern in harten Währungen wie Euro oder Dollar. Um Aktien kommt man aber angesichts der niedrigen Zinsen nicht herum. Ich rate deshalb auf Sicht von zehn Jahren bei einem ausbalancierten Depot zu 60 Prozent Aktien.

Kurzfristig sind Sie für die USA, aber auch für Schwellenländer-Aktien vorsichtig und empfehlen aus taktischen Gründen Europa. Wie sieht ein Anlagemix für die nächsten zehn Jahre aus?

Wöhrmann: Deutschland muss man haben, genauso US-Aktien. Die amerikanischen Unternehmen im S&P-500-Index sind unglaublich gut. Auch japanische Aktien sollten dabei sein, allerdings mit abgesicherter Währung. Ich würde aber auch Schwellenländer-Aktien kaufen. Wir denken gerade intensiv darüber nach, die Ampeln für die Emerging Markets wieder auf grün zu stellen. Verfolgen Sie einfach unseren regelmäßigen Anlageausblick.

Was sollen vorsichtige Anleger machen, die sich vor zu großen Kursschwankungen schützen wollen?

Wöhrmann: Eine zentrale Strategie ist, Aktien mit stabil hohen Dividenden zu halten. Die Ausschüttungen dämpfen den Einfluss der Kursbewegung auf den Gesamtertrag. Ein weiterer Schutzfaktor ist ein Dollaranteil. Gerade in Krisenzeiten gibt es oft einen Rückzug des Geldes in die USA, und damit in eine festere Währung. Der Dollar ist aber nicht nur unter Sicherheitsaspekten interessant. Schon wegen der deutlich höheren Zinsen als im Euroraum spricht derzeit vieles für ein Erstarken der US-Währung. Und wenn irgendwo in der Welt eine geopolitische Krise ausbricht, sind auch ein paar Energie-Aktien zu empfehlen.

Zur Person

Asoka Wöhrmann, 49, ist globaler Veranlagungschef der Deutsche Asset und Wealth Management (Deutsche AWM). Diese Einheit der Deutschen Bank für Private Banking und sämtliche Anlageprodukte von Investmentfonds (etwa der DWS) bis zu Zertifikaten verwaltet insgesamt fast 1.000 Milliarden Euro. Wöhrmann, der in Bielefeld, Wien und Magdeburg Ökonomie studierte, trägt die Gesamtverantwortung für die Investmentstrategie dieses Vermögens.