10.000 Stellen fallen der Radikalkur bei Alcatel-Lucent zum Opfer

10.000 Stellen fallen der Radikalkur bei Alcatel-Lucent zum Opfer

Um sich aus den roten Zahlen zu arbeiten, streicht der Anbieter von Telefon- und Datennetzen weltweit 10.000 Jobs und damit fast jede siebte Stelle. In Deutschland sind 520 Mitarbeiter betroffen, in Österreich mindestens 50. Mit den Streichungen soll bis Ende 2015 eine Milliarde Euro eingespart werden, wie Alcatel-Lucent am Dienstag mitteilte.

Laut "Presse" sind bereits Anfang Oktober 50 österreichische Alcatel-Mitarbeiter beim Arbeitsmarktservice Wien zur Kündigung vorgemerkt worden. Offiziell werde das in der Firmenzentrale nicht bestätigt.

Die Österreich-Tochter von Alcatel ist auch in die "Blaulicht-Affäre" verwickelt. Gegen den langjährigen früheren Österreich-Chef und ÖVP-Bundesrat Harald Himmer ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Untreue. Bei der Vergabe des Blaulichtfunksystems Tetron an das Konsortium Alcatel/Telekom Austria soll Schmiergeld geflossen sein, so der Verdacht der Ermittler. Neben Himmer habe auch der Lobbyist Alfons Mensdorff-Pouilly eine tragende Rolle gespielt. Die Beschuldigten bestreiten alle Vorwürfe.

"Letzte Chance"

"Jeder weiß, dass das die letzte Chance ist", sagte der neue Alcatel-Lucent-Chef Michel Combes der Tageszeitung "Le Monde". Das Unternehmen sei in einer sehr ernsten Lage.

Alcatel will mit den Kürzungen die Wende schaffen: "Bei den Plänen geht es darum, dass das Unternehmen wieder Herr über sein Schicksal wird", ergänzte Combes. Die Einschnitte dürften sein Unternehmen zunächst 1,2 Milliarden Euro kosten. Experten erwarten, dass für die Finanzierung ganze Sparten verkauft werden.

In der Region Europa, Nahost und Afrika sollen 4100 Jobs wegfallen, der Rest betrifft Asien und die amerikanischen Märkte. In Deutschland beschäftigt Alcatel 3100 Menschen. Die geplante Streichung von 520 Jobs betrifft damit etwa ein Sechstel der Mitarbeiter. Alcatel hat etwa in Stuttgart, Berlin, Hamburg, München und Neu-Isenburg bei Frankfurt Niederlassungen.

Widerstand kündigte die französische Gewerkschaft CFDT an: "Wieder einmal zahlen die Mitarbeiter die Zeche. Wir werden den Plan bekämpfen und Vorschläge machen, um ihn zu ändern." In Frankreich, wo die Arbeitslosenquote über zehn Prozent liegt, sind wohl 900 Jobs betroffen. Auch Präsident Francois Hollande forderte das in Paris ansässige Unternehmen auf, in Frankreich so viele Stellen wie möglich zu sichern.

Kommt Nokia jetzt ins Spiel?

Die Börse reagierte zunächst mit Kursgewinnen, die Aktien drehten dann aber ins Minus und verloren in Paris mehr als vier Prozent. Das Papier hat sich dieses Jahr in seinem Wert fast verdreifacht, weil Investoren hoffen, dass die Franzosen mit dem Ex-Vodafone -Manager Combes die Wende schaffen. "Der Konzern verbrennt viel Cash und kann sich nicht rentabel halten. Daher musste etwas passieren, damit er langfristig eine Zukunft hat", sagte ein Pariser Analyst.

Der Stellenabbau könnte auch Spekulationen über ein Zusammengehen mit Nokia anheizen. Zuletzt hatten sich Alcatel und die Finnen zu unverbindlichen Gesprächen getroffen, nachdem Siemens aus dem Gemeinschaftsunternehmen NSN mit Nokia ausgestiegen war. Manche Experten erwarten allerdings, dass ein Unternehmen, das gerade mitten im Umbruch ist, nicht attraktiv genug ist.

Alcatel beschäftigt weltweit rund 72.000 Mitarbeiter und schreibt seit fünf Quartalen Verluste. Im vergangenen Jahr summierte sich der Fehlbetrag auf 1,2 Milliarden Euro, vor allem wegen Abschreibungen im Mobilfunkgeschäft und Kosten für den vorangegangenen Abbau von 5000 Arbeitsplätzen. Nun will Alcatel allein Frankreich fünf Werke schließen oder verkaufen.

Die französische Regierung beobachtet die Entwicklung bei der einstigen Vorzeigefirma genau. "Sie investiert, um die Maschine zum Laufen zu bekommen", hieß es in Regierungskreisen. "Die Situation ist schwierig, aber es ist verständlich, dass sich die Gewerkschafter aufregen."

Preisdruck in der Branche setzt Anbietern zu

Der vor sieben Jahren aus der französischen Alcatel und der amerikanischen Lucent entstandene Konzern leidet ähnlich wie Nokia unter dem Preiskampf mit den chinesischen Rivalen Huawei und ZTE. Auch die Dominanz des schwedischen Marktführers Ericsson macht dem früheren DSL-Pionier zu schaffen. Zudem gilt die Kundschaft der Netzbetreiber rund um die Welt als äußerst sparsam. Die kanadische Nortel war 2009 dem Druck nicht mehr gewachsen und musste schließlich Insolvenz anmelden.

Um wieder Tritt zu fassen, will Combes die Investitionen in die Netztechnik der neuesten Generation nach oben schrauben. Rund 85 Prozent des Entwicklungsbudgets werde für Zukunftstechnik ausgegeben, die Ausgaben für ältere Technik würden um 60 Prozent gekürzt, kündigte er an. Bis Ende 2015 werde zudem die Zahl der Niederlassungen rund um den Globus halbiert.

Börse

Deutsche Bank fährt Rekordverlust ein: 6,7 Milliarden Euro

Börse

Ölschwemme bringt weltweit die Börsen auf Talfahrt

Börse

IBM wieder mit Umsatzrückgang - das 15. Quartal in Folge