RBI-General Karl Sevelda: "Die Belastung für Unternehmen ist bedenklich"

RBI-General Karl Sevelda: "Die Belastung für Unternehmen ist bedenklich"

RBI-Generaldirektor Karl Sevelda

RBI-Generaldirektor Karl Sevelda im Interview mit FORMAT-Redakteur Thomas Martinek über die Probleme von Klein- und Mittelbetrieben bei der Finanzierung und die passende Unterstützung dafür.

FORMAT: Österreichs Wirtschaft wird stark von Einzelunternehmern, Klein- und Mittelbetrieben (KMU) getragen. Sie beschäftigen mehr als 60 Prozent aller Erwerbstätigen. Wird das in der aktuellen Politik entsprechend berücksichtigt?

Karl Sevelda: Ich glaube, dass die Belastung der KMU, sei es finanzieller oder regulatorischer Natur, mittlerweile ein bedenkliches Ausmaß erreicht hat. Es wird Unternehmern sehr schwer gemacht, innovativ zu sein, zu investieren und unternehmerische Risiken einzugehen. Hier brauchen wir dringend ein Umdenken.

FORMAT: Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Politik und Banken?

Sevelda: Die Politik macht es sich manchmal zu leicht, indem sie die Banken pauschal für alle Fehlentwicklungen verantwortlich macht. "Banken-Bashing“ ist nach wie vor en vogue und kommt kurzfristig bei den Wählern gut an. Mittel- und langfristig ist eine solche Entwicklung aber gefährlich, denn eine gesunde Volkswirtschaft benötigt einen gesunden Bankensektor.

FORMAT: Und zwischen Politik und Wirtschaftstreibenden?

Sevelda: Es wird oft versucht, einen Keil zwischen Banken und Wirtschaft zu treiben. Auf der einen Seite die gute Realwirtschaft und auf der anderen Seite die bösen Banken. In Österreich haben sich aber Banken und Realwirtschaft nicht entkoppelt. Hier sitzen Banken und Realwirtschaft im selben Boot.

FORMAT: Banken werden von der Politik sehr hoch besteuert. Wird durch die geringere Kreditvergabe das Wachstum nachhaltig gebremst?

Sevelda: Die Kollegen von Raiffeisen Research haben ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr bereits auf 0,9 Prozent zurückgenommen. Für 2015 rechnen sie damit, dass Österreichs Volkswirtschaft um 1,5 Prozent wachsen wird. Dieses eher verhaltene Wachstum ist aber nicht durch eine zurückhaltende Kreditvergabe verursacht. Es gibt zurzeit keine Kreditklemme. Vielmehr ist die Nachfrage nach Krediten sehr gering.

FORMAT: Die Bankensteuer belastet die Banken jetzt aber noch einmal mit rund 600 Millionen Euro jährlich. Ist die Kreditvergabe dadurch gefährdet?

Sevelda: Ja, natürlich. Die Bankenabgabe entzieht den Banken Substanz, die sie eigentlich zur Bildung von Eigenkapital benötigen. Dieses wird wiederum zur Unterlegung von Krediten benötigt. Aufgrund des geringen Wirtschaftswachstums und der verhaltenen Kreditnachfrage hat die Bankensteuer noch nicht zu einer Kreditklemme geführt. Aber es kann ja nicht sein, dass man sich vor einem Wirtschaftswachstum fürchten muss, weil man dann die Kreditnachfrage nicht mehr decken könnte.

FORMAT: Müssen Kunden nun fürchten, dass die Belastungen der Banken auf sie übergewälzt werden?

Sevelda: Bislang haben das die Banken nicht getan. Aber auf lange Sicht kann ich das nicht ausschließen. Die Grenze der Belastbarkeit für die Banken in Österreich ist bereits überschritten. Die Banken sollen ja mehr Eigenkapital aufbauen. Dies ist zu begrüßen, denn dadurch wird das Bankensystem stabiler. Man darf dann aber den Banken nicht gleichzeitig ständig massiv Substanz entziehen.

FORMAT: Oft klagen Unternehmer, dass sie tolle Ideen hätten, innovative Projekte umsetzen wollen, aber niemand gibt ihnen Geld. Sind Banken bei der Kreditvergabe wirklich zu vorsichtig?

Sevelda: Banken gehen täglich Risiken ein - das ist ihre Aufgabe. Aber diese Risiken müssen vertretbar sein, das heißt, wir dürfen keine Kredite vergeben, wo die Wahrscheinlichkeit einer ordnungsgemäßen Rückführung sehr gering ist! Für Hochrisikoprojekte gibt es Private-Equity-Fonds oder aber das Instrumentarium des AWS. Und gerade in Mitteleuropa ist der Mittelstand das Rückgrat der Wirtschaft und in einem hohen Maße auf die Bankfinanzierung angewiesen. Wenn man den Banken die Kreditvergabe erschwert, behindert man das Wirtschaftswachstum. In den letzten sieben Jahren mussten wir das Mindesteigenkapitalerfordernis de facto verfünffachen. Das bedeutet, dass wir Kredite mit deutlich mehr Eigenkapital unterlegen müssen. Obwohl wir wesentlich höhere Eigenmittelvorschriften haben, konnten wir jedoch die Kreditvergabe an österreichische Firmenkunden ausweiten.

FORMAT: Speziell im ländlichen Raum ist die Zusammenarbeit zwischen Kommunen, lokalen Unternehmen und regionalen Bankdienstleistungen sehr wichtig. Welche Vorteile bietet da Raiffeisen?

Sevelda: Die Raiffeisenbankengruppe ist der Nahversorger: Nicht nur die Banken befinden sich in der jeweiligen Region, sondern Raiffeisen ist auch mit Lagerhäusern oder Molkereien et cetera präsent. Mit dem dichtesten Bankstellennetz Österreichs von 490 unabhängigen, genossenschaftlich organisierten Raiffeisenbanken (insgesamt 2.200 Geschäftsstellen) und einem Fokus auf Retail Banking ist Raiffeisen der Finanzierer der lokalen Wirtschaft. Diese Regionalität gilt natürlich auch für die Raiffeisen Bank International. Sie betrachtet Österreich sowie Zentral- und Osteuropa (CEE) als ihren Heimmarkt. 15 Märkte der Region werden durch Tochterbanken abgedeckt. Insgesamt betreut die RBI circa 14,6 Millionen Kunden in mehr als 2.900 Geschäftsstellen, der überwiegende Teil davon in CEE. Raiffeisen ist den Menschen in der Region verpflichtet, und die Wertschöpfung bleibt dort, wo sie entsteht, in der Region - in CEE wie in Österreich.

FORMAT: Es gibt ja auch immer mehr Formen alternativer Kreditvergaben wie Crowdfunding oder Onlineplattformen zur Kreditvermittlung. Werden diese Formen der Geldbeschaffung zur ernsthaften Konkurrenz?

Sevelda: Was die Kreditvergabe über Internet beziehungsweise sogenanntes Crowdfunding betrifft, bin ich skeptisch. Der wesentliche Punkt, warum Crowdfunding problematisch ist: Es ist im Gegensatz zum Bankgeschäft vollkommen unreguliert. Ich fürchte, sobald Unternehmungen und Projekte, die über Crowdfunding finanziert wurden, in Schieflage kommen und Personen, die das finanziert haben, ihr Geld verlieren, wird jeder fragen, wo hier der Schutz des Anlegers war.

FORMAT: Speziell für kleine Unternehmen sind die Kosten ein wichtiger Faktor. Wie gehen Sie da auf die Wünsche und Ansprüche Ihrer Kunden ein?

Sevelda: Raiffeisen ist die Hausbank, der man vertraut. Dort findet der Kunde speziell auf ihn zugeschnittene Modelle, neuhochdeutsch Tailor-made Solutions. Zusätzlich profitieren Kunden bei Raiffeisen nicht nur von der Einlagensicherung sondern auch von der Raiffeisen-Kundengarantiegemeinschaft. Unsere Kundenbindungsdaten spiegeln das große Kundenvertrauen und die Verbundenheit zu den Menschen vor Ort wider. Man kennt seinen Berater, trifft ihn vielleicht beim Einkaufen. Regionalität verbindet.

FORMAT: Für kleinere Betriebe ist nicht nur die Finanzierung ein wichtiges Thema sondern alles, was ihnen bei Einsparungen hilft. Also zum Beispiel das richtige Ansuchen um Förderungen, um diese auch zu bekommen. Bieten Sie da auch Hilfe an?

Sevelda: Nicht nur Neugründern stehen die öffentlichen Fördertöpfe zur Verfügung. Auch wenn ein bereits bestehendes Unternehmen eine Investition plant, kann es auf ein breites Angebot an Förderungen von Bund, Ländern, Gemeinden sowie der EU zurückgreifen. So zahlreich wie das Angebot an Förderungen ist auch die Anzahl der Förderstellen. Innerhalb der Raiffeisenbankgruppe bieten wir individuelle, persönliche Beratung und unterstützen unsere Kunden bei der Abwicklung von Investitionsförderungen.

FORMAT: Die Zahl der neuen Selbständigen und Ein-Personen-Unternehmen wächst rapide. Bieten Sie für diese Gruppe auch spezielle Hilfestellungen an?

Sevelda: Die Raiffeisen Bank International ist in Österreich als eine führende Kommerz- und Investmentbank tätig und serviciert hier die Top 1.000 der Firmenkunden. Innerhalb der Raiffeisenbankengruppe gibt es aber ein Jungunternehmerservice, das Jungunternehmern von Anfang an optimales Coaching und die nötige Erfolgskontrolle bietet, um Ausfälle zu minimieren. Es stehen etwa eine kostenlose Erstberatung zur Beurteilung Ihres Unternehmenskonzeptes oder die Unterstützung bei der Aus- bzw. Überarbeitung des Unternehmensplans zur Verfügung.

Zur Person. Karl Sevelda ist seit Juni 2013 Vorstandsvorsitzender der Raiffeisen Bank International (RBI). Davor war er stellvertretender Vorstandsvorsitzender (seit 2010) und Mitglied des Vorstands in der Raiffeisen Zentralbank (seit 1998), zuständig für Firmenkundengeschäft und Corporate, Trade & Export Finance weltweit. Seine Karriere startete Sevelda 1977 im damaligen Creditanstalt-Bankverein.

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