Reportage: Im Herzen der Notenbanken

Stellen Sie sich vor: Es ist Ihr erster Arbeitstag als Chef der US-Notenbank Federal Reserve...

Reportage: Im Herzen der Notenbanken

Der Leitzins, mit dem sie von jetzt an die größte Volkswirtschaft der Welt von Washington aus steuern werden, liegt bei 4,5 Prozent. Die Wirtschaft läuft gut – sowohl in der glitzernden Film-Metropole Los Angeles, der Autostadt Detroit als auch im Welt-Finanzzentrum New York. Die Arbeitslosigkeit ist nicht hoch. Neidisch blickt man aus Europa auf ihr Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Doch dann mehren sich die schlechten Nachrichten: zuallererst klettert der Öl-Preis auf ein neues Rekordhoch, dann schmiert der Dollar am Devisenmarkt ab. Nun beginnt die Zahl der Arbeitslosen zu steigen. Was machen Sie jetzt?

Willkommen in der Welt des Computerspiels "Fed Chairman", das seit mehr als einem Jahrzehnt auf der Internetseite der Federal Reserve von San Francisco zu finden ist. Es wurde einst entwickelt, um Schülern und Studenten einen Einblick in die Welt der Geldpolitik zu geben. Heute wirkt es wie eine Zeitreise in eine längst vergangene Ära.

Denn die Realität des heutigen Fed-Chefs Ben Bernanke geht über die bunte Spielwelt deutlich hinaus. Hier muss der Held sich mit immer neuen und machtvolleren Waffen gegen immer neue Feinde zur Wehr setzen - und natürlich auch gegen immer neue Begehrlichkeiten des Finanzministers. Ein wahres geldpolitisches Schlachtfeld.

Notenbanken feuern aus allen Rohren

Denn in der nicht enden wollenden Krise steht nach bald sechs Jahren Abwehrkampf kaum mehr ein Stein auf dem anderen. Als im Sommer 2007 die Fed und die Europäische Zentralbank (EZB) mit ersten - aus heutiger Sicht zaghaft und geradezu bescheiden anmutenden - Geldspritzen die Finanzmärkte fluten mussten, ahnte kaum einer der damaligen Entscheidungsträger, was noch alles kommen würde. Heute feuern die Zentralbanken rund um den Globus aus allen Rohren und sind zu mächtigen Akteuren geworden, die immer wieder für die oftmals zögerliche Politik die Kastanien aus dem Feuer holen müssen.

EZB-Präsident Mario Draghi bringt es auf den Punkt: "Es gab eine Zeit - noch gar nicht lange her - da wurde die Arbeit der Notenbanken als langweilige und unaufgeregte Veranstaltung abgetan. Einige dachten, dass Geldpolitik am effektivsten per Autopilot betrieben werden könnte. Ganz im Vertrauen, man kann sagen, dass diese Zeit vorbei ist."

Weltweit wurden mehrere Billionen Dollar in den Geldkreislauf gepumpt. Jüngstes Beispiel dafür ist die Bank von Japan, die mit einer riesigen Geldflut den Teufelskreis aus fallenden Preisen und Löhnen sowie sinkenden Investitionen und schwachem Konsum brechen will, der das Land seit vielen Jahren lähmt. Oder nehmen wir die EZB, deren Ultimatum an Zypern eine Rettung des Inselstaates vor der Staatspleite erst ermöglichte. Allen Beteiligten wurde unmissverständlich klargemacht, dass ohne frisches Geld aus Frankfurt für die Banken Zyperns dort bald die Lichter ausgehen. Oder Draghi, dessen Versprechen den Euro zu retten, "was auch immer es koste", im vergangenen Jahr den gordischen Knoten der Euro-Krise löste. Seitdem können viele Krisenländer wieder zu akzeptableren Zinsen Geld am Kapitalmarkt aufnehmen. Draghi hat so den Druck aus dem Kessel genommen.

Es gäbe noch mehr Beispiele. Binnen weniger Jahre sind Notenbanker nolens volens zu mächtigen Krisenmanagern geworden. Sie handeln immer dann, wenn Politiker nicht können oder sich verheddern. Und können selbst per Knopfdruck quasi aus dem Nichts schaffen, was Politiker in der Krise wollen: Geld, Geld und noch mehr Geld. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten.

Die letzten wirklichen Entscheidungsträger

"Die Macher der Geldpolitik sind nicht mehr nur die letzten Kreditgeber, sondern sie sind immer mehr zu den letzten aktiven Politikern geworden: sie sind die einzigen, die unabhängig sind und die Autonomie haben, ganz schnell zu reagieren, also tun sie es", erklärt der berühmte Wirtschaftsprofessor Barry Eichengreen von der Berkeley-Universität in Kalifornien die neue Welt. In der müssen sich Notenbanker wie Bernanke und Draghi ebenso bewegen wie der neue Gouverneur von Japans Notenbank, Haruhiko Kuroda, und der Kanadier Mark Carney, künftig Chef der Bank von England. Carneys Wechsel an die Themse kann fast als Symbol herhalten: während Kanadas Notenbank es bei traditioneller Zinspolitik belassen konnte, wird der 48-Jährige nun Chef der Zentralbank, die in der Krise - gemessen an der Wirtschaftsleistung Großbritanniens - so viel Geld druckte wie keine andere.

Bei Carney, dem smarten Ex-Banker und Chef des im Auftrag der G20-Länder agierenden Finanzstabilitätsrats FSB, sind sich die Fachleute einig, dass er schnell ankommen wird in der neuen Welt. Andere Geldpolitiker haben nach Ansicht von Adam Posen, dem Chef des Washingtoner Peterson Instituts und früher selbst Notenbanker in Großbritannien, noch Anpassungsschwierigkeiten: "Es gibt schon so etwas wie Nostalgie unter Zentralbankern, was die guten alten Tage in den 1990ern anbetrifft oder die ersten Jahre des vergangenen Jahrzehnts. Da konnte man einfach die Leitzinsen setzen und dann passte das schon. Aber das Paradies war nur eine Illusion." Mit der Krise kam das Ende jener Zeit, die Historiker die "Great Moderation" nennen - sattes Wirtschaftswachstum bei geringer Inflation und niedrigen Zinsen.

Geldpolitische Weltformel

Damals glaubte die Zunft nach Jahrzehnten von Versuch und Irrtum endlich die geldpolitische Weltformel gefunden zu haben, mit der sie die Konjunktur quasi wie in einem Computerspiel per Joystick steuern konnte. Doch Alan Greenspan, Ex-Chef der Fed und "Magier der Märkte" genannt, und seine Mitstreiter machten aus heutiger Sicht zwei Fehler: sie bewerteten die Segnungen der Globalisierung und den Eintritt Chinas in die Weltwirtschaft über und sahen nicht die Risiken, die aus der völligen Deregulierung der Finanzmärkte erwuchsen. Vom Nimbus der alten Garde ist der Lack längst ab. Und während sich Greenspan auf dem Höhepunkt seiner für einen Notenbanker wohl einmaligen Popularität durchaus als "mächtig" wähnen durfte, haben seine Nachfolger heute um einiges mehr Einfluss auf den Lauf der Welt als er - und als ihnen selber lieb ist.

Mit der Krise taugen Notenbanker auch wieder als Helden für die populärwissenschaftliche Literatur: "Die Alchemisten" nennt der US-Journalist Neil Irwin Ex-EZB-Präsident Jean-Claude Trichet, den in ein paar Wochen aus dem Amt scheidenden britischen Notenbankchef Mervyn King sowie Bernanke. In dem neuen Buch des Autors der "Washington Post" kommt die Bundesbank samt Ex-Chef Axel Weber übrigens nicht gut weg. Irwings Bewertung Webers, der aus Frust über den Kurs von Trichet das Handtuch warf, wechselt zwischen Hochachtung und Unverständnis. Global betrachtet wirkt der Dauer-Zwist zwischen orthodoxer Bundesbank und pragmatischer EZB - den jetzt Webers Nachfolger Jens Weidmann ausficht - eher wie eine Fußnote in der Krise. Ein Glaubenskrieg, den die Realität längst entschieden hat.

EZB gefangen

Fluten die USA, Japan, Großbritannien und andere Länder die Welt mit billigem Geld, kann es sich Europa kaum leisten, einen anderen Weg zu gehen, auch wenn die Risiken und Nebenwirkungen offensichtlich sind. Das wird besonders deutlich, wenn es um die Frage nach einem Ausstieg aus dem Krisenmodus geht: "Wenn sich die Geldpolitik in unterschiedliche Richtungen entwickelt und die EZB dann schon aussteigt, wenn andere noch das Gaspedal voll durchgedrückt haben, wird sich das massiv auf die Wechselkurse auswirken", warnt Michael Heise, Chefökonom des größten europäischen Versicherers Allianz. Doch bislang sieht es gar nicht danach aus, dass die EZB den Fuß vom Gas nimmt. Zuletzt öffnete Draghi sogar die Tür ein Stück Richtung einer weiteren Zinssenkung oder neuer unkonventioneller Maßnahmen. Die hartnäckige Rezession in weiten Teilen der Euro-Zone macht dem Italiener Sorgen.

Ohnehin hat die EZB im Gegensatz zur Fed und den anderen bedeutenden Zentralbanken den Fuß bislang nicht besonders stark durchgedrückt. In den Bilanzen der Zentralbanken kann man lesen, dass sich die Aktiva der EZB seit 2006, dem letzten vollen Jahr vor Ausbruch der Krise, mehr als verdoppelt haben, die der Fed mehr als verdreifacht und diejenigen der Bank von England sogar mehr als versechsfacht. Japan, dessen neue Geldwelle gerade mit Wucht in die Finanzmärkte schwappt, nimmt sich fast bescheiden aus. Tokios Notenbankbilanz ist durch die geldpolitischen Lockerungen der späten 1990er-Jahre allerdings längst drei Mal so hoch wie zu normalen Zeiten. Für den Wirtschaftsweisen Peter Bofinger sind diese Zahlen der Beweis, dass hierzulande kaum Gefahr durch das billige Geld der EZB droht: "Europa hat bisher noch gar keine Geldschwemme."

Kulturkampf der Notenbanken

Im Gegenteil - zu passiv ist die EZB bislang im Kampf gegen die Krise für den Würzburger Geldpolitik-Experten gewesen. "Die EZB ist eine sehr vorsichtige Notenbank. Wie schlecht muss es der Wirtschaft eigentlich noch gehen, damit sie den Leitzins weiter senkt - etwa auf 0,25 Prozent?" Für Bofinger ist an der im Vergleich zu anderen Notenbanken zögerlichen Antwort der EZB auf die Krise unter anderem die Bundesbank schuld - die Ende der 1990er-Jahre Vorbild für die EZB war. Durch die Krise sei deren Modell allerdings nicht gerade gestärkt worden, meint Bofinger: "Wir erleben eine Art Kulturkampf der Notenbanken - die USA und Japan auf der einen und die Euro-Zone auf der anderen Seite."

Parallel werden die politischen Begehrlichkeiten immer größer. Aus Spanien waren jüngst Töne zu hören, wie sie vor der Krise kaum ein amtierender Regierungschef so formuliert hätte: Ministerpräsident Mariano Rajoy will über ein erweitertes Mandat der EZB sprechen, das bislang weitgehend darauf begrenzt ist, für stabile Preise zu sorgen. Und eben nicht in erster Linie die Wirtschaftspolitik unterstützen oder gar für Vollbeschäftigung sorgen soll, wie es in den USA der Fall ist. "Wir sollten in Europa darüber nachdenken, ob die EZB die selben Befugnisse wie die restlichen Zentralbanken haben sollte." Dabei war vor der Krise Konsens in Europa, dass die EZB bei größtmöglicher Unabhängigkeit von der Politik nur ein dünnes Pflichtenheft bekommen sollte. Mission: stabile Preise. Für die allermeisten deutschen Ökonomen war und ist die EZB anders nicht denkbar.

Engstirnige Deutsche?

Mit diesen Experten geht der Ex-EZB-Forschungsdirektor und heutige Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, hart ins Gericht: "Viele Ökonomen in Deutschland haben eine sehr enge Interpretation von dem, was eine Zentralbank tun darf im Rahmen ihres Mandats." Ein Beispiel sei Mario Draghis Ankündigung unbegrenzter Anleihe-Käufe, die von der Bundesbank massiv attackiert worden war. Allerdings müssen auch eingefleischte Bundesbanker inzwischen einräumen, dass Draghis Machtwort vom vergangenen Sommer die Finanzmärkte beruhigt hat und die EZB seither keine einzige Anleihe eines überschuldeten Landes kaufen musste.

Für Fratzscher hat Draghi bewiesen, "dass eine Notenbank mehr tun kann und muss, um Preisstabilität zu erzielen, als den Zins als Instrument zu benutzen". Indem sie in Zeiten der Krise für Vertrauen sorge, bereite sie den Boden für Finanzstabilität und damit letztlich auch stabile Preise. Durch die Hintertür erfüllt sie damit am Ende doch ihren Auftrag. Für viele Kritiker bleibt jedoch gerade an diesem Punkt die Frage offen, ob die Bereitschaft einer Notenbank, sich in einer Krise auf Tuchfühlung mit der Finanzpolitik zu begeben, nicht doch nach hinten losgehen kann. Zum Schwur wird es erst dann kommen, wenn die Notenbanken in aller Welt nach der Krise den Geldhahn wieder zudrehen wollen.

Technisch gesehen ist das für moderne Notenbanker, die aus den Fehlern während der Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise in den 1920er- und 1930er-Jahren gelernt haben, kein Problem. "Ich glaube, der Exit kann sehr schnell gehen", sagt Notenbank-Experte Fratzscher. Die Zentralbank habe viele Instrumente. "Die Sorge, fast Panik in Deutschland vor Inflation ist unbegründet." In den USA lässt Notenbankchef Bernanke längst prüfen, wie ein solcher Ausstieg über bestimmte, Liquidität absaugende Geschäfte mit Banken konkret durchgeführt werden kann. Und auch bei der EZB liegen in den Schubladen die Blaupausen und Pläne für den Einsatz der Geld-Staubsauger. Doch es bleiben Zweifel.

Werden die Zentralbanken wegen der neuen Nähe zur Politik lieber länger warten als es gesund wäre für ihre Volkswirtschaften? Harvard-Ökonomin Carmen Reinhardt glaubt die Antwort zu kennen: "Keine Notenbank wird zugeben, dass sie ihre Zinsen niedrig hält, um der Regierung bei deren Schuldenproblemen zu helfen. Tatsächlich aber reißen sie sich ein Bein aus, um genau das zu tun", sagte sie kürzlich dem "Spiegel". Für die Politiker ist ein wenig Inflation nämlich eine tolle Sache, da ihre Schulden wie durch Zauberhand abnehmen. Die Zeche zahlt aber der Bürger durch den Wertverlust seiner Ersparnisse und auch im Supermarkt, wenn Produkte des täglichen Bedarfs immer teurer werden.

Keine Allzweckwaffe

Das Aufgabenspektrum der Notenbanken hat sich vom Preis-Wächter zum Aufseher über Banken und wirtschaftspolitischen Akteur erweitert. So verhandeln EZB-Mitarbeiter inzwischen im Rahmen der Troika-Missionen mit Regierungen über Strukturpolitik. Zudem hält die EZB über Notkredite (ELA), die eigentlich nur für ein paar Wochen gedacht sind, über Monate und sogar Jahre dem Untergang geweihte Banken am Leben. Mit Geldpolitik im eigentlichen Sinne hat das alles nicht mehr viel zu tun. Dafür ist die Vereinahmung der Notenbanken durch die Politik kaum mehr zu übersehen. Und das gilt ja nicht nur für die EZB: in Japan setzt der neue Premierminister Shinzo Abe mindestens ebenso große Hoffnungen in die Bank von Japan als David Cameron in London auf den künftigen Chef der Bank von England.

Der Weg zurück wird steinig: Das gilt vor allem für Länder, in denen wie jetzt in Japan Notenbank und Regierung ganz offen eine Allianz schmieden. Liefern muss am Ende nämlich dann doch die Politik - ganz ohne Notenbanken, die allenfalls ein wenig Schützenhilfe geben können: vor allem müssen die Regierungen sparen - etwa in den USA oder Europa oder wie im Falle Nippons Nachfrage und Kreditvergabe stimulieren. Jörg Asmussen, der als EZB-Direktor und ehemaliger deutscher Finanzstaatssekretär beide Seiten erlebt hat, kennt die Grenze genau, die es trotz aller Nähe zwischen Regierungen und Notenbanken gibt: "Wir sorgen für stabile Preise, aber wir sind keine Allzweckwaffe."

Das Computerspiel der Fed von San Francisco soll übrigens noch in diesem Jahr generalüberholt und auf den neuesten Stand der Technik gebracht werden. Vor allem auf Smartphones und Tablets soll es dann besser spielbar sein. Ob die Techniker dem virtuellen Zentralbankchef auch ein an moderne Zeiten angepasstes Waffenarsenal für geldpolitische Aktionen programmieren werden oder völlig neue Krisenszenarien entwerfen, ist nicht bekannt. An die Herausforderungen in der Realität reicht - seit Jahren und wohl auch noch für eine ganze Zeit - sowieso kein Spiel heran.