Macht und Ohnmacht der Rating-Agenturen

Macht und Ohnmacht der Rating-Agenturen

Die Bedeutung von Ratings sinkt, doch die großen drei Ratingagenturen haben noch immer große Macht. Europa will dagegen etwas tun.

Die US-Ratingagentur Moody's hat mit ihrem Entzug der Bestnote für die Kreditwürdigkeit Frankreichs die europäischen Devisen- und Rentenanleger kaum überrascht. Zwar gaben der Euro und die Kurse der französischen Anleihen leicht nach. Doch fiel die Reaktion moderat aus. Bis zum frühen Nachmittag hatte sich der Euro schon wieder auf dem Vortagesschluss von 1,2815 Dollar stabilisiert und die Verluste bei den französischen Anleihen lagen nur wenig höher als bei ihren deutschen Pendants. Dafür notierten die Kurse der spanischen und italienischen Staatsanleihen leicht im Plus.

Der Kern leidet

"Die Herabstufung Frankreichs ist eine Enttäuschung und ein Zeichen dafür, dass auch der Kern Europas etwas leidet. Aber die Märkte haben schon seit einiger Zeit über einen solchen Schritt spekuliert", erklärte Graham Bishop, Stratege bei Exane BNP Pairbas. Schließlich hatte Standard & Poor's schon im Januar die zweitgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone heruntergestuft. Moody's stuft die Kreditwürdigkeit Frankreich nun nur noch mit "Aa1" ein und versah die neue Note auch gleich noch mit einem negativen Ausblick.

Weniger wichtig

In der Euro-Zone spielten Ratings nur noch eine begrenzte Rolle, merkte Commerzbank-Analyst Lutz Karpowitz an. "Der Rettungsschirm ESM ist ja gerade so konstruiert worden, dass durch eine Herabstufung eines AAA-Landes das mögliche Kreditvolumen nicht mehr tangiert wird (wie es beim EFSF der Fall gewesen wäre)", sagte er. Die Refinanzierung Frankreichs werde sich durch das Urteil kaum verteuern, vermuten auch die Analysten der Essener National-Bank. Allerdings stünden die Rettungsfonds EFSF und ESM, bei denen die Bonität Frankreichs eine entscheidende Stütze ist, nun ebenfalls auf dem Prüfstand der Ratingagenturen.

Konkurrenz könnte den Markt beleben

Trotz des Beispiels Frankreich: Die Zeugnisse der großen Ratingagenturen für die Euroländer bleiben gefürchtet. Nun aber will die Bertelsmann Stiftung den Anstoß für ein Gegengewicht zu Moody's, Standard & Poor's und Fitch geben - global aufgestellt, nicht gewinnorientiert und mit einem eigenen Ratingmodell. Einen Konkurrenten zu den großen Drei zu etablieren, dürfte aber alles andere als leicht werden. Die US-Platzhirsche sind seit Jahrzehnten im Geschäft und haben großen Einfluss.

"Bisher hat es niemand geschafft, das Oligopol der drei Großen zu brechen", sagt der Volkswirt Hanno Beck von der Hochschule Pforzheim. "Es ist extrem schwierig, in diesem Markt Fuß zu fassen." Der Aufbau einer neuen Ratingagentur sei sehr aufwendig, teuer und mit hohem Risiko behaftet. "Das entscheidende, das eine Ratingagentur braucht, ist Reputation." Sie müsse den Ruf haben, schon lange am Markt und zuverlässig zu sein. "Das müssen sie sich erst einmal aufbauen." Bei Initiatoren und Investoren ist ein langer Atem gefragt.

Projekt in Europa

Das bekommt auch Markus Krall zu spüren. Der frühere Senior Partner bei der Unternehmensberatung Roland Berger ist mittlerweile Leiter der Projektgesellschaft für eine europäische Ratingagentur. Die Idee für ein solches Benotungsunternehmen entstand bereits auf dem Höhepunkt der Finanzkrise. Bis heute steht aber kein genauer Starttermin fest. "Wir halten an der Planung fest, im nächsten Jahr zu starten", sagt eine Sprecherin. Wie viele Unternehmen mitziehen wollen und wie viel Geld Krall schon zusammengetragen hat, wollte die Sprecherin nicht sagen. Sobald 100 Mio. Euro beisammen seien, könne die Agentur aber an den Start gehen. Langfristig seien 300 Mio. Euro für die vorgesehene Stiftungslösung notwendig. Bei der Investorensuche setzt Krall vor allem auf Banken, Versicherungen und vermögende Privatinvestoren. Staatliche Beteiligungen sind nicht vorgesehen.

Modell von Bertelsmann

Anders beim Konzept für die International Non-Profit Credit Rating Agency (INCRA): Die Bertelsmann Stiftung will für ihr Projekt die G20-Gruppe der Industrie- und Schwellenländer beigeistern. Zum Beispiel in Deutschland wird jedoch die Beteiligung von Regierungen an Ratingagenturen skeptisch gesehen. Kritiker einer solchen Lösung befürchten, dass die Märkte dies als politische Einflussnahme werten könnten und dem Benotungsunternehmen kein Vertrauen schenken würden. Die Bertelsmann Stiftung will dieses Problem mit einem Gremium umschiffen, das zwischen Geldgebern und operativem Geschäft angesiedelt ist, sagt die zuständige Managerin bei der Bertelsmann Stiftung, Annette Heuser. Auch bei der Bewertung soll INCRA andere Wege gehen. Neben klassischen makroökonomischen Indikatoren wie Bruttoinlandsprodukt, Schuldenstand, Exportstärke und Preisentwicklung haben bei der Bewertung vorausschauende Indikatoren wie das Krisenmanagement, Umsetzung von Reformen, Investitionen und Erschließung wichtiger Ressourcen wie Bildung großes Gewicht.

Anders als Moody's und Co. soll sich INCRA nur auf Länderratings und Benotung internationaler Organisationen beschränken. Für die großen Drei ist dagegen die Bewertung von Wertpapieren, die Unternehmen ausgeben, ein wichtiges Geschäft. Bestellt und bezahlt werden diese Zeugnisse von den Unternehmen selbst. Dies war auch Grund für harsche Kritik und einen massiven Vertrauensverlust im Zuge der Finanzkrise 2007/2008, als die Ratingagenturen Schrottpapiere teilweise mit Bestnoten versehen hatten. Die INCRA-Bewertungen sollen dagegen kostenlos sein. Ob das Konzept aufgeht, und wenn ja, wann, steht aber noch in den Sternen. Heuser sagt: "Das geht nicht von heute auf morgen."

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