Italien verliert den Krieg um Risikoaufschläge für Staatsanleihen

Das macht Investitionen so teuer, dass selbst im prosperierenden Norditalien immer mehr Unternehmen darauf verzichten müssen. Im harten Wettbewerb mit Rivalen aus Deutschland droht das angeschlagene Land deshalb zurückzufallen.

Italien verliert den Krieg um Risikoaufschläge für Staatsanleihen

"Wir konnten uns früher Geld leihen für 2,5 bis 3,0 Prozent Zinsen", sagt der Chef des Textilunternehmens Marly's. "Aber seit der Krieg um Risikoaufschläge für Staatsanleihen begonnen hat, haben sich die Dinge dramatisch geändert. Die Kreditkosten sind um ein paar Prozentpunkte gestiegen."

Marly's ist ein typischer norditalienischer Industriebetrieb, der sich auf dem internationalen Markt behauptet muss. Ansässig in der Nähe von Vicenza im Veneto, wo viele kleine und mittelständische Firmen ihren Sitz haben, stellt die Firma Damenbekleidung für Marken wie Carlo Pignatelli und Kathleen Madden sowie unter eigenem Namen her. 16,5 Millionen Euro Jahresumsatz schaffte Marly's zuletzt.

Abhängig von den Banken

Doch obwohl die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins auf das Rekordtief von 0,75 Prozent gesenkt hat, steigen die Kosten für Unternehmenskredite in Italien. Die Firmen werden für die enormen Staatsschulden von zwei Billionen Euro mit in Haftung genommen. Und das, obwohl die eher konservativ wirtschaftenden Betriebe der Realwirtschaft viel weniger verschuldet sind als ihre Konkurrenten in Großbritannien, Frankreich und Spanien. Sie machen 81 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes aus.

Ihr Handicap: 70 Prozent ihrer Verbindlichkeiten schulden sie Banken. Das ist mehr als der europäische Durchschnitt. Die Unternehmen sind dadurch abhängig von der Kreditvergabepraxis der Banken und anfällig für das konjunkturelle Auf und Ab im Inland. Für kurzlaufende Kredite von bis zu einer Million Euro mussten Italiens Unternehmen im Juni durchschnittlich 4,57 Prozent Zinsen zahlen - ein halbes Prozentpunkt mehr als im europäischen Durchschnitt. Deutschen Firmen wurden sogar nur 3,37 Prozent in Rechnung gestellt. Vor anderthalb Jahren sah das noch ganz anders aus. Damals lag der Zins in Italien mit 3,22 Prozent unter dem deutschen und europäischen Schnitt.

Kein faierer Wettbewerb mehr

Die Italiener trifft das hart. Denn sie müssen investieren, um den Anschluss an die hohe Produktivität ihrer Konkurrenz in Deutschland nicht zu verlieren. "Das ist kein fairer Wettbewerb mehr", sagt der Chef der Denkfabrik Re-Define, Sony Kapoor. "Aber man muss sich in die Situation der Banken versetzen: Wenn die italienische Regierung sechs Prozent Zinsen für Staatsanleihen zahlt, warum sollen sie die viel riskanteren Kredite an kleine und mittelständische Unternehmen zu einem geringeren Zinssatz vergeben?" Für Kredite mit einer Laufzeit von fünf und mehr Jahren werden etwa sechs Prozent Zinsen fällig - so viel zahlt der Staat auch für neue Schulden. Zum Vergleich: deutsche Firmen bekommen Geld mit längerer Laufzeit schon für 3,5 Prozent Zinsen.

"Der Einfluss der offiziellen EZB-Zinssätze auf die Bankzinsen in Italien und Spanien hat sich verringert, während er in Deutschland und Frankreich gestiegen ist", sagt Goldman-Sachs-Analystin Natacha Valla. "Während in Italien und Spanien sowohl die privaten Haushalte als auch Unternehmen aus der Realwirtschaft deutlich mehr Zinsen an die Banken zahlen müssen, sinken sie in Deutschland im Einklang mit der offiziellen Zinsrate."

Gleiches Rating, viel höhere Zinsen

Auch Großkonzernen macht die wachsende Zinsdifferenz zu schaffen. Italiens Versorger Enel zahlt für eine bis 2018 laufende Anleihe aktuell einen Zins von 4,55 Prozent, während der für den deutschen Konzern RWE lediglich 1,56 Prozent beträgt. Und das, obwohl beide Unternehmen von den Ratingagentur gleich bewertet werden: mit BBB+ von Standard & Poor's und A- von Fitch. Im Verarbeitenden Gewerbe macht sich dieser Wettbewerbsnachteil ebenfalls bemerkbar. Fiat-Chef Sergio Marchionne, dem die sinkende Nachfrage auf dem Heimatmarkt zu schaffen macht, klagte vor wenigen tagen über die aggressive Preisstrategie des deutschen Rivale VW.

Dabei sind beide Länder Handelspartner und Konkurrenten in einem. Deutschland ist Italiens wichtigster Absatzmarkt: 49,4 Milliarden Euro erlösten sie im vergangenen Jahr in der Bundesrepublik, 13 Prozent des gesamten Exportumsatzes - ein Rekord. Die Importe auf Deutschland haben einen Wert von 62 Milliarden Euro. Die Unternehmen beider Länder konkurrieren in Drittländern um Umsatz und Marktanteile. Die hohen Kreditkosten aber erschweren es den Italienern, bei den Investitionen Schritt zu halten.

Ein Beispiel dafür ist Enolgas, ein Hersteller von Ventilen mit einem Jahresumsatz von 30 Millionen Euro. Noch während der 2008 beginnenden Finanzkrise setzte das aus der Lombardei stammende Unternehmen auf Investitionen. Vergangenes Jahr hat es diese gekappt. "Der Fokus kleiner italienischer Unternehmen liegt kurzfristig darauf, Kredite zur Sicherung des Geschäftsbetriebs zu bekommen", sagt Enolgas-Eigentümer Sandro Bonomi. "Das geht auf Kosten von Krediten für Investitionen."