Französische Malaise

Die "Flitterwochen" von Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande und den Anleiheinvestoren könnten angesichts der wirtschaftlichen Realitäten bald enden.

Französische Malaise

Hollande, der in der vergangenen Woche aus seinem 15-tägigen Urlaub zurückgekehrt ist, muss sich nun mit der seit drei Quartalen nicht mehr wachsenden Wirtschaft und dem aufgeblähten Handelsdefizit auseinandersetzen. Auch ein Plan wird benötigt, wie das Haushaltsloch von mehr als 30 Mrd. Euro im kommenden Jahr zu stopfen ist.

Diese Herausforderungen könnten die Rally bei den französischen Staatsanleihen beeinträchtigen, die dem Land erstmals die Platzierung von Schatzwechseln mit einer negativen Rendite ermöglicht hatte. Während der ersten 100 Tage nach Amtsantritt Hollandes war der Aufschlag auf zehnjährige Staatsanleihen Frankreichs zu gleichlaufenden Bundesanleihen auf den niedrigsten Stand seit über einem Jahr gefallen. Dieser Trend kehrt sich nun langsam um.

Keine Unterstützung für die Anleihen

“Frankreichs Fundamentaldaten - steigende Arbeitslosigkeit, die sich ausweitende Leistungsbilanz- und Haushaltsdefizite - würden den Anleihen keine Unterstützung bieten”, sagte Jamie Stuttard, Leiter internationale Bondanlagen bei Fidelity Investments in London. “Je teurer die französischen Anleihen werden, umso schwieriger wird die Angelegenheit mit der Staatsverschuldung Frankreichs.”

Die Rendite zehnjähriger Frankreich-Bonds belief sich zuletzt auf 2,07 Prozent, nahe dem Rekordtief von zwei Prozent vom 3. August und niedriger als die 2,89 Prozent am letzten Handelstag vor Hollandes Wahl zum Staatspräsidenten am 6. Mai. Der Renditeabstand zwischen Frankreichs und Deutschlands zehnjährigen Anleihen war am 15. August erstmals seit mehr als einem Jahr wieder unter 60 Basispunkte gefallen. Mittlerweile weitet sich der Spread wieder aus - am Montag belief er sich auf 71 Basispunkte.

Französische Staatsanleihen warfen in diesem Monat 0,29 Prozent ab. Im Juli hatten die Bonds den Anlegern 3,98 Prozent eingebracht und damit die mit “AAA” bewerteten Staaten wie Deutschland, Finnland und die Niederlande geschlagen, wie aus Daten von Bank of America Merrill Lynch hervorgeht. Standard & Poor’s hatte Frankreich die Spitzenbonitätsnote im Januar aberkannt.

Im Jahresverlauf 2012 sind die Kurse für französische Schuldtitel gestiegen, insbesondere seit Hollandes Wahlsieg. Hintergrund der Rally waren die Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank auf ein neues Rekordtief sowie die Verringerung des Einlagensatzes auf null, eine am Rande der Rezession stehende Euroraum-Wirtschaft und der Anstieg der Renditen zehnjähriger Anleihen der beiden Euro-Sorgenkinder Italien und Spanien auf über sechs Prozent.

Rally aufgrund haltloser Versprechungen

Anleger setzten inmitten der Schuldenkrise im Euroraum auf die relative Stabilität Frankreichs. Auch die steten Beteuerungen von Hollande, das Haushaltsdefizit von 5,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2011 auf 4,5 Prozent in diesem und drei Prozent im nächsten Jahr zu senken, lockten Investoren an.

Bis zur Vorstellung des Haushaltsplans für 2013 am 24. September muss Hollande nach Schätzung des nationalen Rechnungshofs etwa 33 Mrd. Euro auftreiben, entweder durch Steuereinnahmen oder Einsparungen. Sollte die Regierung ihre Wachstumsprognose für 2013 senken - was angesichts der letzten drei Quartale ohne Wachstum wahrscheinlich erscheint - wäre das Haushaltsloch sogar noch größer.

Um das Wachstum anzukurbeln müsste Hollande sich mit den Arbeitskosten in Frankreich auseinandersetzen, die zu den höchsten im Euroraum zählen, zu zehntausenden Stellenstreichungen geführt haben und im vergangenen Jahr zu dem Rekorddefizit in der Handelsbilanz beitrugen.

Nur der Druck des Marktes wird zu Reformen führen

Am meisten Sorgen bereitet es Anleiheinvestoren, dass Hollande angesichts der im europäischen Vergleich niedrigen Finanzierungskosten und wegen des zu erwartenden Widerstands in der Bevölkerung die dringend benötigten Wirtschaftsreformen hinauszögern könnte.

Hollande “muss Vorbereitungen treffen”, sagte Nicholas Spiro von Spiro Sovereign Strategy in London. “Das Problem ist, das er sich selbst politisch in eine Sackgasse manövriert hat. Das Einzige, was ihn dazu bringen wird, bedeutende Reformen einzuleiten, ist der Druck des Marktes.”

Regierung senkt wohl die Wachstumsprognose

In Frankreich gerät die sozialistische Regierung wegen der Konjunkturflaute nur wenige Monate nach Amtsantritt zunehmend unter Druck. Ministerpräsident Jean-Marc Ayrault räumte am Montagabend im Fernsehen erstmals ein, die Wirtschaft werde im nächsten Jahr womöglich doch nicht so stark wachsen wie erhofft. Die Regierungsprognose von 1,2 Prozent müsse möglicherweise etwas gesenkt werden, sagte Ayrault, ohne jedoch eine neue Zahl zu nennen.

Die meisten Volkswirte trauen der nach Deutschland zweitgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone nach einer Stagnation in diesem Jahr 2013 nur ein Plus von 0,5 bis 1,0 Prozent zu. Für das laufende dritte Quartal sagt die Zentralbank des Landes sogar eine Schrumpfung um 0,1 Prozent voraus. Damit erhalten Hoffnungen auf eine rasche Erholung nach der Wahl einen Dämpfer.

Die Wirtschafts- und Arbeitsmarktmisere belastet auch das Ansehen von Präsident Hollande. Allein im August brachen seine Popularitätswerte in einer Ipsos-Umfrage zum Vormonat um elf Punkte ein. Eine Senkung der Wachstumsprognose könnte ihm weitere Zustimmung kosten. Viele Franzosen sind der Ansicht, dass die Regierung nicht genug gegen die steigende Arbeitslosigkeit unternimmt. Diese will noch in dieser Woche ein Beschäftigungsprogramm vorstellen.

So viele Arbeitslose wie seit mehr als 13 Jahren nicht

Massive Stellenstreichungen bei großen Konzernen wie dem Autobauer Peugeot oder dem Einzelhändler Carrefour haben auch die Gewerkschaften auf den Plan gerufen. Die jüngste Statistik ergab: In Frankreich gibt es mit fast drei Millionen so viele Arbeitslose wie seit mehr als 13 Jahren nicht mehr. Ihre Zahl kletterte im Juli den 15. Monat in Folge auf nunmehr 2,987 Millionen, wie das Arbeitsministerium am Montagabend mitteilte. Das waren 41.300 mehr als im Juni.

Es ist der höchste monatliche Anstieg seit der Finanzkrise von 2008 und 2009 und zugleich der höchste Stand seit Juni 1999. Die Gewerkschaften gehen davon aus, dass sich der Trend im September fortsetzen wird. Viele Firmen hätten Stellenstreichungen bewusst vor den Wahlen im Mai und Juni aufgeschoben.