"Es wäre besser in den sauren Apfel zu beißen"

War es 2008 unter dem Eindruck der Lehman-Brothers-Pleite einfach, die Welt für die Krisenmaßnahmen der Fed zu begeistern, muss Bernanke kurz vor seinem 60. Geburtstag nun den Finanzmärkten den bevorstehenden Ausstieg aus seiner beispiellosen Billiggeld-Politik schmackhaft machen.

"Es wäre besser in den sauren Apfel zu beißen"

Dass schon erste zarte Hinweise darauf für eine gigantische Kapitalflucht aus Schwellenländern sorgten, verkompliziert das Unterfangen. Allerdings ist Bernanke natürlich nicht Brasilien, Indien oder der Türkei verpflichtet, sondern nur seinen rund 300 Millionen Mitbürgern. Am Finanzmarkt wird die nun heraufziehende geldpolitische Wende vor allem deshalb mit gemischten Gefühlen erwartet, weil nicht klar ist, ob sie ohne Verwerfungen an den Börsen gelingen wird. Helaba-Analyst Christian Apelt ist sich dennoch sehr sicher: "Nach mehrmonatiger Diskussion über das Herunterfahren ihrer Wertpapierkäufe wird die Federal Reserve nun ihren Worten Taten folgen lassen."

Bereits seit Mai, als Bernanke erstmals über den "Exit" laut nachdachte, ist klar, dass die Fed noch in diesem Jahr den Fuß vom geldpolitischen Gaspedal nehmen wird. Konkret bedeutet dies zunächst, dass weniger Staats- und Immobilienpapiere aufgekauft werden und damit weniger Geld in die Wirtschaft gepumpt wird. Über die Frage, wie stark Bernanke auf die Bremse treten wird, streiten sich die Experten. Das Gros erwartet allerdings, dass er die bisherige monatliche Summe von 85 Milliarden Dollar um zehn auf 75 Milliarden reduziert. Es dürfte sich also nur um den Einstieg in den Ausstieg aus der Krisenpolitik handeln. Die Fed-Konjunkturhilfen dürften schätzungsweise noch bis Mitte 2014 schrittweise zurückgefahren werden.

Der saure Apfel wartet

Nach zuletzt enttäuschenden Daten vom US-Arbeitsmarkt bleibt allerdings ein Rest an Unsicherheit, ob Bernanke wirklich ernst macht und schon im September die Bremse zieht oder noch bis zum Jahresende wartet. Bernd Weidensteiner, Commerzbank-Ökonom und langjähriger Beobachter der US-Geldpolitik, kann sich angesichts der inzwischen verfestigten Erwartungen von Investoren in aller Welt nicht vorstellen, dass Bernanke kneift: "Es wäre besser in den sauren Apfel zu beißen, und es jetzt zu tun." Bis zur ersten Zinserhöhung wird sich die Fed nach Ansicht so gut wie aller Ökonomen allerdings noch lange Zeit lassen. Und damit die Börsianer durch den kommenden Geld-Entzug seitens der Zentralbank nicht zu sehr vergrätzt werden, könnte Bernanke ihnen noch eine Art Abschiedsgeschenk machen.

Harm Bandholz, US-Chefökonom bei der italienischen Großbank UniCredit, hält es für möglich, dass die Zinsen länger niedrig bleiben als bislang von der Fed zugesagt. "Um ihr Versprechen ultra-niedriger Zinsen weiterhin zu untermauern, könnte die Notenbank den von ihr gesetzten Schwellenwert bei der Arbeitslosenquote, bis zu dessen Erreichen der Leitzins bei null Prozent bleibt, senken", führt Bandholz aus. Bernanke hat bislang erklärt, der Leitzins werde so lange bei null bis 0,25 Prozent liegen, bis die Arbeitslosenquote auf 6,5 Prozent gefallen ist. Würde er den Schwellenwert auf 6,0 oder gar 5,5 Prozent kappen, bedeutet das, dass der Zins länger auf dem aktuellen Niveau verharrt.

Etwas subtiler könnten die Notenbanker vorgehen, wenn sie ihre Erwartungen an die künftige Leitzinsentwicklung, die nächste Woche ebenfalls veröffentlicht werden, nach hinten schieben. Wann genau aber der Zins-Wendepunkt dann sein wird, entscheidet mit Sicherheit nicht mehr Bernanke. Wer ihm auf dem Chefsessel der Fed nachfolgen wird, ist noch offen. Allerdings spricht nach dem überraschenden Rückzug des Ex-Finanzministers Lawrence Summers vieles für Bernankes bisherige Stellvertreterin Janet Yellen. Sie wäre die erste Frau an der Spitze der Notenbank - und eine Verfechterin der lockeren Geldpolitik.