"Die Investoren sind wie Geier"

Der Hype scheint ungebrochen: Selbst schwaches Wirtschaftswachstum, weniger Gewinnwachstum, hohe Schulden und daher auch die Gefahr steigender Pleiten können Investoren nicht davon abhalten, ihr Geld in US-Unternehmensanleihen mit schlechter Bonität zu investieren. Doch der "Tag der Abrechnung" wird kommen, meinen Experten.

"Die Investoren sind wie Geier"

Der August ist noch gar nicht zu Ende, und schon haben die Emissionen von US-Junk Bonds einen neuen Rekod erreicht. Die Renditen dieser Bonds von Unternehmen im High Yield-Bereich sind nahe der Rekordtiefs - bei einer gleichzeitigen Verlangsamung des Gewinnwachstums und einer anhaltend hohen US-Arbeitslosenrate.

Doch die Investoren bekommen aus Mangel an Alternativen nicht genug von den Anleihen. Das ruft Skeptiker auf den Plan: "Die Investoren stürzen sich wie die Geier auf diese Papiere", erläutert Bonnie Baha von DoubleLine Capital gegenüber Bloomberg. "Es ist fast so als spiele die Kreditwürdigkeit eines Unternehmens keine Rolle mehr. Da draußen sind einfach zu viele Dollars auf der Jagd nach viel zu wenigen Bonds."

Der Kabelfernsehanbieter Charter Communications, der erst im März 2009 in New York seinen Konkurs nach Chapter 11 anmeldete, und der Versorger Energy Future, der auf 36,6 Milliarden Dollar langfristigen Schulden sitzt, gehören zu den Unternehmen, die im Juli mit Bonds an den Markt kamen. In Summe wurden 26,8 Milliarden Dollar von "Junk"-Emittenten aufgenommen. In den vergangen fünf Jahren liegt der August-Durchschnitt laut Daten von Bloomberg bei nur 16,1 Milliarden Dollar. Der Rekordmonat schlechthin war allerdings der Mai 2011: Anleihen im Volumen von 44,7 Milliarden Dollar wurden emittiert.

Junk-Renditen auf Allzeittief, Renditeaufschläge noch hoch

Der Hype scheint tatsächlich ungebrochen: Angesichts der Tatsache, dass mit Staatsanleihen der sogenannten "sicheren Häfen" kaum mehr was zu verdienen ist, ist die Nachfrage der Investoren riesig. Die Mittelzuflüsse, die HY-Anleihenfonds 2012 verzeichneten, summieren sich auf rekordverdächtige 45 Milliarden Dollar - das ist laut EPFR Global das Dreifache an Zuflüssen des Jahres 2011.

Die Rendite, die "Junk"-Bonds im Schnitt noch abwerfen, beträgt laut Indexdaten der Bank of America Merrill Lynch 7,4 Prozent - gerade einmal 20 Basispunkte vom Allzeittief vom Mai 2011 entfernt. Immerhin liegt der Renditeaufschlag auf US-Staatsanleihen damit bei 588 Basispunkten - ein relativ starkes Argument also, um sich die riskanten "Junk"-Bonds ins Depot zu legen.

Dieser Renditeaufschlag oder Spread ist zudem noch weit von den Levels entfernt, die der Corporate Bond Markt 2007 - vor der Krise - erreicht hat. Anfang 2007 lag der Renditeunterschied nur bei 291 Basispunkten - allerdings sollte sich kurz darauf auch herausstellen, wie groß das Ausmaß der Überhitzung war.

Die Angst vor einer Abschwächung des Wirtschaftswachstums und infolgedessen beeinträchtigter Unternehmensgewinne samt zunehmender Unternehmenspleiten "wurden von dem Drang eine höhere Rendite zu erzielen, geradezu überrollt", schrieb Bank of Amerika-Bondstratege Oleg Melentyev in einer Aussendung. Die Summen, die in Anleihenfonds fließen, "erreichen in mancherlei Hinsicht Blasenniveaus, die niemals zuvor in der Geschichte übertroffen wurden."

Halbierung des Kupons

"Die Nachfrage ist groß und die Banken raten den Unternehmen sicher auch, jetzt an den Markt zu kommen - und nicht bis September oder Oktober zu warten", glaubt Thomas O’Reilly, Fondsmanager des Neuberger Berman High Income Bond Fund.

Charter Communications platzierte eine zehnjährige Anleihe mit einem Kupon von 5,25 Prozent vergangene Woche. Der Konzern holte sich 1,25 Milliarden Dollar und zahlte dafür 373 Basispunkte mehr als die USA auf ihre Anleihen. Die Mittel sollen zur Refinanzierung einer 2016er-Anleihe mit einem Kupon von 13,5 Prozent (!) herangezogen werden.

Mittels Pleite nach Chapter 11 im März 2011 konnte Charter Communications bis November 2009 die Schulden um 40 Prozent bzw. acht Milliarden Dollar reduzieren.

Ein gutes Beispiel für die "Gier" der Investoren ist auch der erwähnte Versorger Energy Future: Das Unternehmen (ehemals TXU) wurde 2007 im Zuge eines 45 Milliarden Dollar schweren Leveraged Buyouts (LBO) von KKR, Texas Pacific und Goldman Sachs Capital Partners von der Börse genommen. Das war der größte LBO der Geschichte - ein Jahr vor der Eskalation der Finanzkrise. Am 9. August kam Energy Future mit einer Anleihe mit einem Kupon von 11,75 Prozent an den Markt. Am selben Tag analysierte die Rating Agentur Moody's: Die Kapitalstruktur von Energy Future ist komplex und "untragbar" - und stutzte das Rating auf Caa3, neun Stufen (!) unter der Schwelle zum Investment Grade. Pleitegefahr: Enorm.

Ausfallsrate niedrig - noch

Freilich werden die Investoren von der Aussicht auf bessere Performance gelockt: Diese Wette wäre 2012 zumindest bislang aufgegangen. Die US-Jonk-Bond schafften heuer eine Performance von 9,65 Prozent - Staatsanleihen kamen laut Bank of America Merrill Lynch Daten nur auf 1,32 Prozent.

Auch liegt die Ausfallsrate derzeit noch unter dem historischen Schnitt. In den vergangen 12 Monaten rutschten weltweit 2,8 Prozent der "Junk"-Emittenten in die Pleite. Der Schnitt liegt laut Daten von Moody's bei 4.8 Prozent. Die Bonitätsexperten rechnen allerdings mit einem Anstieg der Ausfallsrate auf 3,1 Prozent bis Ende des Jahres.

“Der Markt für Hochzinsanleihen erweist sich als sehr belastbar", meint
Guy LeBas, Fixed Income-Stratege von Janney Montgomery Scott in Philadelphia. "Junk-Bonds sind nach wie vor unsere erste Wahl für den Rest des Jahres 2012."

Doch wenn die Konjunktur-Schwäche anhält oder sich gar verstärkt, werden "Junk"-Bonds im Beliebtheits-Ranking der Investoren schnell nach unten rutschen.

Ebitda-Wachstum geht rasant zurück

Der operative Gewinn (Ebitda) der "Junk"-Unternehmen wuchs im zweiten Quartal um 1,2 Prozent - in den Quartalen zuvor lag die Wachstumsrate eher im hohen einstelligen Bereich, analysierte Bank of America-Experte Oleg Melentyev. "Man braucht nur ein wenig Abstand nehmen und sich selber fragen, was mit der Bewertung und mit der Bilanz passiert ist, die hinter dieser Bewertung steht. Da kommt man einfach auf keinen gemeinsamen Nenner”, warnt Melentyev. Dazu kommt, dass "High-Yield ein Markt ist, der sehr abhängig von der Konjunktur und damit von der Risikoneigung der Investoren ist - ganz anders als Investment Grade-Anleihen.” Unternehmen mit besserer Bonität sollten eine Wirtschafsabschwächung leichter überstehen können, als Unternehmen im Ramsch-Bereich.

Der IWF geht in seiner aktuellen Prognose von einem globalen BIP-Wachstum 2013 von 3,9 Prozent aus - die April-Schätzung lag noch bei 4,1. Laut der Europäischen Kommission wird die Wirtschaft der Eurozone 2012 um 0,3 Prozent schrumpfen. Italiens BIP brach im zweiten Quartal um 0,7 Prozent ein, das spanische fiel um 0,4 Prozent.

"Da gibt es diese Einstellung, dass schon nichts Schlimmes mit all diesen Anleihen passieren wird", kritisiert Baha. "Doch das Ausmaß der Abwärtsbewegung in der Krise ist in der Regel genau so groß oder größer wie die Rally im Aufschwung. Ich kann mir nicht helfen, ich denke, dass der Tag der Abrechnung kommen wird."