Frankreichs neuer Held: Griezmann auf Platinis Spuren

Antoine Griezmann will den EM-Titel

Antoine Griezmann will den EM-Titel

Antoine Griezmann fehlt nur noch ein Sieg, um sich endgültig in der Riege von Frankreichs ganz Großen einzureihen. Der neben seinen muskelbepackten Teamkollegen schmächtig wirkende Dribbelkünstler schoss sich am Donnerstagabend endgültig in die französischen Herzen. Mit seinem Doppelpack eliminierte der 25-Jährige Weltmeister Deutschland beim 2:0-Halbfinaltriumph in Marseille nahezu im Alleingang.

"Wir haben wieder einen Helden, einen Stürmer, der uns Turniere gewinnen kann", sagte Frankreichs Ex-Star Thierry Henry nach dem Sieg der "Bleus". Den Titel EM-Torschützenkönig hat Griezmann praktisch sicher. Mit sechs Toren führt er die Wertung klar an. Er ist auch der erste Spieler seit den neun Treffern von Landsmann Michel Platini 1984, der bei einer EM mehr als fünfmal erfolgreich war. Nach seiner starken Saison mit Atletico Madrid und der Nationalmannschaft winkt Griezmann auch die Nominierung für die engere Wahl des Weltfußballers.

"Er ist unser kleiner Mann, der uns das gewisse Extra gibt", sagte Olivier Giroud über seinen nur 1,75 Meter großen Sturmpartner. Beim verlorenen WM-Viertelfinale gegen Deutschland vor zwei Jahren weinte Griezmann nach Schlusspfiff in Rio noch bitterlich. Am Donnerstag gönnte ihm Trainer Didier Deschamps auch noch den großen Abgang, als er ihn kurz vor dem Ende auswechselte. Die Zuschauer erhoben sich von ihren Plätzen und skandierten: "Grieeeeezmann, Grieeeeezmann."

Der in Macon, rund 60 km nördlich von Lyon, als Sohn eines Franzosen und einer Portugiesin geborene Griezmann war "glücklich und stolz", wie er zu später Stunde betonte. Ruhig, fast schüchtern, stellte er den Erfolg der Mannschaft in den Vordergrund. Eine Lektion, die er bei seinem Clubtrainer Diego Simeone verinnerlicht hat. Der Argentinier sieht seinen Schützling ohnedies auf einer Stufe mit den Weltbesten.

Mit 14 Jahren war Griezmann ins Baskenland zu Real Sociedad gewechselt. Frankreichs Großclubs hatten den jungen Antoine dem Vernehmen nach als zu schmächtig eingestuft. In Spanien sah man über die körperlichen Defizite hinweg. Nach seinem Durchbruch folgte 2014 der Wechsel in die Hauptstadt, auch bei Atletico schlug Griezmann dank schnellen Antritten und starker Schusstechnik voll ein. 2015 wurde er von der Liga neben Lionel Messi und Cristiano Ronaldo ins Team des Jahres nominiert.

In der abgelaufenen Saison machte Griezmann ebenfalls auf sich aufmerksam, in der Champions League scheiterte Atletico im Finale erst im Elfmeterschießen an Real Madrid. Der Franzose verschoss dabei in der regulären Spielzeit einen Strafstoß. Gegen Deutschlands Manuel Neuer, den er im Tor des FC Bayern schon auf dem Weg ins Endspiel der Königsklasse bezwungen hatte, zeigte der "Grizi" genannte Angreifer aber keine Nerven.

"Ich wollte einen Elfmeter in einem großen Spiel wie diesem schießen", schilderte er. "Beim zweiten Tor habe ich auf einen Fehler des Torhüters gewartet, und der Ball ist mir vor die Füße gefallen." Nun gelte es, die Spannung vor dem neuerlichen Wiedersehen mit Cristiano Ronaldo und dessen Portugiesen hoch zu halten. "Wir sind nun im Finale, und nun wollen wir auch diese Trophäe stemmen", betonte Griezmann.

Trotz zierlicher Gestalt: Leicht aus der Bahn zu werfen scheint Frankreichs neuer Nationalheld nicht zu sein. Selbst nach seinem enttäuschenden Auftritt im Eröffnungsspiel gegen Rumänien und seine über 60 Saisonspiele scheinbar ihren Tribut forderten, raffte sich Griezmann wieder auf. Zwischendurch verlängerte er auch noch seinen Vertrag bei Atletico bis 2021, obwohl noch namhaftere Vereine schon vorher Schlange gestanden haben dürften.

Nur eines will Griezmann nicht so wirklich, das Rampenlicht sagt ihm nicht zu. So scheute er nach getaner Arbeit auch den Vergleich zu Platini, der Frankreich 1984 zu Hause zum Titel geschossen hatte. "Ich bin nirgends im Vergleich", meinte Griezmann. "Ich hoffe, ich kann ihm näher kommen." Die Chance dazu ergibt sich am Sonntag im Stade de France von Saint-Denis.

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