Deutschland steht nach Elferkrimi im EM-Halbfinale

Das Glücksspiel Elferschießen bleibt eine Domäne der Deutschen

Das Glücksspiel Elferschießen bleibt eine Domäne der Deutschen

Fußball-Weltmeister Deutschland hat sein Italien-Trauma überwunden. Die Deutschen rangen ihren Angstgegner am Samstag im Viertelfinale der EM in Frankreich in einem völlig verrückten Elfmeterschießen mit 6:5 nieder. Erst der 18. Versuch durch Jonas Hector brachte in Bordeaux die Entscheidung. Gleich vier Schützen der Italiener waren davor gescheitert, bei den Deutschen waren es drei.

Nach 120 Minuten war es in einem von Taktik geprägten Schlager wie schon nach 90 Minuten 1:1 gestanden. Mesut Özil hatte die Deutschen vor 38.764 Zuschauern in Führung gebracht (65.), den Italienern gelang durch einen Elfmeter von Leonardo Bonucci aber noch der Ausgleich (78.). Deutschlands Abwehrchef Jerome Boateng hatte ihn mit einem unnötigen Handspiel im Strafraum ermöglicht.

Das Elfmeterschießen wurde dann zu einem Nervenkrimi. Mit dem unmittelbar davor eingewechselten Simone Zaza, Graziano Pelle und Bonucci vergaben gleich drei der ersten fünf italienischen Schützen. Allerdings trafen bei den Deutschen auch Thomas Müller, Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger, der den ersten Matchball ausließ, nicht vom Punkt. Nachdem schließlich auch noch Matteo Darmian an Deutschlands Torhüter Manuel Neuer gescheitert war, traf Hector.

Die Deutschen treffen nun im EM-Halbfinale am Donnerstag in Marseille auf den Sieger des letzten Viertelfinales zwischen Gastgeber Frankreich und Außenseiter Island. Bei der EM 2012 war das DFB-Team den Italienern im Halbfinale noch mit 1:2 unterlegen. Nun war für die "Azzurri", die im Achtelfinale noch Titelverteidiger Spanien (2:0) eliminiert hatten, auf bittere Art und Weise Endstation.

Joachim Löw hatte Feuer mit Feuer bekämpft. Deutschlands Teamchef stellte seine Defensive gegen das 3-5-2 der Italiener ebenfalls von einer Vierer- auf eine Dreierkette um. Das hatte schon bei einem Test im März (4:1) funktioniert. Anstelle des im Achtelfinale gegen die Slowakei (3:0) starken Offensivmannes Julian Draxler rückte mit Benedikt Höwedes ein dritter Innenverteidiger ins Team.

Eine Adduktorenverletzung von Sami Khedira zwang Löw nach 15 Minuten zu einer weiteren Änderung. Für den Mittelfeldmann kam der erst kurz vor Turnierbeginn von einer Knieverletzung zurückgekehrte Schweinsteiger - und übernahm auch prompt die Kapitänsbinde von Neuer. Bei den Italienern herrschte im zentralen Mittelfeld noch größere Personalnot. Weil Daniele De Rossi verletzt und Thiago Motta gesperrt fehlte, musste Stefano Sturaro von Beginn an ran. Der 23-Jährige, bei Meister Juventus Turin kein Stammspieler, hatte erst im Juni im Nationalteam debütiert.

Beide Teams neutralisierten einander mit Rasenschach auf hohem Niveau. Die Deutschen hatten zwar etwas mehr Ballbesitz, agierten bei Ballverlust aber ebenfalls mit zwei sehr defensiven Außenspielern. Vorsicht regierte. Ein Kopfball von Schweinsteiger landete zwar im Tor. Der DFB-Kapitän hatte davor aber ein klares Offensivfoul begangen (27.).

Italiens Startorhüter Gianluigi Buffon bekundete bei einer abgefälschten Flanke aufs kurze Eck leichte Probleme (36.). Einen harmlosen Versuch von Müller hatte er sicher (42.). Auf der Gegenseite startete Emanuele Giaccherini richtig, sein Querpass erwischte aber keinen Abnehmer. Der folgende Schuss von Sturaro wurde neben das Tor abgefälscht (43.).

Nach Seitenwechsel kam Müller seinem ersten EM-Tor etwas näher. Seinen Schuss lenkte Alessandro Florenzi aber zum Corner ab (54.). Elf Minuten danach schlug Özil aus kurzer Distanz zu. Solostürmer Mario Gomez hatte Hector eingesetzt. Dessen von Leonardo Bonucci abgefälschter Querpass sprang Özil etwas glücklich genau in den Lauf.

Die Deutschen setzten nach. Gomez hatte die Entscheidung auf der Ferse, brachte den Ball nach Vorarbeit von Özil aber nicht im Tor unter (68.). Wenig später musste der Sturmtank leicht angeschlagen für Draxler Platz machen. Italien klopfte durch Graziano Pelle an (74.), durfte sich aber bei Boateng für den Ausgleich bedanken. Der Bayern-Verteidiger hielt beide Arme über dem Kopf, als ihn der Ball traf. Bonucci versenkte den Elfmeter im rechten Eck. Es war Deutschlands erstes Gegentor im fünften Spiel des Turniers.

Mattia De Sciglio traf danach nur noch das Außennetz (89.), in der Verlängerung dominierte wieder die taktische Disziplin. Ein Schuss des eingewechselten Lorenzo Insigne bereitete Neuer keine Probleme (113.). Der Versuch, das Spiel danach schnell zu machen, ging beinahe ins Auge, weil der Stargoalie dabei den Schiedsrichter traf. Im Elfmeterschießen parierte Neuer die Versuche von Bonucci und Darmian.

Deutschland hat damit zwar auch im neunten Anlauf bei einem Großereignis nicht gegen Italien gewonnen. Der "Fluch" ist dennoch besiegt. Nach den gegen Italien verlorenen Semifinali bei der WM 1970, der WM 2006 und der EM 2012 sowie der Niederlage im WM-Finale von 1982 gelang den Deutschen gegen ihren Angstgegner der Aufstieg. Im Halbfinale fehlt ihnen Innenverteidiger Mats Hummels wegen einer Gelbsperre.

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