Adieu mit Ärger und Stolz - Löw: "War ein gutes Turnier"

Aus für Deutschland im EM-Halbfinale

Aus für Deutschland im EM-Halbfinale

In der Nacht nach dem bitteren Halbfinal-Aus gegen Frankreich grübelten Deutschlands Teamchef Joachim Löw und seine Kicker noch lange darüber, wie sie dieses Spiel 0:2 verlieren konnten. Der Weltmeister hatte die Partie in Marseille über weite Phasen optisch dominiert, konnte daraus aber kein Kapital schlagen. "Wir hatten nicht das notwendige Glück", resümierte Löw schließlich.

Und er erinnerte sich an die jüngere Vergangenheit. "Als wir 2010 und 2012 ausgeschieden sind, hatten uns die Mannschaften etwas voraus. Heute hatten wir den Franzosen etwas voraus", sagte der 56-Jährige, der aller Enttäuschung zum Trotz ein positives Fazit zog. "Es war ein gutes Turnier. Wir hatten gute Energie, haben eine gute Vorleistung gebracht, haben einen tollen Teamgeist gezeigt", erklärte Löw. "So viele Fehler habe ich jetzt nicht festgestellt. Es war eine tolle Mannschaft."

Schließlich müsse man auch die diversen Ausfälle in Rechnung stellen, am Mittwoch verlor man beim Stand von 0:1 noch dazu Abwehrbollwerk Jerome Boateng mit einer Oberschenkelverletzung. "Das ist nicht so einfach zu verkraften in so einem wichtigen Spiel, wenn solche Stützen wie Hummels, Khedira, Gomez und dann auch noch Boateng ausfallen. Wir haben alles umgesetzt, waren mutig. Wir haben viel riskiert. Es gibt überhaupt keine Vorwürfe", stellte Löw klar. Über seine Zukunft wollte er erst einmal nicht sprechen, einen Anlauf von Löw auf den zweiten WM-Titel 2018 in Russland zweifelt aber niemand ernsthaft an.

Ähnlich ratlos klang der gegen Frankreich als Ersatz für Sturmspitze Mario Gomez aufgebotene Thomas Müller. "In der Gesamtbetrachtung haben wir den deutschen Fußball gut präsentiert", erklärte Müller, der bei einer EM weiter auf ein Tor warten muss: "Aber Fußball ist auch ein Erfolgssport. Und ob man im Halbfinale ausscheidet oder vorher, ist nicht so entscheidend. Es geht darum, Titel zu gewinnen, die bleiben in Erinnerung."

Müller konnte Gomez gegen die Franzosen in der Spitze nicht gleichwertig ersetzen. "Es war nicht ganz einfach da vorne drin", stöhnte der 26-Jährige. Für Müller galt, was er allgemein anführte: "Wir haben viel versucht, aber es hat nicht sollen sein." Er selbst konnte seinen "Torfluch", wie er es nannte, nicht überwinden.

Den einzigen Volltreffer für Deutschland nach dem 0:2 gegen Frankreich landete Mats Hummels in der Spielanalyse. Als der gesperrte Abwehrmann in den Stadionkatakomben gefragt wurde, ob er mehr gefehlt habe oder der verletzte Gomez, kam die Antwort von Hummels blitzschnell: "Mario! Wir haben defensiv keinen schlechten Job abgeliefert. Es hat vor allem einer gefehlt, der den Ball reinschießt. Wenn so viele Teams so tief drinstehen, tut einer wie Mario, der einfach körperliche Wucht und Kopfballstärke und Präsenz ausstrahlt, sehr gut", erklärte Hummels.

Die Torarmut war das Kardinalproblem des Fußball-Weltmeister im EM-Halbfinale - aber eben nicht nur da: Sieben Tore in sechs Turnierspielen sind zu wenig für einen EM-Triumph. Viel Ballbesitz, viel Anrennen, genug Chancen - aber kaum Ertrag.

Am Sieger ließ sich der Unterschied dokumentieren. Antoine Griezmann bezwang Manuel Neuer zweimal. Mit sechs Toren ist Frankreichs neuer Superheld vor dem Finale der erfolgreichste EM-Torschütze. In Joachim Löws Truppe traf allein Gomez doppelt. Mesut Özil und Julian Draxler sorgten für zwei weitere Treffer der stumpfen Abteilung Attacke. "Ich will nicht sagen, dass es Unvermögen war", urteilte Torwart Manuel Neuer: "Wir haben vor dem Tor ein bisschen Pech gehabt."

Effektivität fehlte dem deutschen Team aber nicht erst in Frankreich, sondern zog sich schon durch die gesamte holprige EM-Qualifikation. Löw monierte die Abschlussschwäche immer wieder. Sie zu beheben, wird eine seiner Hauptaufgaben auf dem Weg zur WM 2018 in Russland sein. "Ich weiß aber auch nicht, wie sehr man das trainieren kann", meinte Hummels.

"Wir hatten gute Chancen, aber der Ball wollte nicht rein. Wir sind sehr enttäuscht, dass wir jetzt ausgeschieden sind, trotz einer guten Leistung", sagte Kapitän Bastian Schweinsteiger. Der 31-jährige Anführer kämpfte sich nach mehreren Knieverletzungen wieder in die Mannschaft. Dass sein unglückliches Handspiel der Partie gegen die Franzosen ihre Richtung gegeben hatte, fiel für Löw in die Kategorie "Pech".

"Wir fahren jetzt heim und versuchen es in zwei Jahren wieder", bemerkte Gomez. Immerhin dürfen sich der Fiorentina-Legionär und seine Kollegen mit einem Urlaubsgeld von jeweils 100.000 Euro trösten. Der DFB muss zwei Jahre nach dem WM-Triumph diesmal "nur" ein Drittel des Betrags ausschütten.

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