Zweifeln – forschen – entdecken: Gugging
kämpft noch mit Anlaufschwierigkeiten

Das IST Austria wird ein Jahr nach Eröffnung noch immer kritisch beäugt. Die Industrie hingegen fördert das Forschungsinstitut.

Von Martina Forsthuber

Sechs Doktoratsstudenten arbeiten derzeit an ihren Thesen. Betreut werden sie von zwölf Professoren. Das kleine Grüppchen ist ungestört auf über 200.000 Quadratmeter Campusgelände mitten im Wienerwald. Ab und zu begegnet ihnen einer der 22 Wissenschafter, die in den Bereichen Computer Science und Evolutionsbiologie forschen, ansonsten kann sich das halbe Dutzend Nachwuchsforscher voll und ganz seiner Doktorarbeit hingeben. Paradiesische Arbeitsbedingungen, von denen Studenten und Professoren in den prall gefüllten Hörsälen der Universitäten des Landes nur träumen können. Der Garten Eden befindet sich in Maria Gugging bei Klosterneuburg und heißt Institute of Science and Technology Austria, kurz ISTA. Doch das Paradies ruft auch Neider und Kritiker auf den Plan, und die gab es bereits, lange bevor das ISTA im Sommer 2009 seine Pforten öffnete. Damals war das Institut besser bekannt unter der Bezeichnung Eliteuni. Der Name des Standorts galt im Volksmund wegen der ehemaligen Nervenheilanstalt als Synonym für Irrenanstalt. Obwohl hier niemals ein Universitätsbetrieb – demnach auch keine Eliteuni –, sondern immer ein reines Forschungsinstitut mit renommierten Wissenschaftern aus aller Welt geplant war und das Krankenhaus längst abgesiedelt wurde, sind die kritischen Stimmen bis heute nicht verstummt.

Standort
„Ein direktes Umfeld an guten Instituten und Akademien fördert schon den Dialog, und es wird einige Zeit dauern, um diesen Nachteil wettzumachen“, meint etwa Kurt Grünewald, Professor für Innere Medizin und Wissenschaftssprecher der Grünen, zum entlegenen Campus des ISTA zwischen Klosterneuburg und der bei Wanderern beliebten Hagenbachklamm. Der Initiator des Projekts, der österreichische Quantenphysiker Anton Zeilinger, hatte aufgrund der Standortwahl vorübergehend sogar seine Mitarbeit im Beirat der „Eliteuni“ gecancelt. Mittlerweile ist der Wissenschafter aber wieder im Gremium vertreten. „Die Entwicklung eines Forschungscampus auf der grünen Wiese vergrößert das ohnehin bestehende Etablierungsrisiko einer neuen Institution, das ist kurzfristig ein Nachteil“, gesteht auch ISTA Managing Director Gerald Murauer ein. Langfristig hält er das Entwicklungspotenzial des Campus allerdings für einen großen Vorteil, und Helmut Denk, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), pflichtet ihm bei: „Die Lage hat den Vorteil, dass die Interdisziplinarität und die Corporate Identity der Forschungscommunity gefördert werden.“ Obwohl Denk das ISTA natürlich lieber unter dem Dach der Akademie gesehen hätte – „weil wir beide mit Internationalität und Exzellenz in der Forschung die gleichen Ziele verfolgen“ –, hält er die Distanzfrage für überbewertet. „Die 18 Kilometer Entfernung vom Campus in Klosterneuburg bis zum Zentrum in Wien sind nur in Österreich eine Diskussion wert“, glaubt auch Murauer. „Da sind viele renommierte Forschungsstätten viel weiter von größeren Städten entfernt: Zwischen Weizmann-Institut und Tel Aviv sind es 33 Kilometer, und Palo Alto trennen von San Francisco 48 Kilometer.“ Wichtiger als der Standort wird letztendlich sein, ob es gelingt, exzellentes wissenschaftliches Personal nach Maria Gugging zu bringen, und bei dessen Rekrutierung ist Präsident Thomas Henzinger ebenso selektiv wie unermüdlich tätig. Neben dem Evolutionsbiologen Nick Barton von der University of Edinburgh oder Herbert Edelsbrunner, Computerwissenschafter der Duke University, Durham, sind bislang zwar erst 20 Wissenschafter vor Ort tätig, mit der Eröffnung des Laborgebäudes im Herbst sind die Voraussetzungen für die Forschungsarbeiten aber so weit gediehen, dass bis Ende 2011 insgesamt 70 Wissenschafter am Campus arbeiten werden. In der Endausbaustufe können 500 Spitzenkräfte in den Themenfeldern Computerwissenschaften, Zellbiologie, Neurobiologie und Evolutionsbiologie in Maria Gugging forschen. Daneben wird es bereits Ende 2010 – mit Doktoranden und so genannten Post Docs – 60 Jungwissenschafter am ISTA geben. Trotzdem wird von den Leitern bestehender renommierter Forschungseinrichtungen in Österreich der Nutzen für den Wissenschaftsstandort bezweifelt.
Zusammenarbeit. „Eine solche Institution macht nur Sinn, wenn sie die österreichische Wissenschaft stark befruchtet und als Motor für die Forschung an den heimischen Universitäten dient. Das sehe ich in Gugging nicht“, meint Reinhard Folk, Leiter des Instituts für Theoretische Physik an der Johannes-Kepler-Universität Linz, und bedauert, dass die heimische Wissenschaft nie gefragt wurde, wie eine solche Zusammenarbeit funktionieren könnte. „Es müsste in Form von Projekten auf hochwissenschaftlichem Niveau, wie etwa in Santa Barbara, zusammengearbeitet werden. Aber so holt man die Leute fix nach Gugging und lässt sie allein an ihren Gegenständen arbeiten, ohne Rückfluss an die bestehenden Institute, ohne Mehrwert für die österreichische Wissenschaft.“
Hans Sünkel, Rektor der TU Graz und Präsident der Universitätskonferenz, ist ein starker Befürworter einer intensiven Kooperation: „Wir sind als kleines Land quasi dazu verdammt. Denn Österreich wird mit seinen Forschungsergebnissen nur gesamt wahrgenommen, da fragt keiner, ob das aus Gugging, Graz oder Linz kommt.“ Die Notwendigkeit zur intensiven Zusammenarbeit sieht auch ÖAW-Präsident Denk: „Das ist wie bei der Fußball-WM: Um teilnehmen zu können, braucht es zuerst eine gute Mannschaft, die man meinetwegen zusammenkaufen kann, aber dann muss intensiv gearbeitet und das Zusammenspiel trainiert werden, um eine Basis für den internationalen Erfolg zu schaffen.“ Doch im Gegensatz zu Folk hat Denk, der in ständigem Kontakt mit ISTA-Präsident Henzinger steht, den Eindruck, dass diese Zusammenarbeit vonseiten des ISTA sehr wohl forciert wird: „Auch wir wollen intensiv kooperieren. Aber das braucht natürlich seine Zeit.“ Außerdem hält Denk es für wichtig, dass das ISTA keine Intention hat, in jeder Richtung zu forschen. So wird es kein Institut für Quantenphysik geben, „denn darin sind wir mit dem ÖAW-Institut für Quantenoptik und Quanteninformation durch Professor Zeilinger bereits Weltspitze. Und mit dem Gregor Mendel Institute of Molecular Plant Biology sind wir gerade auf dem besten Weg dorthin.“ Die Kardinalfrage für ein Gelingen des ISTA ist allerdings, wie bei jeder wissenschaftlichen Einrichtung, die Finanzierung. Und die scheint zunächst ausreichend gesichert.

Finanzierung
Bis 2016 fließen vom Bund 290 Millionen Euro an das ISTA. Davon sind 195 Millionen fix und maximal 95 Millionen Euro an die Einwerbung von Drittmitteln gebunden. Rund 140 Millionen kommen vom Land Niederösterreich für Bau und Betrieb. Obwohl der Beitrag des Bundes zum ISTA nicht einmal ein Prozent des Bundesbudgets für die österreichischen Universitäten ausmacht, schürt auch das – in Zeiten massiver Budgetnöte und angedrohter Kürzungen im Wissenschaftsbereich – Missgunst und den Verdacht auf eine wissenschaftliche Wettbewerbsverzerrung.
„Vom Forschungsbudget her ist der Anteil des ISTA ja gering“, meint Akademie-Präsident Denk, „aber es hat den Vorteil, dass das Budget seit Gründung 2007 auf zehn Jahre garantiert ist, und das gibt Planungssicherheit, die man in der Forschung braucht. Wir haben Budgets für ein Jahr, das ist zu kurz.“ Rektorenpräsident Sünkel hält die Finanzierung des ISTA ebenfalls für sehr solide, kritisiert aber die Verdoppelung der akquirierten Drittmittel durch die öffentliche Hand: „Das mag in der Anfangsphase in Ordnung sein, ist aber gegenüber Unis und der Akademie der Wissenschaften ein so enormer Vorteil, dass dies rasch angeglichen werden muss, um eine gleiche und faire Behandlung der Ins­titute zu sichern.“
Nach Ansicht des grünen Wissenschaftssprechers Grünewald ist in Zeiten drohender massiver Budgetkürzungen die einseitige Förderung eines neuen Instituts natürlich umso unpassender: „Unis zu kürzen und dort zu investieren macht böses Blut, da auch kein fairer Wettbewerb mehr garantiert ist. Dieses Geld an die besten Einrichtungen der Unis zu geben und hier stärker zu fokussieren wäre eine gute Alternative gewesen.“ Die uneingeschränkte Bewunderung aller wissenschaftlichen Mitbewerber genießt das ISTA allerdings für die Kunst, großzügige Spenden von heimischen Wirtschaftsunternehmen zu gewinnen, ohne damit irgendeine Beeinflussung der wissenschaftlichen Tätigkeit in Kauf nehmen zu müssen.

Förderer
„Einen gelungenen Brückenschlag“ nennt Präsident Henzinger den geglückten Versuch des IST Austria, öffentlich finanzierte Grundlagenforschung mit privaten Spenden zu verknüpfen. Die vom österreichischen Industriellen Peter Bertalanffy gegründete Invicta Privatstiftung spendete zehn Millionen Euro. „Das Ziel, einige der besten Forscherinnen und Forscher aus aller Welt nach Österreich zu holen und unabhängig von allen politischen und wirtschaftlichen Interessen forschen zu lassen, hat mir gefallen“, begründet Bertalanffy, der im Vorjahr das Krebsmittelsortiment seines Pharmaunternehmens Ebewe in Unterach am Attersee um 925 Millionen Euro an den Pharmakonzern Novartis verkauft hat, sein Engagement. „Natürlich liegt der Schwerpunkt des ISTA in der Grundlagenforschung und unserer in der angewandten“, meint Wolfgang Eder, Vorstand der Voestalpine AG, die – gemeinsam mit der Edelstahl-Division Böhler-Uddeholm – dem neuen Institut zwei Millionen Euro gespendet hat, „aber international wettbewerbsfähige Forschung ist für Österreich notwendig.“
Die Raiffeisen-Gruppe hat sich als Konsortium zusammengetan, um IST Austria ebenfalls mit zwei Millionen Euro zu unterstützen. Denn Generalanwalt Christian Konrad hält „Investitionen in den Wissenschaftsstandort Österreich im Rahmen einer nachhaltigen Wirtschaftsführung“ für besonders bedeutend und begründet die Raiffeisen-Spende: „Uns war es wichtig, gerade in wirtschaftlich bewegten Zeiten richtungsweisende Impulse für den Wissenschaftsstandort Österreich zu setzen – auch ohne einen direkten Nutzen daraus zu ziehen.“ In Bezug auf die nach dem Spender benannte Raiffeisen Lecture Hall auf dem Campus ist Konrad gespannt, „welche revolutionären und inspirierenden Meilensteine von morgen hier ihren Ursprung haben werden“.

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