Zehn Jahre 9/11: Der Krieg gegen den Terror hat bislang 6 Billionen Dollar gekostet

Am 11. September gedenkt die ganze Welt der Terroranschläge auf das World Trade Center in New York vor zehn Jahren. Seit diesem Tag hat sich das Leben auf der Erde grundlegend verändert. Amerika ist in einen Krieg gegen den Terror gezogen, der die größte Volkswirtschaft des Planeten bisher an die sechs Billionen Dollar gekostet und an den Rand des Ruins manövriert hat. Knapp 260.000 Menschen, davon zwei Drittel Zivilisten, mussten in diesem Kampf bisher ihr Leben lassen. Und in vielen Ländern droht die Balance zwischen öffentlicher Sicherheit und individuellen Freiheiten aus dem Gleichgewicht zu geraten. Eine trend-Zwischenbilanz zu 9/11.

$ 100.000.000.000 - DER UNMITTELBARE SCHADEN

Um 8.46 Uhr des 11. September 2011 detonierte eine Boeing 767 der American Airlines im Nordturm des World Trade Center in Manhattan. Um 9.03 Uhr schlug ein weiteres Flugzeug der United Airlines im Südturm ein. Innerhalb von kaum 90 Minuten stürzten beide Türme und etwas später fünf weitere WTC-Gebäude ein. Zusätzliche 23 Groß-Immobilien und vier U-Bahn-Stationen wurden ebenfalls zerstört. Um 9.37 Uhr explodierte UA Flug 77 im Westflügel des US-Verteidigungsministeriums Pentagon. Und um 10.03 Uhr stürzte der ebenfalls von Terroristen entführte Jet UA 93 in der Nähe von Pittsburgh ab.

Bei den 9/11-Anschlägen fanden knapp 3000 Menschen den Tod, davon mehr als 2600 im World Trade Center selbst, 125 im Pentagon und 256 an Bord der Flugzeuge, inklusive der 19 Terroristen. Die Zahl der Toten überstieg jene des Angriffs auf Pearl Harbour 1941.

„Seither sind die Vereinigten Staaten“, so der offizielle Bericht der US-9/11-Kommission, „eine andere Nation.“ In drei knappen Absätzen hält das Dokument fassungslos fest: „Die Durchführung der 9/11-Anschläge hat zwischen 400.000 und 500.000 Dollar gekostet.“ Etwa 270.000 Dollar davon wurden von den Terroristen demnach direkt in den USA ausgegeben. Der Rest sei für Vorbereitungen der Attacke außerhalb des Landes, hauptsächlich für Lebenshaltungs-, Reise- oder Pilotenkurskosten, investiert worden.

Dem stehen die immensen direkten Schäden des Anschlags gegenüber, die von der damaligen Bush-Regierung auf 50 bis 100 Milliarden Dollar taxiert wurden. Darunter fallen im Wesentlichen die enormen Sachschäden durch die angerichteten Zerstörungen, die Kosten für Rettungs-, Aufräumungs- und Sicherheitsmaßnahmen, die Aufwendungen für die medizinische Betreuung der rund 17.500 Personen, die aus den WTC-Türmen evakuiert werden konnten, sowie Geschäftsausfälle als Folge der Anschläge. Eine Untersuchung der Konrad-Adenauer-Stiftung von 2006 bezifferte die versicherten Schäden auf 36,6 Milliarden Dollar. Der große Schweizer Rückversicherer Swiss Re schätzt die Assekuranzzahlungen auf trend-Anfrage auf „40 bis 42 Milliarden Dollar“.

$ 4.444.000.000.000 - Der Preis der Kriege

Die USA wird der „War on Terror“ in Afghanistan und im Irak inklusive zukünftiger Ausgaben allein bis 2020 mehr kosten als ihre gesamten Militärausgaben für den Zweiten Weltkrieg.

In einer 2004 ausgestrahlten Videobotschaft verkündete der Anfang Mai 2011 getötete Al-Kaida-Führer Osama bin Laden, er wolle Amerika in den Bankrott zwingen. Angesichts der gewaltigen Summen, die von den Vereinigten Staaten für die „Kriege gegen den Terror“ in Afghanistan und im Irak als Reaktion auf die 9/11-Attacken aufgewendet werden, muss man ihm posthum wohl einigen Erfolg zugestehen.

Zu den rund 14,3 Billionen Dollar Staatsschulden, die im Juli beinahe zur Zahlungsunfähigkeit der US-Regierung geführt hätten, tragen die Kriegskosten im Nahen Osten laut jüngsten Berechnungen bis jetzt effektiv rund 4,44 Billionen Dollar bei. Das ist das etwa 75-Fache der ursprünglichen Angaben der US-Regierung für den Irak-Krieg von „allenfalls 50 bis 60 Milliarden“ (Ex-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld).

Bald sollte sich herausstellen, dass solche Prognosen Humbug waren. So veröffentlichte der US Congressional Research Service, eine Art Staatsprokuratur, bereits 2006 Berechnungen, wonach beide Konflikte bis dahin rund 437 Milliarden Dollar an Steuergeldern verschlungen hatten. Oder etwa zwei Milliarden pro Woche im Irak und zirka 370 Millionen wöchentlich in Afghanistan – um 20 Prozent mehr als 2005.

Im März dieses Jahres gab der Kongress seine bislang aktuellste Bilanz heraus: Demnach verursachte der Irak-Krieg zwischen 2003 und 2011 Fiskalkosten von 806 Milliarden Dollar, jener in Afghanistan 443 Milliarden, mit dem Pakistan-Anteil zusammen also rund 1,3 Billionen Dollar direkt zugeordneter Steuergelder. Prognose 2020: mindestens 1,8 Billionen. Detail am Rande: Von 2009 auf 2010 haben sich die monatlichen Kriegsaufwendungen von zirka 4,4 Milliarden auf 6,7 Milliarden Dollar erhöht.

Dass selbst diese Zahlen zu kurz greifen, zeigten der Wirtschaftnobelpreisträger Joseph Stiglitz und die Harvard-Politikwissenschafterin Linda Bilmes bereits 2008. In einer umfangreichen Studie, für die sie die US-Regierung auf Herausgabe von Informationen geklagt hatten, schätzten sie allein die Kosten für fünf Jahre Irak-Krieg auf rund drei Billionen Dollar.

Zu den offiziellen Angaben addierten sie vor allem die Kosten der medizinischen und sozialen Versorgung für die meist extrem schwer Verwundeten (aktueller Stand: etwa 150.000 US-Krieger), die Belastungen durch den Zinsendienst sowie höhere Treibstoffpreise, die Ausgaben für die mit einem laut Stiglitz durchschnittlichen Jahresgehalt von 400.000 Dollar im Gegensatz zu einem US-Sergeant (40.000 Dollar) fürstlich bezahlten Söldner sowie nicht ausgewiesene Sachkosten.

Ähnliche Kalkulationen liegen auch der jüngsten Kostenuntersuchung vom Juni 2011 zugrunde. So beziffert das Eisenhower Research Project der renommierten Brown University (Rhode Island) die „Costs of War“ im Irak, in Afghanistan und Pakistan seit Ende 2001 auf rund 4,4 Billionen Dollar, mindestens jedoch 3,6 Billionen. Die Zahl der Toten beläuft sich laut dieser Studie auf knapp 260.000 Menschen, jene der Verwundeten auf rund 365.000 und die der Flüchtlinge und Vertriebenen auf zirka 7,8 Millionen. Das Fazit der Autoren: „Diese Zahlen sind längst nicht vollständig.“

$ 1.107.000.000.000 - Der Preis der Angst

Unter dem Titel „Homeland Security“ haben US-Behörden inzwischen rund 1,1 Billionen Dollar ausgegeben – für oft fragwürdige Dinge.

Neuerdings werden in den USA auch Müllwagen im Kampf gegen den Terror an der Heimatfront aufgerüstet. So geschehen in Newark, New Jersey, wo man laut einem Bericht des Magazins „The Atlantic“ Anfang 2011 die lokalen Abfalltransporter mit Airconditions im Wert von 300.000 Dollar ausgestattet hat, um – so die Begründung – die Fahrer vor einem „Terroranschlag mit chemischen Waffen“ zu schützen.

Derart fragwürdige Investitionen passen genau in jenes Bild, das die im April 2011 in Chicago präsentierte Studie „Terror, Security, and Money“ von den Usancen in Sachen Budgetgebarung des US-Heimatschutzministeriums – kurz DHS für „Department of Homeland Security“ – zeichnet. Die beiden renommierten Autoren, John Mueller von der Ohio State University und Mark Stewart von der Universität von Newcastle, Australien, fassen ihr Verdikt über die Kosten der Angst in solchen Schlagworten zusammen: „Exzessiv, konfus, hysterisch, kaum nachvollziehbar, ineffektiv, gegen alle Regeln international gültiger Risikomanagement-Standards“.

„Die Aufwendungen für inländische Heimatschutzmaßnahmen haben sich im Jahrzehnt seit 9/11 auf über 1,1 Billionen Dollar kumuliert“, so das Fazit der Untersuchung. „Es ist höchste Zeit, die massiven Ausgaben hinsichtlich ihres Kosten-Nutzen-Verhältnisses zu überprüfen. Es hat leider den Anschein, dass die DHS dies nicht einmal im Ansatz versucht, sondern die Analyse der echten Wahrscheinlichkeiten und Risiken von Terroranschlägen zugunsten von diffusen Worst-Case-Szenarien, etwa einer Atombomben-Attacke im Zentrum von New York, vernachlässigt.“ Oder anders gesagt: Die bisherigen Kosten für die US-Homeland-Security wären nur gerechtfertigt, hätte man dadurch laut Mueller/Stewart 1667 Anschläge pro Jahr (mehr als vier pro Tag!) vom Typus des 2010 misslungenen Times-Square-Autobomben-Angriffs vereitelt.

Im Detail gliedert diese Studie die seit 9/11 „dramatisch gestiegenen“ Heimatschutzkosten in folgende Positionen auf: Während sich die DHS-Ausgaben 2001, damals noch vorwiegend hinsichtlich des landesweiten Katastrophenschutzes, noch auf überschaubare 20,1 Milliarden Dollar beliefen, waren es 2009 bereits 75 Milliarden Dollar. Von 2002 bis 2011 summierten sich die budgetrelevanten DHS-Aufwendungen auf etwa 360 Milliarden Dollar.

Im gleichen Zeitraum konnten die Inlandsgeheimdienste für die Terrorbekämpfung zusätzliche 110 Milliarden Dollar lukrieren. Noch einmal je dieselbe Summe gaben zum einen die Staaten und Kommunen für diverse Schutzmaßnahmen aus, zum anderen aber auch die privaten Haushalte.

Macht in Summe etwa 690 Milliarden Dollar oder 85 Milliarden allein im Spitzenjahr 2009.

Weiteres beziffert diese Analyse die Terror-Versicherungs-Prämiensumme (2002 bis 2011) auf etwa 40 Milliarden Dollar. Nach dem Anschlag hatten die US-Assekuranzen potenzielle Terrorrisiken zwar aus ihren Versicherungsklauseln verbannt, aber durch den US-„Terrorisms Risk Insurance Act“ vom November 2002 wurde dieses Geschäftsfeld wieder attraktiv. Laut Mueller/Stewart belief sich 2009 eine durchschnittliche Terror-Versicherungsprämie für eine 300-Millionen-Dollar-Immobilie allerdings auf lediglich 9541 Dollar im Jahr. „Im Umkehrschluss heißt dies, dass der Markt die Wahrscheinlichkeit eines Terrorangriffs auf so ein Anwesen mit etwa 1:30.000 pro Jahr bewertete“, so die Wissenschafter.

Auch die erhöhten Wartezeiten von Flugpassagieren aufgrund intensiverer Sicherheitschecks, respektive deren verringerte Produktivität wegen vorzeitiger Anreise, wurden in dieser Opportunitätskostenrechnung berücksichtigt. Resultat: Zusätzliche 100 Milliarden Dollar von 2002 bis 2011. Detail am Rande: Seit 2010 rüstet das DHS die US-Flughäfen sukzessive mit modernen Vollkörper-Scannern aus, was angeblich 1,2 Milliarden Dollar Mehrkosten pro Jahr verursacht.

Und schließlich werden noch verschiedene „versteckte oder indirekte Kosten“ („dead weight losses“) im Rahmen von vorgeblich sicherheitsrelevanten Verkehrseinrichtungen und einer Vielzahl von Verordnungen in Höhe von insgesamt 277 Milliarden Dollar im gleichen Zeitraum postuliert.

Macht in Summe zusätzliche 417 Milliarden Dollar Heimatschutzausgaben von 2002 bis 2011 oder insgesamt den beeindruckenden Betrag von 1,1 Billionen Dollar. Das entspricht immerhin rund 7,6 Prozent der US-Staatsschulden.

$ 25.000.000.000 - Die Verluste der Luftfahrtindustrie

Die Folgen der Terroranschläge von 9/11 haben die internationale Luftfahrtindustrie in ihre größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg gestürzt“, sagt der Sprecher der Austrian Airlines, Martin Hehemann. „Allein auf den Nordatlantikstrecken ist die Nachfrage um 30 Prozent eingebrochen, im Fernostverkehr um rund 17 Prozent.“ Damit schlägt er in die gleiche Kerbe wie Giovanni Bisignani, Chef der internationalen Luftfahrtvereinigung IATA: „Allein 2001 musste die gesamte Branche wegen 9/11 Verluste von etwa 15 Milliarden Dollar hinnehmen.“

Das entspricht den gesamten Gewinnen, die zwischen 1981 und 2001 weltweit eingeflogen wurden. Rechnet man auch noch die Abgänge von 2002 hinzu, habe sich das Minus aller Passagier-Airlines auf zirka 44 Milliarden Dollar summiert, alarmierte Bisignani Anfang 2003 anlässlich eines Branchentreffs in Singapur die Mitglieder. Gegen Ende dieses Jahres korrigierte er diese Zahl jedoch auf rund 25 Milliarden Dollar nach unten.

Im gleichen Zeitraum jedoch verloren etwa 40.000 Luftfahrtbeschäftigte ihren Job. Etliche große Fluglinien, wie etwa United Airlines, US-Airways und Delta Air Lines, gingen pleite oder wurden zur günstigen Beute der Konkurrenz, weil sie sowieso bereits schwächelten und ihnen die Anschlagsfolgen den Rest gaben. 2003 musste die Industrie nochmals Verluste von zirka zehn Milliarden Dollar hinnehmen, wofür allerdings vorwiegend die Angst vor einer SARS-Epidemie ausschlaggebend war.

Bis heute beschwert sich die IATA auch über die zahlreichen, noch dazu von Land zu Land unterschiedlichen Sicherheitsauflagen, welche die Fluglinien ihren Angaben zufolge inzwischen mit etwa 7,4 Milliarden Dollar pro Jahr belasten würden – ein Betrag, der sich 2002 noch bei etwa drei Milliarden jährlich bewegt habe. Allein von 2010 auf heuer seien die diesbezüglichen Aufwendungen, die letztlich jeder Passagier zahlt, um 25 Prozent gestiegen. Bisignani: „Zurückzuführen ist das auf einen erhöhten Aufwand für das Sammeln und den Transfer von Personendaten, die Kosten für die Air-Marshals und den erhöhten Aufwand durch Verspätungen wegen der ständig wachsenden Sicherheitsauflagen. Diese ganze Bürokratie dahinter nervt uns und alle unsere Passagiere. Als Italiener sage ich daher: basta. Das muss ein Ende haben.“

Von Rainer Himmelfreundpointner

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