Zauberformel Supply Chain Management:
So sparen Unternehmen Zeit, Nerven & Geld

Ein Sattelschlepperzug war nötig, um die neuen Broschüren eines Automobilherstellers durch das halbe Land zu karren, damit sie dann von der Post verpackt und an Autohäuser rund um den Globus geliefert werden konnten. Als der Lkw endlich seinen Bestimmungsort erreicht hatte, öffnete der Fahrer die Türen des Transportbehälters – und wurde kreidebleich. Statt der Kisten voll hunderttausender Prospekte fand er bloß eine einsame leere Palette vor – der riesige Laderaum war gähnend leer.

Von Ulrike Moser

Der Grund: Vier verschiedene Abteilungen des Automobilkonzerns waren mit dem Aussenden der Broschüren betraut, wirklich zuständig fühlte sich aber niemand. So kam es, dass keiner überprüfte, ob der abfahrbereite Lkw auch wirklich beladen wurde. Der Fehler kostete das Unternehmen mehrere Tage Verspätung und viele tausend Euro an zusätzlichen Transportkosten. Was durch eine effiziente Zusammenarbeit zwischen den Abteilungen leicht zu vermeiden gewesen wäre. Dafür hätte allerdings die Verantwortung für die Produktion und Auslieferung der Broschüren zentral koordiniert werden müssen.

Die Zauberformel dafür heißt Supply Chain Management (SCM), auf Deutsch „Lieferkettenmanagement“. Erfunden wurde sie von der Automobilindustrie. Als ein Mitglied der Familie Toyoda, Gründer des Automobilkonzerns Toyota, Ende der fünfziger Jahre ins Herz der amerikanischen Autoindustrie nach Detroit reiste, stellte es fest, dass dort Autos auf Halde produziert und bei Bedarf an die jeweiligen Autohändler geliefert wurden. In Japan fehlte allerdings der Platz für solche weitläufigen Parkplätze. Also machte man aus der Not eine Tugend und produzierte erst dann neue Fahrzeuge, sobald sie tatsächlich bestellt wurden. Seit den achtziger Jahren ist diese Produktionsweise auch in Europa und den USA etabliert. Weltkonzerne wie der schwedische Möbelhersteller Ikea, der spanische Textilriese Inditex (Zara) oder der amerikanische Computerhersteller Dell verdanken diesem Logistikansatz ihre Erfolge. Möglich macht das die moderne Informations- und Kommunikationstechnologie. Dank Internet können die mittels Lieferkette verbundenen Unternehmen einander in die Bestände schauen und flexibel auf Mängel oder Überproduktion reagieren. Helmut Karner, Leiter des SCMMBA- Studiengangs an der Donau-Universität Krems: „Eigentlich müsste es Demand Chain Management heißen, da die Unternehmen im Idealfall nicht mehr einfach Güter auf den Markt werfen, sondern auf Nachfrage hin produzieren.“

So schafftes Zara beispielsweise innerhalb von nur zwei Wochen, ein Kleidungsstück nach Käuferwünschen zu designen, zu produzieren und weltweit in die Läden zu liefern. Das klappt nur, wenn zwischen Lieferanten, Produzenten, Händlern, Logistikdienstleistern und Kunden ein Rädchen ins andere greift und über Abteilungs- und Unternehmensgrenzen hinweg zusammengearbeitet wird. Dazu braucht es allerdings eine Abteilung innerhalb des Unternehmens, bei der alle Fäden zusammenlaufen, die Prozesse innerhalb des Unternehmens koordiniert und einziger Ansprechpartner für Kunden und Lieferanten ist – das Supply Chain Management.

Nach Schätzungen von Franz Staberhofer, Leiter des Fachhochschulstudiengangs „Supply Chain Management“ an der Fachhochschule Oberösterreich in Steyr, setzen allerdings erst rund zehn Prozent der österreichischen Unternehmen auf Liefer- kettenmanagement – Tendenz steigend. Denn immer mehr Unternehmen erkennen, dass sich mittels SCM nicht nur interne Arbeitsabläufe verbessern lassen, sondern dass sich dieser Effekt auch in den Geschäftszahlen niederschlägt. Die Vorteile liegen auf der Hand: Einerseits verbessern und beschleunigen sich Prozesse im Unternehmen um 30 bis 50 Prozent, andererseits gibt es durch die Bündelung vieler verschiedener Aufgaben in einer koordinierenden Abteilung weniger Schnittstellen im Unternehmen, was in der Folge auch die Fehleranfälligkeit sinken lässt.

Das Beratungsunternehmen Roland Berger erhob gemeinsam mit der ETH Zürich und der Stanford-Universität, dass Unternehmen, die auf SCM setzen, überdurchschnittliche Erfolge erzielen. An der Studie nahmen 234 Unternehmen in 16 Ländern teil. Roland Falb, Geschäftsführer des Wiener Roland-Berger- Büros: „Es zeigte sich, dass Unternehmen, die ihre Lieferkette an die strategischen Erfordernisse ihrer Produktportfolios angepasst haben, eine vier bis sechs Prozentpunkte höhere Gesamtkapitalrendite erzielen konnten als Unternehmen ohne SCM.“ Auch das Umsatzwachstum ist um zwei bis acht Prozentpunkten höher, die Rendite des eingesetzten Kapitals sogar um 14 bis 17 Prozent. Experten schätzen, dass sich selbst der Cash Flow eines Unternehmens mittels Supply Chain Management um rund zehn Prozent verbessern lässt.

Miguel Suarez, Supply Chain Manager beim österreichischen Gewürzhersteller Kotanyi, teilt diese Einschätzung. Dank SCM konnte alleine durch die Verbesserung der Lieferkette eine Kostenersparnis von rund zehn Prozent verzeichnet werden. Kotanyi setzt seit mehr als zwei Jahren auf SCM. Der Weg dorthin war allerdings mühsam. Eine eigene Abteilung musste aufgebaut werden, in der sich Experten aus so unterschiedlichen Fachbereichen wie Einkauf und Logistik erst einmal zusammenraufen mussten. Zusätzlich stellte man frischgebackene Absolventen von SCMStudiengängen ein, die zwar über keinerlei praktische Erfahrung verfügten, dafür aber mit neuen Ideen frischen Wind ins Unternehmen brachten. Erst dann ging es an die Optimierung der Lieferketten. „Wir haben ein Sortiment mit über 4500 Artikeln und beliefern von unserem Firmensitz in Wolkersdorf aus 21 Länder. Das funktioniert nur, weil Einkauf, Produktion und Logistik mittlerweile perfekt aufeinander abgestimmt sind“, sagt Miguel Suarez.

Ohne SCM geht da nichts mehr. Das fordert auch der Handel, Kotanyis größter Kunde. Werden Lieferfenster nicht eingehalten, droht eine Pönalzahlung. Die Handelsketten schaffen die Voraussetzungen dafür, dass Produzenten wie Kotanyi elektronisch stets über die Verkaufszahlen am Laufenden gehalten werden. Die Absatzdaten werden täglich übermittelt, sodass Kotanyi flexibel darauf reagieren kann. Es wird nach Bedarf produziert, und auf diese Weise hält man die Lagerbestände gering.

Eine genaue Kalkulation bringt dem Unternehmen überdies Kostenersparnis. Helmut Karner: „Viele Unternehmen erstellen nur dreimal im Jahr eine Verkaufsvorschau. Da kann man nicht exakt vorhersagen, wie viel tatsächlich produziert werden muss. Halten sich die einzelnen Glieder der Produktionskette auf dem Laufenden, kann man das Raten durch Wissen ersetzen. Supply Chain Management ist die höchste Stufe der Logistik, weil es nicht nur darum geht, Güter zu bewegen, sondern in erster Linie zunächst einmal Informationen.“ Ein weiterer Vorteil: Wird stets auf Abruf für den jeweiligen Bedarf produziert, muss das Unternehmen die Kosten dafür nicht vorschießen und dem Kunden auf diese Weise Kredit gewähren. Das Unternehmenskapital wird auf diese Weise nicht unnötig gebunden.

Den Grund, warum trotzdem erst ein verhältnismäßig kleiner Teil der Unternehmen auf SCM setzt, glauben SCM-Spezialisten in den hierarchischen Unternehmensverhältnissen gefunden zu haben. Rund die Hälfte aller Manager, die versuchen, SCM in ihrem Betrieb umzusetzen, scheitern kläglich. Schließlich müssen einzelne Abteilungen wie Verkauf und Marketing, aber auch Vorstände Verantwortung abgeben. Meist funktioniert das nur im Zuge von Restrukturierungsmaßnahmen. Auch beim Konsumgüterhersteller Henkel stieß die Gründung einer SCM-Abteilung vor mehr als zehn Jahren zunächst einmal auf Skepsis, berichtet SCM-Manager Johann Seif: „Allerdings war zum einen der Kostendruck so hoch, dass wir reagieren mussten, zum anderen mussten wir auf die Wünsche des Handels flexibler reagieren, sodass SCM unabdingbar wurde.“ Die Abteilung ist mittlerweile stark gewachsen, obwohl man, wie Seif klagt, kaum Experten auf diesem Gebiet findet. Zwar wird an der Fachhochschule Oberösterreich SCM innerhalb eines Masterstudiums angeboten, an der WU Wien immerhin ein SCM-Fachbereich und an der Donau-Universität Krems sogar ein komplettes MBA-Studium, trotzdem mangelt es an Absolventen. „Wir haben bei Henkel darauf reagiert und eine eigene SCM-Akademie gegründet, sodass wir Experten im eigenen Haus ausbilden können. Von der Industrie werden sie derzeit sehr stark nachgefragt“, so Seif. Kein Wunder, überdenken gerade in Krisenzeiten viele Unternehmen ineffiziente und teure Prozesse und treffen entsprechende Restrukturierungsmaßnahmen. Jenes Unternehmen, das früher Lkws mitunter leer durchs Land schickte, hat aus diesen Fehlern mittlerweile gelernt. Heute gilt es übrigens als eines der führenden Unternehmen in der Umsetzung von Supply Chain Management.

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