Zu Besuch in einem der größten Unter-Tage-Bergwerke des Landes

Helmut Harrer hat die Hakennummer 35, seitdem er Bergmann ist. In der Kaue, wie sie das Umkleidehaus wenige Hundert Meter vor dem Eingang in den Stollen nennen, schlüpft er in den blauen Arbeitsoverall und setzt den roten Helm auf. Seine Alltagskleidung zieht er an einem Haken in Richtung Decke, nach der Schicht wird dort wieder der Overall hängen.

Zu Besuch in einem der größten Unter-Tage-Bergwerke des Landes

Er fährt seit 26 Jahren in den Berg ein. Schon sein Vater und sein Großvater sind in den Berg eingefahren. "Wenn du einmal dabei bist, bleibst du dabei", sinniert der 47-Jährige.

Im steirischen Breitenau am Hochlantsch, in der Nähe von Bruck an der Mur, befindet sich eines der größten Unter-Tage-Bergwerke Österreichs. 400.000 Tonnen Rohmagnesit pro Jahr werden hier abgebaut, die zu fast 200.000 Tonnen Sintermagnesia verarbeitet werden. Dieser Rohstoff ist das Ausgangsmaterial für Feuerfest-Endprodukte, wie sie die börsenotierte RHI AG herstellt, der auch das Werk Breitenau gehört. Große Stahlerzeuger wie die Voestalpine in Linz brauchen diese Erzeugnisse etwa zur Beschichtung ihrer Lichtbogenöfen. Ohne Magnesit kein Stahl, kein Zement und kein Glas, sagen sie in Breitenau deshalb. 186 Menschen sind hier beschäftigt, 41 davon arbeiten unter Tag.

Einfahrt

Harrer ist seit zehn Jahren Steiger, also Schichtführer. Mindestens zweimal pro Schicht muss er jeden Ort kontrollieren, an dem gearbeitet wird. Soeben passiert er in seinem VW-Bus das Mundloch, wie der Eingang in den Stollen genannt wird. Darüber prangt der uralte Bergmannsgruß, von den Kumpeln im Alltag vor sich stets hergetragen wie eine Monstranz: "Glück auf!" Auf der Hauptwendel geht es dann buchstäblich bergab: fünf Kilometer und fünfhundert Höhenmeter, serpentinenartig immer tiefer in den Berg hinein. Am Ende hält der Bus auf einer Höhe von 245 Metern über dem Meeresspiegel. Würde man jetzt senkrecht nach oben bohren, stieße man erst nach tausend Metern ins Freie. Harrer kennt das komplizierte Gefüge an Stollen, Kammern und Schächten genauso gut wie sein eigenes Zuhause. Wenn es ganz ruhig ist, sagt er, kann man den Berg manchmal knacken hören. Es ist ein unheimliches Gefühl. "Je älter man wird, umso mehr Respekt vor dem Berg hat man."

Nicht alle Bergleute tragen einen roten Helm. Er signalisiert, dass man zur Grubenwehr gehört, dem Bergwerks-Krisenteam. Die Grubenwehr rückt immer dann aus, wenn etwas passiert ist. Im Sommer 1998 war Harrers Truppe in Lassing im Einsatz, dem rund eineinhalb Stunden entfernten Ort in der Obersteiermark. Dort war der Bergmann Georg Hainzl nach einem Stolleneinbruch im Talk-Bergwerk verschüttet worden, und zehn seiner Kameraden wurden auf der Suche nach ihm in die Tiefe gerissen. Hainzl wurde neun Tage später von den Breitenauern lebend geborgen, die Zeitungen schrieben vom "Wunder von Lassing." Die zehn Helfer jedoch wurden nie wieder gefunden.

Wenn er von großen Bergwerksunglücken hört, wie jenes in Chile 2010 oder zuletzt in der Türkei, dann kommen auch in Harrer die Erinnerungen wieder hoch. Angst, sagt er, hat er aber nicht. Der Berg ist nicht etwas, was man fürchten muss. Er ist mehr so etwas wie eine gigantische Respektsperson.

Es ist stockdunkel hier unten, nur die Lampen der Besucher leuchten ins Gestein. Die Luft ist feucht, es hat 23 Grad. Noch. Denn nun öffnet ein gewaltiger gelber Tiefschaufellader von Caterpillar plötzlich seine Scheinwerferaugen und tastet lärmend durchs Dunkel. Er fasst das Magnesitgestein, das in der Nacht davor, am Ende der zweiten Schicht, aus dem Fels gesprengt worden ist, in seine sieben Kubikmeter große Schaufel auf und kippt es in einen bereit stehenden Transportlastwagen. Es wird lauter. Mit 35 Tonnen auf seinem Rücken macht sich der Transporter auf dem Weg nach oben. Es wird wärmer. Tausend Tonnen Magnesit pro Schicht, das ist das Soll.

Knapp 500 Bergleute werken in 16 Gruben noch unter der Erde. Insgesamt beschäftigen die Bergbaubetriebe 5000 Mitarbeiter. 1975 waren es noch dreimal so viel. Damals wurden je vier Millionen Tonnen Braunkohle und Eisenerz abgebaut sowie 1,3 Millionen Tonnen Magnesit. Die Braunkohlegruben sind seit 2006 Geschichte, das Eisenerzvolumen hat sich halbiert. Die aktuelle Magnesit-Tonnage beträgt 780.000.

Auch im Werk Breitenau hat die Entwicklung Spuren hinterlassen: "In den Sechzigern gab es noch 500 Beschäftigte, davon unter Tage fast 180", weiß Harrer von seinem Vater. Die Abbaumenge ist nicht so stark geschrumpft wie die Mannschaft: Der technische Fortschritt hat auch unter Tage zu Rationalisierungen geführt. Die Maschinen haben die Produktivität enorm erhöht.

Die Caterpillar-Tieflader, Kostenpunkt 650.000 Euro je Stück, vereinfachen den Transport ins Verarbeitungswerk ebenso wie die breitreifigen Transporter, die, statt wie früher 20 Tonnen, heute fast das Doppelte nach oben karren können. Die zur Erhöhung der Spannung in den Fels gerammten, drei Meter langen Riesendübel, sogenannte Anker, werden heute mit modernen Bohrern und nicht mehr händisch angebracht -es sind immerhin 15.000 Stück pro Jahr.

Achtung, Steinfall!

Nicht automatisiert werden kann hingegen das "Ablauten", auch wenn dafür inzwischen eine moderne Hebebühne zur Verfügung steht. Günther Klammer und Peter Grabenbauer machen das seit Jahrzehnten, sie scherzen, als der Steiger auf einen Sprung vorbeischaut. Die zwei Bergleute klopfen auf das Gestein, und wenn es "lautet", also hohl klingt, ist das ein Indiz für lockeres Material. Die Brocken werden händisch abgeschlagen, damit sie später nicht jemandem buchstäblich auf den Kopf fallen. 2007 ist Helmut Harrer genau das passiert, doch er spricht noch heute nicht gern darüber. Nicht dass der Berg einen unter sich begräbt, ist hier die große Gefahr, sondern die Maschinen. Das Montanhandbuch 2013 listet insgesamt 28 Unter-Tage-Unfälle in Österreich auf, elf davon in der Kategorie "Maschinen, Werkzeuge, Apparate". Anfang April verletzte im Breitenauer Stollen die nachgebende Plattform einer Bohrwagenbühne zwei Arbeiter schwer, ein Sicherungsbolzen war gebrochen. Unterm Strich geht es unter der Erde jedoch sicherer zu als auf einer durchschnittlichen Baustelle: 20 Unfälle pro einer Million Arbeitsstunden werden im Bergbau registriert. Am Bau ist die Unfallhäufigkeit doppelt so hoch.

Am Rückweg ans Licht sieht man Rohre und Kabel den Weg entlang verlegt. Strom, Wasser und Luft müssen auch in die Tiefe kommen, diese Regiearbeiten sind extrem zäh. "Für Damen ist das schon sehr anstrengend", kommentiert Bergmann Harrer, nachdem er sich von den "Ablautern" verabschiedet hat. Der Bergbau und die Frauen, das ist ein Thema, das so gar nicht in die modernen Zeiten passt. Dann und wann kommen Praktikantinnen in den Berg, es gibt Girls' Days, und einmal hatten sie sogar eine Markscheiderin -eine Vermessungsingenieurin -im Stollen.

Doch die einzige Frau, die sich in dieser Welt konstant behauptet, ist die Schutzheilige, Barbara. Sie hat auch entlang der Hauptwendel einen Schrein im Felsen bekommen, umrankt von blassgrünen Tannenzweigen. Als gutes Omen interpretieren die Bergleute in Breitenau, dass die Finanzvorständin der RHI in Wien, Frau Potisk-Eibensteiner, mit Vornamen Barbara heißt.

Man muss jedoch kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass das hier eine Männerwelt bleiben wird. Die Aufhebung des Beschäftigungsverbotes für Frauen unter Tage ist erst wenige Jahre alt, und so richtig sexy ist der Beruf wohl nur für eine extreme Minderheit der urbanen Hochglanzgesellschaft: Tief unten funktioniert kein Smartphone, kein Facebook, kann kein Ö3 gehört werden.

Täglich neu

Ganz so hart wie früher ist es aber auch nicht mehr: Die Tiefschaufellader lassen sich fernsteuern. In den Kammern und Stollen, die sich rund 50 Kilometer durch den Berg ziehen, können sich die Bergleute per Digitalfunk verständigen. Und ganz ohne Musik müssen sie auch nicht leben. In den vollklimatisierten geschlossenen Kabinen der Trucks können sie auf USB-Sticks mitgebrachte Songs im MP3-Format hören. "Ist ja schon fast wie ein Bürojob", neckt Werksleiter Thomas Drnek, der eben vorbeigekommen ist, den Steiger Harrer. Der verzieht nur kurz das Gesicht und führt sofort Gegenargumente ins Treffen: "Du hast nie Tageslicht. Und nach jeder Sprengung ist dein Arbeitsplatz verändert." Einmal in der Woche ist für die Bergleute Rückentraining vorgesehen.

Attraktiv ist in jedem Fall das Einkommen. Es gilt der Metaller-Kollektivvertrag, "und wir überzahlen um fünf Prozent", sagt Drnek: "Unter 2000 Euro netto geht hier keiner raus." Davon können viele der feinen Büromenschen in den Städten nur träumen.

Aber wie lange ist noch Rohstoff da, um Leute zu beschäftigen? Die Lagerstätte am Nordabfall des 1722 Meter hohen Hochlantsch wird insgesamt auf 50 Millionen Tonnen geschätzt, die seit 1906 abgebaut werden. 1995 hieß es, die Magnesitvorräte würden noch zwanzig Jahre reichen. Jetzt gelten sie zumindest für die nächsten zwanzig Jahre als sicher. "Und auch danach werden wieder 20 Jahre dran gehängt", lacht Drnek. Skeptisch machen ihn nur die industriefeindlichen CO2-Auflagen: "Da redet die Politik davon, dass sie den Industrieanteil in Europa wieder auf 20 Prozent erhöhen will. Aber sie tut nichts dafür."

Man kann jedoch davon ausgehen, dass Stahl auch in Zukunft benötigt wird. Und weil rund die Hälfte der weltweiten Magnesitvorkommen in einer geopolitisch höchst sensiblen Zone -im Grenzgebiet zwischen China und Nordkorea - liegt, wird Ware aus berechenbareren Gegenden weiterhin gefragt sein.

Das ist die Chance des Magnesit-Standorts Österreich, der mit 780.000 Tonnen drei Prozent zur Weltproduktion von 24 Millionen Tonnen beiträgt. Die Produkte aus Breitenau und den beiden anderen RHI-Bergwerken in Hochfilzen und Millstätter Alpe werden in 70 Länder rund um den Globus geliefert. Ihren Eigenbedarf kann die RHI mit den eigenen Werken zu über sechzig Prozent decken; das Ziel ist über achtzig Prozent. Im April hat der Feuerfestspezialist um rund 22 Millionen Euro in der Türkei ein Magnesitwerk gekauft.

Was sicher noch lange bleiben wird, ist die Folklore: Helmut Harrer spielt Waldhorn in der 60-köpfigen Knappenkapelle Breitenau, die in schwarzer Bergmannstracht mit rotem Federbusch aufmarschiert. Hier gelten nach wie vor die zentralen Sekundärtugenden der Kumpel, Zusammenhalt und Kameradschaft. Im Herbst gibt es jedes Jahr eine Bergbaumesse, im Dezember die Barbarafeier. Der Saal gleich neben der Kirche heißt natürlich Barbara-Saal.

Der Bergbau am Hochlantsch hat dennoch, wie in allen anderen Bergbauorten in Österreich, den Zenit längst überschritten.

Die Jungen gehen heute in Bruck an der Mur zur Schule, viele studieren in Graz und bleiben dort. Knapp 3000 Einwohner hatte die Gemeinde in den Siebzigerjahren, heute sind es 1800. Harrer hat zwei Schwiegersöhne, die im Werk beschäftigt sind. Aber sie arbeiten nicht mehr unter Tage. "Zu meiner Zeit gab es nicht viel Auswahl", vergleicht er die Berufswelt von damals und heute, "du wurdest Bergmann, Tischler, Baustoffhändler oder Schmied. Das hat sich alles geändert."

Noch einige Funksprüche, es geht um Abbaumengen und Transportdetails . Am Ende steht Hauer wieder in der Kaue und lässt, nachdem er seinen blauen Overall abgestreift hat, seine Freizeitkleidung vom Haken mit der Nummer 35. Vielleicht gehört er einer der letzten Generationen an, für die Bergmann nicht nur ein Beruf, sondern ein Lebensentwurf ist: "Wenn du einmal dabei bist, bleibst du dabei."

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