Sonnentor-Gründer Hannes Gutmann – Vom Kasperl zum Konzernherrn

Sonnentor-Gründer Hannes Gutmann – Vom Kasperl zum Konzernherrn

Dies ist eine Klarstellung: Natürlich war Hannes Gutmann nie ein Kasperl und ist es auch heute nicht. Was aber stimmt: Er wurde lange Jahre vorwiegend als solcher wahrgenommen.

Das muss man sich nämlich vorstellen: Vor 25 Jahren, als so ziemlich alle jungen Menschen ihre Aufmerksamkeit auf Computer, Software und etwas später dann auf das Internet lenkten, stand ein junger Waldviertler Bursche auf Bauernmärkten hinter einem selbst gezimmerten Standl und verkaufte Kräutersackerl. Kein Wunder, dass viele da gelacht, ihn als grünen Spinner, als sentimentalen, vorgestrigen Öko-Freak abstempelten. Nun aber ist, unübersehbar, aus dem Spinner ein Winner geworden. Aus dem Kräuterclown ein kleiner Konzernherr.

Die von ihm kreierte Marke Sonnentor ist heute nicht nur in Österreich wohl bekannt und viel wert. Mit seinen biologischen Tees und Kräuter-Produkten erzielt er allein am Standort Österreich 30 Millionen Jahresumsatz. Europaweit beschäftigt die Firma über 300 Mitarbeiter, vor allem Frauen. Das Logo, abgeleitet von einem Symbol, das auf vielen Waldviertler Hoftoren zu sehen war, ziert mittlerweile über 700 verschiedene Produkte. Längst wird auch Kaffee aus Nicaragua und Tansania gehandelt. Dazu kommen noch "Kleinartikel“, vom Teehäferl über die Teekanne bis hin zum Samowar.

Der Außenseiter ist mehrfach ausgezeichnet, und das nicht nur vom Kräutersammlerverein Mittleres Thayatal. Schon 2011 wurde Sonnentor als "Austrias leading Company“ geehrt, Gutmann selbst vom Consultingunternehmen Ernst & Young als "Entrepreneur of the Year“ geadelt. Seit damals ging es nochmals steil bergauf. Die Bio-Nische wurde endgültig zum Upperclass-Trend und Gutmann ein Profiteur dieser Entwicklung.

Gutmann, der G’schichtl-Erzähler

Das Ego-Marketing des ehemals "einfache Bauernbuben“, als der er sich selbst gern bezeichnet, wirkt auf manche penetrant, scheint aber zu wirken. Die Lederhose als Markenzeichen, das T-Shirt mit dem Sonnentor-Logo, rote "Waldviertler“-Schuhe von seinem Freund Heini Staudinger, nicht zuletzt die rote runde Kunststoffbrille: Gutmann ist das unverwechselbare Bild zur Marke. Nicht zuletzt aufgrund dieser Inszenierung hat Sonnentor bei facebook 35.000 Fans, pilgern immer mehr Käuferinnen in die bislang 16 Sonnentor-Franchise-Shops. Es ist dem lebendigen Werbebanner überhaupt nicht peinlich, bei sämtlichen offiziellen, auch feierlichen Anlässen in dem - pardon - clownesken Outfit aufzutreten. Im Gegenteil: "Es haben sich manchmal Leute beschwert, dass ich nicht mit der Lederhose gekommen bin, also ziehe ich sie jetzt immer an.“

Gutmann ist einer, der, so sagt man im Waldviertel, auch das Blaue vom Himmel herunter verkaufen kann. Ein "G’schichtl-Erzähler“, ein gewiefter Marktschreier, mit dem ganzen Stolz des Gründers, der noch lange nicht an die Grenzen seines Wachstums gelangt ist. Nicht nur die Kultfigur Gutmann, auch das Produkt, die Marke, das Logo funktioniert. Und zwar offenbar weltweit und so gut, dass ein findiger Unternehmer im fernen Südkorea es eins zu eins abkupfern wollte. Gutmann: "Der hat das copyright als right to copy ausgelegt.“ Nach drei Jahren war der Markenstreit gewonnen. Heute exportiert Sonnentor beachtliche Mengen in das Land der nächsten Winterolympiade.

Vom Greißler zum Guru

Vorbilder und Lehrmeister hatte er einige. Da war der Greißler im Ort, zu dem der kleine Hannes jeden Tag pilgerte, um sich eine Schokobrezel zu holen und sich dessen Geschichten anzuhören. Der Vater, der die Kühe im Stall mit selbst gebrauten Tinkturen behandelte. Das Buch mit dem Titel "Apotheke Gottes“, das der Handelsakademie-Besucher verschlang. Irgendwann begann er, selbst mit Kräutern zu experimentieren, sie zu versetzen, Johanniskrautöl herzustellen.

Den Hof des Vaters wollte er nie übernehmen, "das Steineklauben hat mich immer angezipft“. Das Studium auf der Wirtschaftsuni beschäftigte ihn ganze zwei Wochen, dann war er wieder daheim. Der Job als Buchhalter bei der Schweighofer Holzindustrie: Vierzehn Tage, dann ergriff er die Flucht. Im Job als Fremdenführer konnte er immerhin sein Talent als Geschichtenerzähler trainieren. Den Beruf des Bierverkäufers für die Zwettler Brauerei quittierte er nach einem halben Jahr, danach aber wurde es ernst: Das Waldviertel Management holte den unsteten Sinnsucher ins Team und gab ihm eine Aufgabe: Kräuter, die in einem Pilotprojekt angebaut wurden, bitte schön auch unters Volk zu bringen. Was ihm dank seines lockeren Mundwerks gut gelang. Er stellte einfachste Holzregale auf, verpackte die Kräuter sackerlweise, karrte Bauern busweise zur Lagerhalle und kochte sie ein. Er roch und sah die Marktnische. Er verkaufte am flachen Land ebenso wie auf der Wiener Messe. Der Kntasch mit dem Arbeitgeber kam wie bestellt. "Nach einem Tag tiefer Trauer“ tat er sich 1988 mit drei Bauern seines Vertrauens zusammen. Schon im ersten Jahr seines Unternehmertums konnte er vom Groscherlgeschäft leben, "das war wie warmer Regen“.

Die Stadt Zwettl verwehrte dem spaßigen Kräuterfreak einen Stand am Marktplatz; Asyl fand er bei einem Gastwirt, der ihm ein Rasenfleckerl vor seinem Haus als Verkaufsfläche zur Verfügung stellte. 1991 verschickte er erste Kräutersackerl nach Deutschland. 1992 übersiedelte er sein Mini-Unternehmen in einen alten Bauernhof im 150-Einwohner-Nest Sprögnitz. Dort sackelte er gemeinsam mit Verwandten und Bekannten die Ware ein. Und baut seit damals unverdrossen aus. Der Rest ist Geschichte, vermischt mit Legenden aus dem Reich des ruhelosen Kräuterhexerichs.

Gutmann, der Gutmensch

Das Erstaunliche an der Biografie des Hannes Gutmann ist, dass er im Zuge seines Erfolgswegs seinen Glauben an das Gute, Gerechte und Biologische nicht über Bord geworfen hat. Zeuge ist Jürgen Binder, Chef der Arbeiterkammer Zwettl: "Für unsere Breiten ist das ein absoluter Wahnsinn, ich bin sehr froh, dass es das Unternehmen gibt, schließlich sind Arbeitsplätze im Waldviertel eher rar“, singt er ein Loblied auf den Paradebetrieb. "Wir hatten noch kein einziges arbeitsrechtliches Problem. Er gibt Sozialleistungen, die man sonst suchen muss. Es wäre super, wenn das überall so wäre.“ Sagt der Vertreter der Arbeitnehmer. Es stört Binder nicht einmal, dass es in Sprögnitz gar keinen Betriebsrat gibt: "Der Dienstgeber wäre nicht negativ eingestellt, es findet sich aber niemand, der das machen will, es funktioniert auch so alles tadellos.“

Freilich ist Gutmann kein naiver Gutmensch, sondern ein Patriarch neueren Zuschnitts. Der Boss schaut und hört auf seine Leute und streichelt sie permanent, aber nicht nur aus reiner Menschenfreundlichkeit, sondern deshalb, weil der Laden so einfach besser läuft. Kantinenessen ist gratis. Gemeinsames Mittagessen, Kommunikation ist ihm wichtig, Bio-Obst gratis. Gutmann legt bei seinen Rundgängen gern die Hand auf die Schulter seiner Leute. Andererseits holt er diejenigen, die bei so viel gutem Klima "einschlafen“, zu sich ins Büro. Gelbe und auch rote Karten werden, wenn auch selten, gezogen. Das Ergebnis seines Stils: Die Fluktuation ist mit fünf Prozent sehr niedrig. Die Zahl der Krankenstände pro Jahr und Mitarbeiter hält bei 5,5 Tagen - im Österreichschnitt sind sind es zwölf. Auf Initiative seiner Frau wurde heuer sogar ein eigener Betriebskindergarten eingerichtet.

Gutmann bietet seinen "Mitunternehmern“, wie er gerne sagt, Seminare und Weiterbildungen an - und erwartet, dass sie auch teilnehmen. Von "Rücken Fit“ bis zu "Brain Juggling“, von "Gesunde Küche für Eilige“ bis zu Yoga reicht die Palette. Er erwartet eine hohe, um nicht zu sagen vollständige, Identifikation mit seinem Unternehmen. Fast alle Mitarbeiter tragen während der Arbeit zumindest ein Sonnentor-T-Shirt oder eine Jacke mit dem Logo. Er fordert - und fördert - Verbesserungsvorschläge, er ist Großgruppenanimator, hält einmal pro Monat eine "Mitarbeiter-Information“ ab, bei der er den Mitarbeitern klar macht, wie gut sie sind und wie gut das Unternehmen da steht. Nur eines macht er sicher nicht: Gewinnbeteiligungen ausschütten. Auch Führungskräfte bekommen keine "Boni“, lieber spendiert er Geburtstagsfeiern und gewährt großzügige Mitarbeiter-Einkaufspreise.

Postkapitalist

Das süße Dorf Sprögnitz hat sich dank Gutmann vom aussterbenden Abwanderungsort zur Logistikzentrale verwandelt. Die fünf, bald sechs riesigen Hallen mit endlosen Hochregalen und lustigen Namen ("Halle Luja“, "Drunter und Drüber“) wachsen weit über den Ortsrand hinaus. Waren im Wert von 6,5 Millionen Euro liegen zum Versand bereit. 15.000 Paletten pro Jahr werden von Lkws abgeholt. Mittlerweile wird aus Sprögnitz sogar in Indien geernteter Tee nach Bali verbracht. Ein Bäcker aus der Umgebung produziert für ihn 150.000 Packungen Kekse pro Jahr. 100 Millionen Teebeutel werden abgefüllt und die bunten Teeschachteln zu 80 Prozent händisch etikettiert, "weil man damit auch kleinste Mengen für Exportmärkte vernünftig verarbeiten kann“.

Wirtschaftsdelegationen, Politiker, Studentengruppen kommen hierher, um zu sehen, zu staunen, zu kaufen. Und - hoffentlich - Hannes Gutmann persönlich zu sehen, zu erleben, zu bewundern. Und um zu vernehmen, dass sein Sonnentor nach den Prinzipien der Gemeinwohl-Ökonomie arbeitet, sich freiwillig strengen Prüfungen unterwirft und zu einem Paradeunternehmen dieser postkapitalistischen Denkschule geworden ist. Es klingt schier unglaublich, aber Gutmann zahlt sich glaubhaft und bis heute lediglich rund 2500 Euro netto als Geschäftsführergehalt aus. Zwischen Wohnhaus, Büro und neuem Speiselokal fährt er mit einem Elektro-Funcar herum. Er träumt vom einen Elektro-Tesla, kaufen wird er sich demnächst aber eine brave Familienkutsche - denn im Herbst wird er zum dritten Mal Vater. Gutmann ist ein Gutmensch, wohl gemerkt aber ein äußerst tüchtiger. Ein neunundvierzigjähriger Konzernherr, der in Wahrheit nur eines will: Im Waldviertel, in seiner engsten Heimat, "in Würde alt werden - und nicht in Gier.“

Alix de la Poeze d'Harambure-Fraye, Innenarchitektin

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