"Schule kann der Wirtschaft schaden"

"Schule kann der Wirtschaft schaden"

trend: Es gibt in Österreich Hunderte Bildungsexperten, Bildungsforscher, aber keine Bildungsökonomen. Was berechnen Sie? Wie teuer ein Bildungssystem ist?

Ludger Wößmann: Das am allerwenigsten! Bildungsökonomie beschäftigt sich mit den wirtschaftlichen Konsequenzen von guter wie schlechter Bildung. Und mit der Frage, wie wir gute Bildung bekommen. Wir ­stellen fest, ob und wie der wirtschaftliche Erfolg, der individuelle und der gesamt­gesellschaftliche, vom Bildungsstand abhängt. Die Bildungsergebnisse sind für den Einzelnen wie für die Volkswirtschaft insgesamt der entscheidende Faktor. Einkommen und Beschäftigungschancen hängen extrem von Bildung ab, auch der Wohlstand generell.

Was sind die österreichischen Defizite? Was müssen wir machen, damit das Wirtschaftswachstum auf fünf Prozent steigt?

Wößmann: Eine große Frage! Die einfache Antwort wäre: die Bildungsleistung der Bevölkerung verbessern. Österreich liegt international im Mittelfeld. Bei den PISA-Ergebnissen ist die Entwicklung völlig flach, da hat sich im Laufe des letzten Jahrzehnts nichts ­verbessert.

Anders als in Deutschland …

Wößmann: Ja, da gab es nach der ersten PISA-Studie einen Schock, einen Aufschrei, dann ist viel passiert. Lehrer wie Schüler haben begriffen, dass mehr auf die Ergebnisse zu achten ist. So ist Deutschland in den letzten zwölf Jahren Stück für Stück besser geworden und liegt jetzt im oberen Mittelfeld.

An welchen Schrauben muss man drehen?

Wößmann: Ein wichtiger Aspekt ist das Thema Zentralmatura. Es ist wichtig, dass vergleichbar überprüft wird, was am Ende der Schul­karriere herausgekommen ist. Wir sehen immer wieder ganz deutlich, dass Schülerinnen und Schüler jener Länder, in denen es eine zentrale Abschlussprüfung gibt, ­wesentlich besser abschneiden als Schüler jener Länder, die diese nicht haben.

Warum ist das so?

Wößmann: Wenn zentral verglichen wird, können die einzelnen Lehrerinnen und Lehrer und auch die Schulen die Standards nicht einfach selbst rauf- oder runterschrauben, ohne dass dies jemand bemerkt. Wenn man sieht: Oje, in dieser Schule kommen regelmäßig schlechte Schülerleistungen hinten raus, wird man nachfragen. Es muss ja nicht so sein wie in Frankreich, England oder Holland, dass die Ergebnisse der Schulen in den Zeitungen veröffentlicht werden. Aber die bessere Vergleichbarkeit steckt auch hinter dem deutschen Aufwärts­trend.

Der Bildungsökonom sagt also: „Macht in Österreich eure Zentralmatura, und ihr kriegt bessere Leistungen!“

Wößmann: Absolut. Das ist total wichtig.

Besteht nicht die Gefahr der Nivellierung?

Wößmann: Man kann sicherlich zu sehr vereinfachen, zu sehr anpassen. Aber in Kernfächern wie Mathematik, Sprache, erste Fremdsprache, da sollten wir schon wissen, was die Leute wo gelernt haben. Ich bin aber auch dafür, dass Schulen eigene Profile entwickeln.

Die Zentralmatura bringt mehr Wett­bewerb zwischen Schulen. Ist Wett­bewerb das Zauberwort für Sie?

Wößmann: Wir sehen, dass Wettbewerb ein wichtiger Einflussfaktor für gute Bildungsleistungen ist. Das gilt für einen größeren Wettbewerb zwischen öffentlichen Schulen durch mehr Autonomie. Aber es sollte auch mehr Schulen mit nichtstaatlicher Trägerschaft geben. Damit meine ich nicht hochtrabende Internate mit hohen Schulgeldern, die sich nur die oberen Zehntausend leis­ten können. Die schaffen noch keinen großen Wettbewerb. Der Staat sollte jedenfalls die ­Finanzierung der privaten Schulen ­sicherstellen.

Das kostet viel Steuergeld …

Wößmann: Es geht offensichtlich nicht so sehr darum, wieviel Mittel wir haben, sondern, wie wir sie einsetzen. Es ist nicht so, dass Länder, die systematisch mehr ausgeben, besser abschneiden. Auch innerhalb von Ländern wurden Schulen mit unterschiedlicher Ausstattung untersucht. Ergebnis: In den allermeisten Fällen haben bessere Ausstattungen überhaupt keinen Einfluss darauf, was am Ende bei den Schülern hängenbleibt. Das ist schon ein bisschen verrückt.

Warum dann Privatschulen?

Wößmann: Wenn es mehr nichtstaatliche Trägerschaft gibt, werden auch die staatlichen Schulen besser. Denn Eltern und Schüler können entscheiden, wo sie hingehen – und die öffentlichen Schulen müssen reagieren. Es schneiden nicht nur die Schülerinnen und Schüler an Privatschulen besser ab, es werden durch den generellen Wettbewerbs­effekt alle besser.

Kann man sagen, dass die Schulen, so wie sie heute arbeiten, letztendlich der Wirtschaft mehr schaden als nutzen?

Wößmann: Schulen, die keine Kompetenzen ver­mitteln, schaden den Menschen, und somit auch der Wirtschaft. Das kann man so sagen. Man kann die Kosten unzureichender Bildung sogar ausrechnen. Es sind sehr hohe volkswirtschaftliche Kosten.

Welche neuen Inhalte braucht es, um Wachstum zu erzeugen? Mehr kreative Fächer oder mehr Technik, mehr Physik?

Wößmann: Die Kompetenzen, die wir messen können und die eng mit dem Wachstum verbunden sind, sind mathematische, naturwissenschaftliche, aber auch sprachliche Kompetenzen. Die ersten beiden sind am wirksamsten. Für jede zusätzliche Kompetenzstufe, die bei Mathematiktests erreicht wird, verdient man dementsprechend mehr. Für Österreich heißt das: Ein Schritt weiter auf der fünfteiligen Skala bringt im Durchschnitt um 18 Prozent mehr Einkommen. In Deutschland sind das pro Stufe 650 Euro.

Offenbar sind in den gefragten Fächern die Unterrichtsmethoden hintennach, auch die Lehrer am schwächsten. Warum?

Wößmann: Wer in diesen Kompetenzbereichen gut ist, hat gute Alternativen in der freien Wirtschaft. Absolventen werden tendenziell nicht in den Lehrerberuf gehen. Andererseits muss man der Bevölkerung bewusstmachen, dass ­Mathematik, Naturwissenschaften, Infor­matik Türen in hochbezahlte Jobs öffnen.

Also eine große Kampagne für diese sogenannten MINT-Fächer?

Wößmann: Vielleicht genügt es, zu sagen: Diejenigen, die zur Zeit MINT-Fächer studieren, werden später hohe Einkommen beziehen. Man muss vermitteln, welche Kompetenzen am heutigen Arbeitsmarkt tatsächlich gebraucht werden.

Hebt oder senkt die Trennung der Schüler im Alter von zehn Jahren das allgemeine Niveau? Die Frage der gemeinsamen Schule bis 14 polarisiert ja extrem.

Wößmann: Ich schaue hier auf die Fakten. Die Länder, die früh, also mit zehn, trennen, schneiden nicht besser ab, sondern eher ein Stückchen schlechter. Noch viel mehr sieht man, dass sich die Chancengleichheit verringert, je früher man teilt. Es wird auch nur noch in Deutschland und Österreich mit zehn Jahren geteilt, nirgendwo auf der Welt gibt es sonst noch diese frühe Teilung. Die PISA-Studien haben auch gezeigt, dass wir genau zu den paar Ländern gehören, wo die Bildungsleistung am Ende der Schulzeit am stärksten vom sozioökonomischen Hintergrund des Elternhauses abhängt.

Und die besseren Schüler werden durch die gemeinsame Schule nicht gebremst?

Wößmann: Die Angst vieler Eltern ist unbegründet. Wir sehen keinerlei Unterschiede. Selbst die allerbesten Schüler schneiden bei ­früher Trennung nicht besser ab.

Mit 14 beginnt in Österreich, in Deutschland die Lehre. Ist dieser frühe Berufseintritt ökonomisch gut oder schlecht?

Wößmann: Die frühe Spezialisierung auf den Beruf hin gibt es fast nur in den deutschsprachigen Ländern. Er hat Vor- und Nachteile. Man kann im Unternehmen sehr gezielt benö­tigte Kompetenzen aufbauen. Der Übertritt von der Schule in den Arbeitsmarkt wird erleichtert. Andererseits verändert sich die Wirtschaft sehr rasch. Ein noch so gut ausgebildeter Schneider wird heute kaum mehr nachgefragt. Wenn ich mit zwanzig Jahren mit der Berufsausbildung fertig bin, arbeite ich ja noch 45 Jahre in diesem Beruf, weiß aber nicht, ob es diesen Beruf in zwanzig oder vierzig Jahren noch geben wird.

Was ist der Lösungsvorschlag?

Wößmann: Dass wir mehr grundlegende, generelle Kompetenzen vermitteln müssen, die uns ermöglichen, uns auch umzuorientieren.

Schulpflicht bis 18?

Wößmann: Da spricht einiges dafür. Und die Lehrpläne in den Berufsschulen könnten allgemeiner sein. In Deutschland gibt es nahezu zwanzig Ausbildungsberufe im kaufmännischen Bereich. Das ist verrückt und erschwert den Übertritt in andere Berufsfelder. Man könnte so wie in der Schweiz die Zahl der Ausbildungsberufe reduzieren.

Der Computer als Lehrer: Sind da nicht auch Effizienzpotenziale zu heben?

Wößmann: Es gibt viele, die große Hoffnungen hegen, aber was wir empirisch sehen, ist ernüchternd. Zu starker Einsatz von Computern kann sogar zu negativen Effekten führen. Allzu große Hoffnungen würde ich mir nicht machen.

Nicht an allen Defiziten ist die Schule schuld, es gibt bildungsferne Schichten. Kann man die überhaupt erreichen?

Wößmann: In den Sechzigerjahren gab es noch jede Menge gering qualifizierte Jobs in der ­Industrie, am Fließband. Einen Großteil davon gibt es nicht mehr. Es ist eine große Herausforderung, möglichst viele Kinder aus der Bildungsferne herauszuholen, wir lassen da sehr viel Potenzial liegen. Das ist ein riesiges gesellschaftliches Problem. Es stimmt, das Elternhaus ist nach wie vor der wichtigste Einflussfaktor. Aber man kann viel tun. Mehr als drei Viertel der Kinder aus bildungsnahen Schichten gehen in Deutschland zur Universität, aus den bildungsferneren Schichten weniger als ein Viertel. Wenn man also große Schritte nach vorne machen will, muss man bei den bildungsferneren Schichten ansetzen.

Und wie geht das?

Wößmann: Die Kinder sind heute auf den Schulstart sehr unterschiedlich vorbereitet. Es gibt ­soziale Schichten, in denen die Kinder den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen …

Heißt das: Schulpflicht ab drei?

Wößmann: Es geht in diese Richtung. Auch – und gerade – im frühkindlichen Bereich braucht es anreichernde Lernumgebungen. Es geht darum, Neugierde zu entwickeln. De facto liegen die höchsten Ertragsraten auf Bildungsinvestitionen bei sehr jungen Kindern aus bildungsfernen Schichten. Wenn wir es schaffen, dort erfolgreich zu sein, können diese ganz andere Lebenswege gehen.

Wie kann die nötige Umwälzung des Bildungssystems beschleunigt, in Österreich überhaupt erst initiiert werden?

Wößmann: Es geht nicht von heute auf morgen. Wir müssen am linken Rand der Bevölkerung das Bewusstsein für die enorme Wichtigkeit guter Bildungsergebnisse schaffen. Und im rechten Spektrum klar machen, dass die frühe Teilung der Kinder sehr hohe Kosten schafft, aber keinem etwas bringt. Wir müssen vermitteln, das wir ein gerechteres Sys­tem haben können, das gleichzeitig auch bessere Leistungen bringt. So kann man auf Mehrheiten hoffen.

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