Wir wer’n kan Richter brauchen …

Mediation soll friedliche Kompromisslösungen erzielen und teure Streitereien vermeiden. Kann sie das wirklich? Und können die Mediatoren vom Friedenstiften leben?

Fünfundfünfzig Vertragsparteien haben das Abkommen unterzeichnet. Das größte europäische Mediationsverfahren über den Bau der dritten Start- und Landebahn des Flughafens Wien-Schwechat ist nach fünf Jahren zu Ende gegangen. Fünf Jahre, in denen Anrainer, Flughafenbetreiber und Behörde um ihre Interessen gekämpft und um ihr Recht auf Ruhe oder Baubeginn gestritten haben. Fünf Jahre, in denen zwar viele laute Worte gefallen sind, aber keines vor Gericht. Weil eine Entscheidung der Justiz in dieser Frage von allem Anfang an bewusst vermieden werden sollte.

Mediation, eine Vermittlung zwischen mehreren Streitparteien, soll außerhalb von Gerichtssälen zu friedlichen Kompromisslösungen führen. Zeit und Geld für aufwändige Prozessführungen sollen dabei gespart werden.

Klingt zunächst recht vernünftig. Aber ist die schmeichelweiche Art, durch die angeblich jeder zum Sieger gemacht wird, wirklich so erfolgreich?

Ähnlich wie in den USA erwartete man sich auch hierzulande einen Massenansturm auf die neue Art der kostengünstigen Konfliktlösung. Mediationstrainer schossen wie Schwammerln aus dem fruchtbaren Terrain österreichischer Weiterbildungsanbieter und haben mit Feuereifer Lernwillige aller Berufssparten zu Mediatoren ausgebildet. Zum Einsatz kommen die zertifizierten Friedensstifter allerdings selten, denn die Mediationsfälle sind noch rar. „Es wäre gänzlich unmöglich, davon zu leben“, weiß Alexandra Knell, Rechtsanwältin und ausgebildete Mediatorin. Derzeit gibt es jedenfalls „vielleicht maximal 500 Fälle im Jahr, die wirklich die Bezeichnung Wirtschaftsmediation verdienen“, berichtet Gerhart Fürst, Wirtschafts- und Umweltmediator und Betreiber der ARGE Wirtschaftsmediation. Denn innerbetriebliche Konflikte werden „aus Geheimhaltungsgründen sowieso meist von der Organisationsberatung erledigt, da kommt kein Mediator von außen zum Einsatz“.

Preis des Friedens. Trotzdem gibt es zurzeit bereits fünfzig eingetragene Ausbildungsinstitute. Aber nur 200 bis 500 Interessenten pro Jahr. „Durch den dabei entstandenen Preiskampf wird es immer schwieriger, qualitätsvolle Ausbildungen im Markt unterzubringen“, warnt Fürst. „Und es gibt immer mehr Ausbildungsanbieter ohne Praxiserfahrung.“

4000 Österreicher haben bislang eine staatlich anerkannte Mediationsausbildung absolviert. Darunter sind Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer, Steuerberater, Psychologen und Kommunikationstrainer. Bei maximal 500 Mediationsfällen im Jahr dürften einige unter ihnen schwer unterbeschäftigt sein. „Es ist derzeit noch mit einem hohen Risiko verbunden, sich beruflich ganz auf Wirtschaftsmediation zu verlegen“, warnt denn auch Fürst: „Der Wert einer Mediationsausbildung liegt daher im Moment vielmehr in der Verbesserung der eigenen Arbeits- und Kommunikationsqualität.“

Doch nicht jeder macht dafür freiwillig die Ausbildung. Einige, unter ihnen beispielsweise Rechtsanwaltsanwärter, sind mittlerweile verpflichtet, eine Mediationsausbildung zu absolvieren. Die Anwälte selbst sind von der Sinnhaftigkeit nur begrenzt überzeugt. „Zwei meiner Mitarbeiter sind als Rechtsanwaltsanwärter zwangsverpflichtet, auch eine Mediationsausbildung zu machen“, erzählt Rechtsanwalt Gerhard Jöchl. „Das dient meiner Ansicht nach nur dazu, den Ausbildnern ein zusätzliches Einkommen zu verschaffen.“

Laut Verordnung müssen 365 Ausbildungsstunden absolviert werden, um ins Mediatorenverzeichnis eingetragen zu werden. Vertretern von psychosozialen, juristischen und wirtschaftlichen Berufsgruppen wird ihre Erfahrung angerechnet, wodurch sich die Ausbildungszeit auf 220 Stunden reduziert. Zwischen 5000 und 10.000 Euro kostet ein gesamter Mediationslehrgang. Nach dieser Investition ist es Aufgabe der frisch gebackenen Mediatoren, dafür zu sorgen, dass sich ihre Klientel rasch und daher kostengünstig außergerichtlich einigt. Fürst: „Im Forum Wirtschaftsmediation haben wir einen Richtsatz, der liegt bei 300 Euro in der Stunde für ein Mediationsteam von zwei Personen.“

Das wirkt weit günstiger als der Stundensatz der meisten Anwälte. „Mediation ist weit billiger, als Anwaltskosten zu bezahlen, obwohl es keine fixen Richtsätze gibt“, ist auch Mediatorin Knell überzeugt. Doch unter den Mediatoren gibt es sehr unterschiedliche Preisvorstellungen, je nachdem, ob der Mediator dem anwaltlichen oder dem therapeutischen Milieu entstammt. Fürst: „Es treffen zwei Honorarwelten zusammen, die der Juristen, Notare und Steuerberater, die ja auch ihren Kanzleiapparat erhalten müssen, und dann die Honorarwelt der Therapeuten, die bereit sind, ihre Leistungen schon ab 80 Euro anzubieten.“

Recht auf Sieg. In Europa war Mediation bis vor wenigen Jahren weit gehend unbekannt. Doch ab 2007 sollen EU-Gerichte die Parteien in bestimmten Fällen zu Mediationsverfahren zwingen können. In den USA ist die verordnete Waffenruhe weit verbreitet. In vierzig Bundesstaaten werden die Streitparteien per Gesetz verpflichtet, vor einem Prozess noch einen außergerichtlichen Kompromiss zu versuchen. Das soll vergleichsweise viel rascher gehen und weit weniger Geld kosten als ein Prozess, mit dem Nebeneffekt, dass die Streitparteien eine gemeinsame Lösung finden müssen, an die sie sich deshalb auch stärker gebunden fühlen.

Der hohe Beliebtheitsgrad der Mediation in den USA und die zögerliche Annahme des Verfahrens hierzulande könnten aber auch an den vollkommen unterschiedlichen Rechtssystemen liegen.

„Die klassische Wirtschaftsmediation passiert in Österreich noch nicht so oft. Denn dazu muss man die Hoffnung aufgeben, gewinnen zu können“, stellt Peter Schütz fest, Gründer und Geschäftsführer des Österreichischen Trainingszentrums für Neurolinguistisches Programmieren (ÖTZ-NLP), das auch Mediatoren ausbildet.

„Man macht ja als Anwalt den ganzen Tag nichts anderes als Mediation“, glaubt Thomas Angermair, Partner der Rechtsanwaltskanzlei Dorda Brugger Jordis: „Bei Scheidungen sowieso, aber auch im Vorfeld von Prozessen und im Schiedsverfahren. Mediation ist halt nur eine der Streitbeilegungsmöglichkeiten.“

Außerdem hält er die Streitkultur, aber auch das Wissen um Prozessverlauf und Kostenersatzansprüche in Österreich für viel ausgeprägter: „Wenn meine Mandantschaft obsiegt, weiß sie, dass sie Kostenersatz zugesprochen bekommt. In den USA bleibt auch der Siegreiche auf seinen Kosten sitzen, da kann er auch gleich eine Mediation zahlen.“

Abgesehen davon sind Verfahren in den USA viel aufwändiger, und der Ausgang ist eher ungewiss. „Bei uns gibt es Berufsrichter, die wissen, wovon sie reden und wonach sie entscheiden“, meint Angermair einen wesentlichen Punkt für die ungleich höhere Bereitschaft zur Mediation in den USA zu orten.

Doch selbst wenn die Bereitschaft beider Streitparteien vorhanden ist, Mediationsverfahren können scheitern. Gemeinsam mit den anschließend anfallenden gerichtlichen Prozesskosten verdoppeln sich dann Ausgaben und Wartezeit bis zum Urteilsspruch.

„Zwei Drittel der Mediationen gehen schief“, weiß Schütz. Noch ein Grund, warum sich ein gewisses Maß an Skepsis unter Anwälten breit gemacht hat. „Ich halte nichts von Mediation“, bekennt daher Anwalt Jöchl. „Es entstehen nur Kosten, die dann in der Luft hängen, und die Sache wird verzögert.“

In Österreich gibt es auch keine Ziviljurys. Denn „nur um den Jurys zu entgehen, lassen sich in den USA so viele auf Mediation ein“, glaubt Schütz zu wissen, „wir haben außerdem auch kein so vernichtendes Schadensersatzrecht. Und wir haben ein Außerstreitverfahren und ein hoch spezialisiertes Verwaltungsrecht.“

In der relativ zügigen Arbeitsweise unserer Gerichte glaubt Mediatorin Knell einen Grund für die geringere Inanspruchnahme von Mediation in Österreich zu sehen. „Unsere Gerichte arbeiten im Vergleich zu anderen Ländern viel schneller. Da kann Mediation nicht einmal mit der Kürze des Verfahrens punkten.“

In jedem Fall bedeutet Mediation mehr Arbeit für die Streitparteien, denn sie müssen eine mögliche Konfliktlösung selbst ausarbeiten. „Beim Anwalt kann ich meinen Fall komplett auslagern“, meint Knell. „In der Mediation muss ich mich anstrengen und habe nachher auch keine Ausrede – der Richter hätte falsch entschieden – und auch keine Einspruchsmöglichkeit mehr.“

Hat ein Konflikt bereits eine bestimmte Eskalationsstufe erreicht, gilt ein Mediationsversuch sowieso als chancenlos. Doch manche Experten sind der Ansicht, in Österreich sei Mediation ohnedies systemimmanent. Mediationstrainer Schütz: „Bei uns ist der Staat die größte Mediationsagentur, nur wird sie nicht so genannt.“

von Martina Forsthuber

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