What Makes a US-President...

Dubai baut höchstes Gebäude der Welt. Erster Weltraumspaziergang eines Chinesen. Macao überholt Las Vegas bei Casinos. Mexikaner reichster Mann der Welt. Indien löst Hollywood als Epizentrum des Films ab. Vor zehn Jahren wären Schlagzeilen wie diese auch Nichtamerikanern als utopisch erschienen. Heute sind sie Realität: Was bis vor Kurzem noch als Domäne des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten galt, fällt nun anderswo schneller, höher, weiter, spektakulärer aus. Auch im Wettbewerb der Wirtschaftssysteme haben die Amerikaner soeben eine schmerzhafte Niederlage einstecken müssen. Der Siegeszug des ungezügelten Kapitalismus angelsächsischer Prägung ist zu Ende.

Welche Macht bleibt dem neuen US-Präsidenten, der am 4. November gewählt wird, noch? Selbst im Innersten der Supermacht ist klar, dass sich Barack Obama oder John McCain auf eine neue Weltordnung einstellen müssen. „Eine herausragende Macht“ würden die USA zwar bleiben, hat vor Kurzem Thomas Fingar, der oberste Analytiker des Nationalen Geheimdienstrats, in seiner Analyse „Global Trends 2025“ konstatiert. Aber: "Die amerikanische Dominanz wird abnehmen."

Wall Street 2.0
Der Zorn über die Machenschaften der Investmentbanker war so groß, dass Demonstranten Ende September die vermeintlichen Schuldigen an der Krise sogar aufforderten, es doch ihren Vorgängern von 1929 gleichzutun: In der großen Depression nach dem historischen Börsenkrach waren mehrere Bankmanager aus den Fenstern ihrer Bürotürme gesprungen. Doch auch ohne Anstieg der Selbstmordrate wird es die Finanzzentren der USA bitter treffen: Worst-Case-Szenarien sprechen von 40.000 verlorenen Jobs allein an der Wall Street. Ob nach Freddy Mac, Lehman Brothers & Co. weitere prominente Opfer folgen, ist noch unklar. Sicher ist: Nach der Präsidentenwahl ist vor dem Ausmisten. Der Staat wird sich wieder stärker ins US-Bankensystem einmischen. Die Vorschläge reichen von einem Verbot besonders komplexer Derivative bis hin zur teilweisen Verstaatlichung der Banken beziehungsweise der Rating-Agenturen. Ob Ethikkurse und schärfere Regulierungen, wie sie auch schon nach dem Fall von Enron, WorldCom und Tyco 2001 eingeführt wurden, ausreichen? Obama und McCain, im Wahlkampf große rhetorische Kämpfer für die Sicherheit der Spareinlagen, müssen auch noch andere Interessen berücksichtigen: So zählen etwa Goldman Sachs, JP Morgan Chase und Citigroup zu den größten Einzelspendern Obamas.

In No God We Trust.
Viele Jahre lang waren sie die verlässlichste Stütze der US-Konjunktur: die Konsumenten. Doch die Wirtschaftskrise hat tiefe Verunsicherung in den amerikanischen Haushalten hinterlassen. Innerhalb von 20 Monaten hat sich der Consumer Confidence Index (CCI) des Conference Board fast halbiert. Die Arbeitslosigkeit steigt, die Einzelhandelsumsätze sind im September um 1,2 Prozent gefallen, und der Oktober ist kaum besser verlaufen. Wer in dieser Situation die besseren politischen Lösungsansätze formulieren und über die Bühne bringen kann, hat am 4. November die besseren Karten. Barack Obama hat sich als Vertreter der kleinen Leute inszeniert: Er will Gutverdiener stärker belasten und tritt für Steuerkürzungen für Bezieher geringer Einkommen ein – McCain wirft ihm Klassenkampfrhetorik vor.

Death of a Salesman.
Chinas Aufstieg ist Amerikas Niedergang – das trifft zumindest
auf das Ranking der Exportnationen zu. Der US-Anteil an den Weltexporten ist in den letzten 25 Jahren deutlich geschrumpft. Spielzeug, Elektrogeräte, Kleider – diese Güter beziehen die USA inzwischen zu einem großen Teil aus Asien. Das Außenhandels­defizit hat sich unter George W. Bush folglich verdoppelt: von 388 Milliarden Dollar 2001 auf 755 Milliarden Dollar 2007.

Bring ’em Home.
Militärisch bleiben die USA auf lange Sicht eine Supermacht. Dar­über sind sich Experten einig. Doch ob die kriegsbedingt stark gestiegenen Rüstungsausgaben (siehe Grafik) mit dem Staatsbudget auf Dauer vereinbar sind, ist zu bezweifeln. Von der Finanzkrise etwas in den Hintergrund gedrängt sind die Kriege gegen Terroristen im Irak und Afghanistan in der Endphase des Wahlkampfs dennoch ein entscheidender Faktor. Wer kann die bessere Antwort auf die Frage des Wie-lange-noch geben – Obama oder der Vietnamkriegs-Veteran McCain? In Afghanistan braut sich gerade eine wachsende (Terror-) Front zusammen – Obama will folglich das Hauptaugenmerk der US-Einsatzkräfte auf die Bekämpfung der Taliban im Hindukusch-Land legen und den Irak-Krieg innerhalb von 16 Monaten beenden. McCain hält diese Strategie für „frühreif“ und sieht Anzeichen dafür, „dass wir den Krieg im Irak gewinnen“.

Jesus Loves You.
Von den Business- und Kultureliten, die zwischen New York und Kalifornien pendeln, wurden sie spöttisch auch schon als Fly-Over Country bezeichnet. Das Land also, über das man besser drüberfliegt, weil es mangels Glamour und ökonomischer Bedeutung einfach keinen Besuch wert ist. Dabei sind die Staaten im Mittelwesten, etwa Nebraska, Oklahoma oder die Dakotas, politisch höchst bedeutungsvoll: Hier lebt ein guter Teil der „White Evangelicals“, die 2004 zu 80 Prozent Bush wählten. Sie verfechten Familienwerte und sind regelmäßige Kirchgänger. Bisher war auf diese Wählergruppe aus Sicht der Republikaner Verlass. Doch neueste politische Analysen weisen darauf hin, dass die unter 30-Jährigen aus dem Werteschema ihrer Eltern allmählich ausbrechen: Die Unterstützung des Noch-Präsidenten George W. Bush ist bei ihnen im Laufe von dessen Amtszeit stärker gesunken als in allen anderen Schichten. Doch werden die jungen, weißen Familienmenschen in der Anonymität der Wahlzelle tatsächlich für den jungen, schwarzen Familienmenschen Obama votieren?

My Home Is My Prison.
Allein im US-Bundesstaat Ohio, einer Hochburg von McDonald’s, Burger King, Wendy’s & Co, gab es zuletzt mehr Kreditbüros als Fastfood-Restaurants. Der durch niedrige Zinsen angefachte Immobilienboom hat die traditionellen Kontrollmechanismen der Geldverleiher eliminiert. Immer mehr US-Bürger glaubten, sich den amerikanischen Traum vom Eigenheim mit einem Einkommen erfüllen zu können, das nirgendwo sonst auf der Welt ausreichend Bonität für einen Kredit geboten hätte. Mit speziellen Produkten wie etwa den massenweise unters Volk gebrachten „payday loans“ – als Überbrückung bis zum Eintreffen der Monatsgage – sollten dann die ersten Zahlungsschwierigkeiten überbrückt werden. Die Zinssätze für diese räuberischen Kredite: bis zu 300 Prozent. Mit der Immobilienblase sind auch die Träume vieler Bürger geplatzt. Nun stehen ganze Siedlungen zum Verkauf. Eine der vordringlichsten Aufgaben des neuen US-Präsidenten: die Einführung strengerer Regeln für Kreditvergaben. Erste Klagen gegen die Finanzbranche haben bereits Erfolge gezeitigt: Allein in Florida, wo der Verfall der Häuserpreise besonders dramatisch war (siehe Grafik), soll der Finanzkonzern Countrywide wegen überhöhter Zinsen eine Milliarde Dollar zurückzahlen. Vielen kleinen Kreditbüros, die im Zuge des Booms in den letzten Jahren aus dem Boden geschossen sind, droht mittlerweile die Insolvenz.

Detroit in Despair.
Auch die Autobauer waren sich zu lange zu sicher, dass der American Way of Life auf ewig fortführbar ist: Wegen der hohen Spritpreise bleiben die Händler nun auf ihren Geländewagen und SUVs sitzen. Für die General-Motors-Tochter Hummer wird ein Käufer gesucht. Chrysler, im Vorjahr vom Bawag-Eigentümer Cerberus übernommen, steht schon wieder vor dem Verkauf. Zu lange wurden längst erkennbare Trends wie die verstärkte Nachfrage nach spritsparenden Modellen ignoriert. Die Asiaten und Europäer waren da innovativer: Toyota, Audi & Co knöpften den stolzen Autounternehmen rund um Detroit im Bundesstaat Michigan am Heimmarkt sukzessive Marktanteile ab. Die „Big 3“ General Motors (GM), Ford und Chrysler schreiben vor allem große Verluste: Allein im ersten Halbjahr 2008 setzten Ford und GM 27 Milliarden Dollar in den Sand. Chrysler publiziert gar keine Finanzergebnisse mehr und könnte noch vor der Wahl mit GM fusionieren. Der demokratische Präsidentschaftswerber Barack Obama hat schon angedeutet, den notleidenden Autofirmen unter die Arme greifen zu wollen. Er schlägt ein 25 Milliarden Dollar schweres staatliches Kreditpaket vor, um den Crash der Vorzeigeindustrie zu verhindern. McCain hat eine Auffanglösung bisher ausgeschlossen und will stattdessen die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten der „Big 3“ ankurbeln helfen.

Von Bernhard Ecker

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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