Wettbewerbsdruck: Tankstellenpächter rutschen in arbeitsrechtliche Illegalität

Sinkender Treibstoffabsatz, billige Diskonter, längere Öffnungszeiten: Der steigende Wettbewerb an den heimischen Zapfsäulen lässt die Tankstellenpächter in die arbeitsrechtliche Illegalität rutschen.

Von Markus Groll

Wer sich über zu hohe Spritpreise beschwert, darf stets breite Zustimmung erwarten. Die Klage stringent zu argumentieren ist dagegen gar nicht so einfach. Diese Erfahrung musste zuletzt die Kartellbehörde machen, als sie den heimischen Ölmultis wegen hoher Preisdifferenzen an der Zapfsäule das Ausnutzen lokaler Monopolsituationen vorwarf. Das ist eine erstaunliche Neubesinnung, denn bislang argumentierte man genau umgekehrt: Es fehle an Wettbewerb, weil die Preise österreichweit zu ähnlich seien. Vielleicht tun sich die Wettbewerbshüter aber deswegen so schwer, weil sie an der falschen Stelle suchen. Wenn es Absprachen zwischen den Ölmultis gibt, dann eher zwischen Raffinerie und Großhandel, weniger an der Zapfsäule. Im Gegenteil: Im anhaltend dichten Tankstellennetz in Österreich nimmt der Wettbewerb sprunghaft zu. Auf der einen Seite bauen die Multis ihre Standorte zu Erlebniswelten mit Shop und Bankdienstleistungen aus. Auf der anderen erobern Diskont-Automatentankstellen langsam, aber sicher Marktanteile. Dazwischen bremsen höhere Mineralölsteuern und der stetig sinkende Spritverbrauch moderner Motoren die Tanklust der Autofahrer. Den daraus resultierenden Margendruck bekommen vor allem die Pächter zu spüren. Sie sind in der Regel durch Franchiseverträge an ihren jeweiligen Mutterkonzern gebunden, haben wenig wirtschaftlichen Entscheidungsspielraum – müssen aber strikte Vorgaben einhalten. Ferdinand Müller, steirischer Tankstellenpächter und Obmann des Tankstellen-Fachverbands, reicht es: „Das kann so nicht weitergehen.“ Er wartet mit einem alarmierenden Befund auf: „Schon jetzt fehlen für einen arbeitszeitrechtlich korrekten Betrieb der Tankstellen österreichweit 2800 Mitarbeiter.“

Dichtes Netz, dünne Erträge. Tatsächlich ist Österreich ein hartes Pflaster. Denn statt der sprichwörtlichen „Drei von der Tankstelle“ gibt es statistisch gesehen nur rund zwei Mitarbeiter pro Standort. Die Tankstellendichte ist in Österreich seit Jahren unverändert hoch. Die immer wieder vorhergesagte Flächenbereinigung der insgesamt 2840 Standorte (2009) hat bisher nicht stattgefunden. Auf jede Tankstelle kommen 3500 Einwohner, in Deutschland sind es 5300 – eineinhalb mal so viel. Doch wann immer sich ein Konzern entschließt, Positionen abzugeben, werden sie sofort von Mitbewerbern übernommen. So gingen etwa im Sommer 2010 184 österreichische Esso-Stationen (Exxon) an die österreichische Agip-Tochter (Eni), die damit nun nach OMV und BP den dritten Platz im Zapfsäulen-Ranking erobert hat. Diese Dichte hat signifikante Auswirkungen auf den Treibstoffumsatz je Standort – und damit auf dessen Wirtschaftlichkeit: Bei Werten zwischen 0,8 und 6,5 Millionen verkauften Litern pro Jahr und Tankstelle beträgt der Durchschnitt in Österreich 1,9 Millionen. In Deutschland fließen bei annähernd gleicher Infrastruktur jährlich mit durchschnittlich 2,5 Millionen Litern 30 Prozent mehr durch die Zapfhähne in die Tanks. Kein Wunder, dass auch die bilanzielle Situation der österreichischen Pächter alles andere als rosig ist. Rund zwei Drittel von ihnen können mit den Erträgen die Kosten nicht decken, wirtschaften also in „Unterdeckung“, wie es die von der gesamten Branche genutzte Verrechnungsagentur Eurodata bezeichnet.

Lange Öffnungszeiten, wenig Personal. Als Folge dieser wirtschaftlichen Situation lässt sich bei Weitem nicht ausreichend Personal einstellen, als nötig wäre, um die von den Mutterkonzernen geforderten Öffnungszeiten arbeitsrechtlich korrekt einzuhalten. Das ist die brisante Schlussfolgerung eines Arbeitsrechtsgutachtens. Statt der notwendigen fünf bis elf Mitarbeiter gibt es durchschnittlich nur zwischen 1,6 und 2,6, klagt Pächter-Lobbyist Müller. „Das endet in den meisten Fällen in einer Form der wirtschaftlichen Selbstausbeutung der Pächterkollegen.“ Ein eigener „Wohlverhaltenskodex“, der zwischen Mineralölverband und Pächtervereinigung geschlossen werden sollte, liegt nach ersten Gesprächsrunden vor dem Sommer derzeit wieder auf Eis. Ganz alleine wollen sich die heimischen Erdölmultis den Schwarzen Peter allerdings nicht zuschieben lassen. BP-Chef Manfred Killian konstatiert zwar auch, dass der Wettbewerb in diesem Bereich härter wird, doch, so der Manager: „Wir haben seit Kurzem einen eigenen Ombudsmann installiert, der sich der Beschwerden der Pächter annehmen soll. Doch die Anzahl der Rückmeldungen hält sich sehr in Grenzen.“ Für ihn wären Knebelverträge auf dem Rücken der Pächter auch wirtschaftlich unlogisch: „Als Großhändler habe ich ja nichts von einem geknechteten Pächter, der das vorgestreckte Geld schuldig bleibt und die Kunden schlecht bedient.“

Margen unter Druck. Doch die Lage könnte sich durchaus noch weiter zuspitzen. Zum einen wird die geplante Erhöhung der Mineralölsteuer den Österreichern das Tanken wohl zusätzlich vermiesen. Zum anderen lassen die immer aufwändigeren Strategien im Verdrängungswettkampf eine Erholung der Ertragssituation auf mittlere Sicht kaum zu. Rund 400.000 Euro lässt sich etwa der Marktführer OMV den Ausbau jedes seiner Tankstellenshops zur so genannten „Viva-Genusswelt“ kosten, rund 30 Millionen Euro hat man in den letzten drei Jahren insgesamt investiert. Starköchin Sarah Wiener wurde als Testimonial für ein biologisches Upgrading der nicht gerade öko-affinen fossilen Treibstoffwelt engagiert. OMV-Manager Harald Joichl: „Der österreichische Markt ist international einer der härtesten überhaupt. Wir wollen die Kunden über das Genussmoment gewinnen.“

Ob sich der Aufwand lohnt, scheint noch nicht ganz klar zu sein. Immerhin: Laut Joichl zapfen rund 100.000 Kunden täglich nicht nur Treibstoff, sondern auch 14.000 Tassen Kaffee, verzehren Bio-Apfelstrudel oder erledigen Bankgeschäfte (Kooperation mit Erste Bank). Der Viva-Shop mache an manchen Tankstellen schon bis zu 50 Prozent des Umsatzes aus, im Durchschnitt rechnet man etwa mit einem Drittel. Umfragezahlen aus einer aktuellen Tankstellenstudie zeigen eine deutliche Grundtendenz: Während die Umsätze im Shop-Bereich insgesamt eher steigen, gehen die Erlöse im Kerngeschäft zurück. Die Beliebtheit des Einkaufs rund um die Uhr hat sich freilich auch zu den Lebensmittelhändlern durchgesprochen. Sie entdecken auf der Suche nach Expansionsflächen die Tankstellenshops für sich. So kooperiert etwa der Rewe-Austria-Konzern (Billa, Merkur, Bipa, Adeg) gleich zweifach mit Tankstellenbetreibern: Bei Jet-Zapfsäulen sorgt der Billa Stop & Shop für rot-gelb-cleveres Einkaufsfeeling, selbstständige Tankstellenbetreiber wiederum können seit wenigen Wochen ihren Kunden mit einem „Adeg am Weg“ die Gelegenheit zum sonntäglichen Noteinkauf bieten. Bei den Standorten der Doppler-Gruppe (Marken BP, Doppler) setzen sich dagegen Konkurrent Spar und sein S-Budget Börserl mit dem Kleinladenkonzept Spar express in Szene. Pächtern mit eigenem Shop kommt diese Entwicklung ungelegen. Die Ableger der großen Lebensmittelketten drücken das bislang üppige Preisniveau in den Tankstellenshops und damit deren Margen. BP-Sprecher Killian: „Seit dem Einstieg der Supermärkte ist diese ehemalige Cash Cow viel weniger attraktiv.“ Wie sehr diese Konkurrenz die gewachsenen Strukturen durcheinanderbrachte, zeigen die Bilanzen von Lekkerland, der alteingesessenen Zulieferfirma für Tankstellenshops. Ihr Umsatz brach in Österreich zwischen 2008 und 2009 von 148 Millionen Euro auf 108 Millionen ein. Sind es im Shop-Bereich Billa & Co, die den Pächtern die Margen verderben, so geraten sie im Stammgeschäft des Spritverkaufs durch eine wachsende Zahl von Diskontern unter Druck. Sie kommen teilweise ganz ohne Personal aus, brauchen keinen Shop, genießen einen Sonderstatus bei der Preisauszeichnung und stehen rund um die Uhr zur Verfügung. Das gilt etwa für die Automatenkette von Ex-Rennfahrer Markus Friesacher (bei dem vor Kurzem Immobilieninvestor René Benko einstieg), der in einer Kooperation mit dem Lebensmitteldiskonter Hofer für Hochspannung am Markt und Tiefstpreise am Zapfhahn sorgt.

Friesacher – derzeit mit 30 Standorten am Markt – hat ehrgeizige Expansionspläne, die nicht nur weitere 430 Hofer-Filialen ins Kalkül ziehen, sondern auch das benachbarte Ausland. Friesacher: „In Frankreich tanken bereits 70 Prozent an Automatentankstellen auf Supermarktparkplätzen. Dieses ausgereifte System wird sich auch bei uns durchsetzen.“ Auch für die fernere Zukunft hat Friesacher durch einen weiteren Schachzug vorgesorgt. Sollten einmal Elektrotankstellen das fossile Versorgungssystem ersetzen, zumindest aber ergänzen, könnte sich die eben geschlossene Kooperationsvereinbarung mit den ÖBB als goldrichtig erweisen. Die Bundesbahnen haben nämlich als einzige Gesellschaft außer den Stromversorgern österreichweit Erfahrung mit Hoch-Volt-Anschlüssen, wie sie für die Schnellbetankung von Elektroautos notwendig sein werden. Friesachers unbarmherzige Prognose: „Die breite Masse an Tankstellen, speziell am Land, wird sterben.“

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente