Wer nicht röstet, der rostet: Traditionshaus
Meinl muss Expansionspläne aufgeben

Das Traditionshaus Meinl muss die Produktion von Marmelade und Kaffee ins Ausland verlagern, die ambitionierte Expansion mit Kaffeehäusern rund um den Globus gilt als gescheitert. Der operative Gewinn wird von den Zinsen für die Schulden aufgefressen. Künftig wird wieder bescheidener aufgetreten.

Von Bernhard Ecker

Vor Kurzem hat Julius Meinl V. seine Liebe zu Lebensmitteln neu entdeckt. Mit der ihm zuzurechnenden Londoner Investmentfirma Oxyra Capital setzte er sich im Juli gegen Branchengrößen wie Nestlé und Rittersport im Rennen um den rumänischen Schokoladenhersteller Kandia-Excelent durch. Kolportierter Kaufpreis: 20 Millionen Euro. Für Meinl ein Deal, wie er ihn liebt: Denn die Familie Meinl war schon einmal Kandia- Besitzer gewesen – 2003 hatte die Julius Meinl Industrieholding (JMI), in der das Lebensmittelgeschäft des Traditionshauses Meinl gebündelt ist, die Firma um 5,3 Millionen erworben. Vier Jahre später wurde das Unternehmen mit einem Emissionserlös von satten 100 Millionen Euro an die Bukarester Börse gebracht. Nun könnte es zum zweiten Mal ein hoch profitables Geschäft für den „österreichischen Kaffeebaron“ werden, wie ihn rumänische Medien ehrfürchtig titulieren.

Doch es waren nie Kaffee, Marmelade oder Tee, die den 51-jährigen Meinl fesselten, sondern nur lukrative Finanzdeals. Und daran hat sich auch nichts geändert. Im Gegenteil: Die aktuelle Entwicklung in der JMI wird nicht dazu beitragen, dass seine Liebe zum ursprünglichen Geschäft der Familie neu entfacht wird. Die Industrieholding dümpelt dahin, die vollmundig angekündigte Expansion der JMI mit einem Umsatzziel von 200 Millionen Euro im Jahr 2012 hat sich als Schuss in den Ofen herausgestellt.

2010 werden gerade einmal 110 Millionen Euro umgesetzt, die Expansion über Meinl-Kaffeehäuser in den Metropolen der Welt ist gestoppt, und aus Kostengründen werden nun auch die letzten österreichischen Produktionseinheiten ins Ausland verlagert: Die Herstellung von Meinl-Marmelade, die für rund vier Millionen Euro Umsatz steht, wandert mit Anfang 2011 von Spitz in Attnang- Puchheim zum Südtiroler Hersteller Menz & Gasser. Meinl-Tee wird ohnehin schon seit Längerem von der tschechischen Firma Biogena nahe Budweis hergestellt. Ebenso bestätigt JMI-Chef Marcel Löffler trend-Informationen, wonach die Kaffeerösterei in Wien- Ottakring ins italienische Vicenza verlagert werden könnte, um die dortige Fabrik besser auszulasten: „Das ist eine Überlegung.“

Außen pfui, innen hui. Entschieden dementiert werden Gerüchte über akute Liquiditätsengpässe des Konzerns und eine notwendige Kapitalspritze der Familie in Höhe von 40 bis 50 Millionen Euro. „Wir haben eine Eigenkapitalquote von 40 Prozent“, hält Löffler dagegen, „und soeben wurden einige auslaufende Kreditlinien von den Banken verlängert. Wir sind ausreichend finanziert.“ Und größere Akquisitionen, die von der JMI nicht aus eigener Kraft gestemmt werden könnten, seien sowieso „mittelfristig nicht in Sicht“. Allerdings: Die operative Gewinnmarge (Ebit) von rund 14 Millionen Euro wird zur Gänze von den Zinsen für die hohen Verbindlichkeiten aufgefressen. Unterm Strich bleibt nichts übrig – im besten Fall. Ein Zustand, den Julius Meinl gar nicht schätzt. Er kaufte von der JMI bereits 2009 die Marke mit dem Mohren für 18 Millionen Euro, um der Holding Liquidität zuzuführen.

In den nächsten Jahren heißt es leisertreten. Meinls Industriemanager und seine Schwester Jeanette Meinl-Skrbensky, Einkaufschefin der Österreich-Tochter, machen zwar am Heimmarkt dank hervorragender Stellung in der Gastronomie gute Geschäfte. Das Auslandsgeschäft hingegen ist in der Krise eingeknickt. Von den 14 Auslandsgesellschaften kam 2009 keinerlei Ergebnisabfuhr, wie im Jahresabschluss penibel aufgelistet ist. Neben Wechselkursproblemen in Rumänien und Russland ist vor allem die zu ehrgeizige Expansion die Hauptursache dafür.

Mahlen nach Zahlen. Als besonderer Problemfall stellt sich der Erwerb der Kaffeerösterei im norditalienischen Vicenza Ende 2004 heraus. Er wurde von Löffler und dem damaligen Cheffinanzer Stephan Visy betrieben. Letzterer wurde später durch seine umstrittene Rolle im Board der Managementgesellschaft der Immobilienfirma Meinl European Land (MEL) bekannt. Ein „herrliches Konsolidierungsspiel“ nannte Julius Meinl V. höchstpersönlich den Kauf in einem seiner raren Interviews: „Wir zahlen dreimal den Cash Flow, und in eineinhalb Jahren haben wir den Kaufpreis wieder zurückverdient.“ Doch laut Insidern produziert Vicenza mit 50 Mitarbeitern wegen schlechter Auslastung hohe Verluste – weshalb Wien-Ottakring, wo nur noch zehn Mitarbeiter „ein paar tausend Tonnen“ (Löffler) Gastronomiekaffee rösten, zur Disposition steht. Das soll Italien besser auslasten und eine Kostenersparnis von rund einer Million Euro bringen. Von den angekündigten 55 Millionen Euro, die allein die Italien-Tochter schon im Jahr 2007 beisteuern sollte, ist man meilenweit entfernt: Knapp über 20 Millionen Euro werden im Heimatland des „caffè latte“ umgesetzt. Empfindliche Rückschläge gibt es bei den Kaffeehäusern. Diese Außenstellen der Wiener Kaffeehauskultur sollten dutzendfach von den USA bis China entstehen und die Botschaft von Meinl als Premium-Kaffee in die Welt tragen. Heute gibt es neben zwei Häusern in Chicago, einem in Hamburg und einem Café in Moskau keine Ansätze, dass der Kurs weiter verfolgt wird.

Leere Ankündigungen. Allein das Meinl-Kaffeehaus in der Hamburger Europa-Passage soll operativ ein Minus von 400.000 Euro ausweisen – was Löffler zwar dementiert: „Wir sind dort positiv. Wir haben mit ECE einen neuen Betreiber und können heuer um 20 Prozent zulegen.“ Von weiteren Standorteröffnungen ist jedoch keine Rede mehr. Löffler hält die vor fünf Jahren medial breit abgefeierte Idee einer Meinl-Kaffeehauskette auch für ein fundamentales Missverständnis: „Wir wollen ja nicht Gastronomie betreiben. Dazu wäre eine komplett neue Geschäftseinheit notwendig.“ Auch die Ankündigung des JMI-Chefs im trend vor zwei Jahren, dass es mittelfristig auch ein Meinl-Kaffeeautomatensystem mit Kapseln und speziellen Wiener Sorten geben werde, hat sich als leeres Versprechen herausgestellt. Einzig im Office-Bereich gebe es die Kapseln schon, sagt Löffler. De facto, sagen Kenner, ist das Vorhaben ad acta gelegt.

Also ein Zurückrudern auf allen Ebenen? Man müsse zwischen dem organischen Wachstum und jenem über Zukäufe unterscheiden, meint der Geschäftsführer. Über Akquisitionen könne und wolle man derzeit nicht zulegen, also bleibe der Fokus auf das Gewinnen neuer Kunden im Gastronomiebereich gerichtet – in Österreich und international. Löffler: „Wir peilen in den nächsten Jahren fünf bis zehn Prozent Wachstum an.“ Weil der Heimmarkt gesättigt ist, ruhen die Hoffnungen, den jüngsten Erfahrungen zum Trotz, auf Osteuropa und Russland. Schon 2010 wird das Plus in den Ostmärkten, das für ein schwaches Drittel der JMI aufkommt, mit 15 Prozent deutlich über dem des Gesamtkonzerns liegen. JMI-Russland wuchs um 20 Prozent, nachdem der Markt dort in der Krise um 30 Prozent geschrumpft war.

Die eigentliche Herausforderung, der sich alle Kaffeefirmen derzeit stellen müssen, ist laut Löffler freilich die irre Entwicklung der Rohstoffe. Allein in diesem Jahr sind die Kaffee-Einkaufspreise um über 60 Prozent angestiegen. Das wird sich zwar spätestens 2011 auch positiv auf die Umsätze auswirken. Doch was nicht eins zu eins an die Kunden weitergegeben werden kann, schmälert die Marge – und damit den Spielraum für künftige Investitionen – noch weiter. Auch die sowieso angespannte Liquiditätslage wird zusätzlich belastet. Wenn alles gut geht, würde dann in einigen Jahren auch die rumänische Kandia-Excelent, der jüngste Erwerb von Julius Meinl, wieder zur JMI passen? Löffler schaut auf die Frage einen Moment lang irritiert und beteuert dann glaubhaft, selbst von dem Deal des Clanchefs überrascht worden zu sein: „Davon weiß ich überhaupt nichts.“

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