Wer Österreichs Wirtschaft lenkt: Wer das Sagen hat und die fünf Cluster der Macht

Georg Pölzl hat viele Qualitäten, die ihn für den Job des neuen Post-Chefs qualifizieren. Aber die wichtigste ist wohl: Pölzl besitzt ein hoch entwickeltes Gespür für den gezielten Einsatz von Macht. Im Juni 2005 führte Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll die Handymastensteuer ein.

Von Martina Forsthuber, Thomas Martinek und Peter Sempelmann

Pölzl, damals Chef von T-Mobile, wollte das nicht schlucken. Von geschickten Beratern eingefädelt, fand im zwölften Stock eines Hochhauses am Donaukanal in Wien ein diskretes Treffen statt. Und wenig später erschien in Österreichs größter und einflussreichster Tageszeitung, der „Kronen Zeitung“, ein Artikel mit der Überschrift: „Österreicher gegen Handymas­tensteuer“. Es sollte nicht die einzige Story mit diesem ­Tenor bleiben. Der Machtkampf war entschieden: Die ­Mobilfunker gelobten, ihre Masten in Zukunft gemeinsam zu nutzen, und Pröll trat den geordneten Rückzug an. Am 15. Dezember 2005 wurde im niederösterreichischen Landtag die Handymastensteuer wieder abgeschafft.

Obwohl der Post-Aufsichtsrat gerne ein Loblied auf seine Unabhängigkeit singt: Pölzl würde nicht im Oktober als General eines der wichtigsten heimischen Konzerne antreten, hätten Verbündete nicht für ihn in der ÖVP Stimmung gemacht und hätte er nicht die guten Kontakte zu SPÖ-Kanzler Werner Faymann genützt – kurz gesagt: wüsste er im diffizilen Spiel der Kräfte nicht trefflich mitzumischen. Dieses Spiel um Macht und Geld, um Einfluss und Bedeutung ist eines der spannendsten, das Männer – und immer mehr Frauen – antreibt. Auch wenn niemand das Thema Macht, schon gar nicht die eigene, gerne beim Namen nennt. Christine Bauer-Jelinek, Psychotherapeutin und Leiterin des Instituts für Macht-Kompetenz, meint dazu: „Man muss sich von der Illusion verabschieden, man könnte auch ohne Macht auskommen. Wir alle üben ständig Macht in ihren verschiedenen Facetten aus – bewusst oder unbewusst –, und gerade im Berufsleben ist Macht notwendig, um Interessen gegen einen Widerstand durchzusetzen oder sich ­gegen fremde Ansprüche zur Wehr zu setzen.“
Siehe den Machtkampf zwischen Pölzl und Pröll. Dass „Krone“-Chef Hans Dichand heute im Bundespräsidenten-Match Erwin Pröll unterstützt und seine Zeitung kürzlich gegen Mobiltelefone wetterte, ist keine Inkonsistenz: Macht wird ausgeübt, wie es in ­einer Situation nützlich ist.

Wer wie viel Einfluss in Österreichs Wirtschaft hat , lässt sich nicht objektiv festlegen. Jede Analyse hängt davon ab, auf welchen Aspekt von Machtausübung der Schwerpunkt gelegt wird. Aktuell hat Harald Katzmair, Gründer des auf Netzwerkanalysen spezialisierten FAS-Instituts, eine aufwändige Landkarte der Machtzentralen unseres Landes erstellt (sie liegt auch als Poster dieser trend-Ausgabe bei). Katzmair hat wissenschaftlich fundierte Antworten auf Fragen gesucht wie: Wer hat in Österreich den größten Einfluss auf die Entscheidungen der Bundesregierung? Wer sind die Top-Manager, die bedeutenden Unternehmer, die Spitzen von Interessenverbänden, deren Macht so weit reicht, dass sie die Rahmenbedingungen für die gesamte Wirtschaft mitbestimmen können? Markus Schindler, Geschäftsführer der PR-Agentur Pleon-Publico, die das Projekt gemeinsam mit FAS umgesetzt hat, erklärt: „Damit wird erstmals wissenschaftlich verdeutlicht, bei wem man ansetzen muss, um in Österreich konkrete Entscheidungen, konkrete Interessen durchsetzen zu können.“

Die Möglichkeit, Gesetze beeinflussen zu können, ist einer der wesentlichsten Faktoren von Macht. Deshalb wurden die Ergebnisse der umfangreichen Studie als wichtigste Basis für die trend-Liste der hundert mächtigsten Menschen in Österreichs Wirtschaft herangezogen. Das Ranking von Katzmair wurde allerdings adaptiert, weil trend das Kriterium der ökonomischen Macht stärker gewichtet hat. Ganz nach der erstaunlich logischen Definition des Wissenschafters: „Macht ist Impact mal Netzwerk. Oder einfach ausgedrückt: Geld mal Beziehungen.“ Der Umsatz einer Firma, die Zahl der gebotenen Arbeitsplätze, der wirtschaftliche Erfolg eines Unternehmers und seine Bereitschaft, Geld in verschiedenen Bereichen einzusetzen, haben die – auf Beeinflussung der Bundesregierung fußende – Rangliste an einigen Stellen verändert.

So kam etwa Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz (auf Platz 56) ins Ranking, der Funktionen im politischen Umfeld oder in den klassischen Netzwerken strikt ablehnt. Auch Hans Dichand fehlt in Netzwerk-Analysen, weil der betagte „Krone“-Herausgeber in keinem Machtzirkel Mitglied ist – allerdings mit seiner Zeitung nicht nur die Arbeit der Regierung, sondern auch ihre Zusammensetzung beeinflusst.

Wie unberechenbar der zweitmächtigste Österreicher ist, zeigt die jüngste Entwicklung. Nachdem die „Kronen Zeitung“ Werner Faymann quasi zum Bundeskanzler geschrieben hat, vollführte Dichand nun eine brisante Wende. Er unterstützt das Duo Pröll: Erwin Pröll solle Bundespräsident werden, sein Neffe Josef Bundeskanzler, erklärte Dichand in einem Interview im eigenen Blatt. Das Land bebte. Nicht ganz zu Unrecht: Dem EU-Rebellen Hans-Peter Martin verhalf die „Krone“ gerade zu einem Wahlsieg. Legendär ist auch die langjährige Unterstützung Dichands für Jörg Haider: Erst als der Medien­zar erfuhr, dass der Kärntner Landeshauptmann bei der Fête Blanche in Velden am Wörthersee prahlte, „Ich habe Dichand in der Tasche“, entzog er ihm seine Gunst.

Der mächtigste Mann in der österreichischen Wirtschaft ist Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad. In die Analyse von FAS floss ein, wie sehr eine Person zu anderen Personen, Unternehmen und Institutionen vernetzt ist. Und in dieser Disziplin kann keiner im „Netzwerk Österreich“ dem Frontmann des Raiffeisen-Sektors das Wasser reichen. Katzmair: „Es ist ja auch wichtig, dass jemand zu Machtzentren, die nicht nur mit denen der Branche, in der er tätig ist, zusammenhängen, einen guten Zugang hat. Wer beispielsweise auch stark mit kulturellen und gesellschaftlichen Institutionen verbunden ist, der gewinnt noch weiter an Macht.“

Neben Konrad sind auf den vorderen Rängen auffallend viele weitere Raiffeisen-Manager zu finden, so etwa Oberösterreichs Ludwig Scharinger oder der Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien, Erwin Hameseder. „Das spiegelt die Realität wieder. Raiffeisen ist in Österreich eben ein sehr gewichtiger Machtfaktor“, erläutert Katzmair. Christian Konrad sagt zum Thema Macht gerne: „Ich bin kein einflussreicher Banker. Ich bin Genossenschaftsfunktionär. Und als solcher Obmann der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich. Und nachdem Niederösterreich Hauptaktionär der Raiffeisen Zentralbank ist, führe ich dort den Aufsichtsrat. Wenn ich als solcher etwas beantrage, dann geht das durch. Zweifelsohne.“ Die subtile, lustvolle Koketterie, mit welcher der Generalanwalt seine Bedeutung in diesem Land herunterspielt, charakterisiert ihn am aller­besten. Konrad ist die Verkörperung der Macht.
Die Netzwerkanalyse des FAS lässt auch fünf besonders starke Machtcluster in Österreich zutage treten. Drei regionale Zentren kristallisieren sich als besonders einflussreich heraus. Das Epizentrum liegt dabei in Niederösterreich mit Überlappungen nach Wien und dazu natürlich der Raum Oberösterreich. Dazu wurden zwei weitere Bereiche geortet, in denen sich die Power ballt: der Energie-Sektor sowie der Bereich der staatlichen bzw. teilstaatlichen Unternehmen. Überraschend: die hohe Konzentration einflussreicher Menschen in den Gremien der Fußballvereine (siehe „Der große Kick“).

Wie gewichtig das Wort des obersten Raiffeisen-Bosses ist, zeigt auch das hartnäckige Gerücht, er habe die frühere Staatsanwältin Claudia Bandion-Ortner bei einem Essen gefragt, ob sie nicht das Amt der Justizministerin reizen würde. „Konrad kann mir keinen Ministerposten anbieten“, versucht die nunmehrige Justizministerin die Machtverhältnisse in Österreich zwar zurechtzurücken. Trotzdem: Konrad ließ öffentlich nie einen Zweifel daran, dass er eine Änderung des neuen Antikorruptionsgesetzes wünsche, das Unternehmen auch in ihrer Einladungspolitik bei Events behindert. Und: Eine Entschärfung des Gesetzes durch Bandion-Ortner, die den Interessen wichtiger Unternehmen sehr entgegenkommt, wurde erreicht. Sponsoren von Kulturevents wie etwa Uniqa, Telekom Austria oder Casinos Austria können bald wieder leichter mit wichtigen Kunden auf Veranstaltungen, die sie unterstützen, Geschäftsbeziehungen pflegen.

Denn bei solchen exklusiven Events kommen die Spitzen aus Wirtschaft, Politik und Kultur zusammen – und es werden Gespräche geführt, die etwas bewirken. Dies zu erschweren, bezeichnet auch der mächtige Boss von Raiffeisen Oberösterreich, Ludwig Scharinger, sonst nicht immer mit Konrad einer Meinung, als „Anschlag auf die Gemütlichkeit“.

Das zeigt zum einen, dass auch Scharinger ein Meister der Untertreibung ist. Es zeigt aber genauso, wie bedeutend Events wie die Salzburger Festspiele, der Opernball oder das Hahnenkammrennen in Kitzbühel wirklich sind: als Treffpunkte der Mächtigen, die dort ihre Kontakte festigen. Ähnliches gilt für Mitgliedschaften in Vereinen wie beispielsweise den Rotariern (siehe Kasten „Räder der Macht“) oder die Zugehörigkeit zur Jägerschaft. Publico-Boss Schindler, selbst Jäger und Rotarier, sieht das ganz nüchtern: „Das senkt einfach die Transaktionskos­ten für die Ausübung von Macht. Ich erhalte dadurch nämlich einen viel leichteren Zugang zu Personen, die für das, was ich umsetzen will, wichtig sind.“

Ebenfalls typisch: Der mächtigste Mann des Landes ist auch der größte Zur-Kasse-Bitter Österreichs. Legendär sind die von Christian Konrad ini­tiierten Wallfahrten zur Erhaltung der Basilika von Mariazell. Jeden ersten Sonntag im Oktober setzten sich wichtige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens um sechs Uhr Früh ins Auto, um pünktlich in Mariazell auf einem Vorplatz der Basilika einer höchst illustren Prozession von rund 300 österreichischen Führungskräften beizuwohnen. Freilich nicht ohne davor 200 Euro für die Erhaltung der Basilika auf ein Konto der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien einbezahlt zu haben. (2007 wurde die Basilika fertig restauriert, nun wird für die Erhaltung des Stephansdoms gespendet und gewandert.) Welchen Stellenwert diese Veranstaltung tatsächlich hat, zeigt, dass sich Wolfgang Schüssel 2005 – am Höhepunkt des Wahlkampfs zur Nationalratswahl – sogar eigens zur Mittagsrast der Pilgerschar in einem idyllischen Gasthof im Mariazeller-Land bringen ließ.

Wolfgang Schüssel steht heute im Abseits. Doch der Wirtschaftsbund, aus dem er stammt, hat noch großen Einfluss auf das ökonomische Geschehen der Republik. Nach der letzten Nationalratswahl war dem Steirer Herbert Paierl der Posten des Wirtschaftsministers zugesagt. Nach einer nächtlichen Sitzung im VP-Klub, in der der Wirtschaftsbund-Präsident Christoph Leitl seine Stimme dagegen erhob, war Paierl den Posten wieder los. Und Wirtschaftskammer-Generalsekretär Reinhold Mitterlehner wurde Minister.

Während es im schwarzen Lager also durchaus eine große Zahl an Managern, Unternehmern und Interessenvertretern gibt, die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft vorgeben, ist das in der roten Reichshälfte kaum mehr der Fall. Die Bank Austria, einstige Hochburg der Wirtschaft im sozialdemokratischen Umfeld, gehört der italienischen UniCredit. In der ÖIAG sitzt kein Roter mehr. Selbst die Post bekommt mit Georg Pölzl einen bürgerlichen Boss. Bleiben Siemens-Chefin Brigitte Ederer, Porr-General Wolfgang Hesoun oder Bahn-Aufsichtsrat Horst Pöchhacker, die noch politische Entscheidungen beeinflussen können – und auf die der Kanzler gerne hört. Hannes Androsch galt zwar lange Zeit als Schattenfinanzminister und Ratgeber von Werner Faymann. Doch auch diese Verbindung hat sich abgekühlt. Und der rosarote ORF-Boss Alexander Wrabetz muss trotz roter Regierung um seinen Posten fürchten. Dietmar Ecker, langjähriger Mitarbeiter von Finanzminister Ferdinand Lacina und jetzt Lobbyist (Agentur Ecker und Partner), sagt unsentimental: „Die SPÖ hat ihre wichtigsten Wirtschaftsunternehmen und Manager verloren.“
Betrachtet man die Liste der 100 mächtigsten Österreicher in der Wirtschaft, findet sich darauf mancher Name, der auf den ersten Blick nicht gleich mit Macht in Verbindung gebracht wird. Auf den zweiten aber schon.

Jodok Simma zum Beispiel ist als Generaldirektor der Vorarlberger Landeshypothekenanstalt lediglich regional ein bedeutender Mann. Dass er aber Verbindungen in die MTH Holding und die Unternehmen des ehemaligen VP-Chefs Josef Taus hat, sichert ihm auch in Wien ein gewisses Maß an Einfluss. Oswald Mayr ist mit seinem Pharmaunternehmen Montavit in Absams eine wichtige Wirtschaftsgröße in Tirol. Der vielfach ausgezeichnete Chemiker hat aber außerdem ausgezeichnete Kontakte zu Gesundheitsminister Alois Stöger und ist eine fixe Größe im ökonomisch immer bedeutenderen Gesundheitssystem. Jürgen Bodenseer wiederum ist in Tirol eine berühmte Persönlichkeit: Der Unternehmer (Freizeitmodemarke Champion) ist Präsident der Wirtschaftskammer, Aufsichtsrat der Hypo-Tirol oder der Congress und Messe GmbH – und hat einen guten Draht zu Wirtschaftskammer-Chef Leitl. Ohne ­Bodenseer läuft in Tirol wenig.

Zumeist ist die Verquickung von wirtschaftlicher Kraft und politischem Einfluss die wichtigste Voraussetzung für die Erlangung echter Macht. Aber es gibt auch Ausnahmen. Andreas Treichl, Chef der Erste Bank, hat es unter die Top Five geschafft, ohne in den üblichen Netzwerken des Landes allzu sehr verstrickt zu sein (sein Amt als ÖVP-Kassenwart liegt länger zurück). Trotzdem war Treichl stark genug, um die politische Begehrlichkeit, die Erste Bank mit Raiffeisen International zu fusionieren, zu verhindern. Treichls Macht heißt internationale Anerkennung: Vor zwei Jahren wurde ihm der Chefposten der Dresdener Bank angeboten, vor Kurzem jener der Schweizer UBS. Und sie heißt Unabhängigkeit: Er lehnte beides ab. „Macht“, sagt Treichl, „ist per se nichts Negatives. Sie ist aber eine sehr große Verantwortung. Wenn Macht ohne Sinn eingesetzt wird, ist sie gefährlich.“

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