Wenn Männer Kinder kriegen …

… werden Frauen gleich viel verdienen. Davon abgesehen scheint es um die Chancengleichheit in Österreich besser zu stehen, als Mann glauben will.

Das Lesen von Statistiken ist eine Kunst. Deren Interpretation ebenso. Soll heißen: Eine Gruppe von Menschen versteht die Zahlenwerke nicht, was wiederum einer anderen Gruppe ermöglicht, die Nummern manipulativ zu interpretieren. Die erste Gruppe sind meist wir. Die andere Gruppe sind die Experten und Politiker – wobei die Politiker die Zahlen zwar meist auch nicht verstehen, sie aber (im Vertrauen darauf, dass sie niemand versteht) erst recht kreativ einsetzen.

So geschehen mit einer jüngst publizierten Studie des Weltwirtschaftsforums über die Chancengleichheit zwischen Mann und Frau: Da landete – oh Schreck – unser geliebtes Heimatland am blamablen 21. Platz im Vergleich der 25 EU-Staaten, gefolgt nur von Malta, Italien und Griechenland.

Die „Presse“ wählt flugs – den Sozialforscher Bernd Marin zitierend – den Seite-eins-Titel: „Frauen aus Beruf raussubventioniert“. Und malt daran anschließend Erklärungsmuster: Demnach habe etwa das Institut für Höhere Studien „bei älteren Frauen ein Bildungsproblem geortet, das niedrige Einkommen erkläre“. (Das solcherart missbrauchte IHS hat damit freilich nur die Einkommen älterer Frauen begründet, wie auch Marin von den „raussubventionierten“ 50- bis 65-Jährigen spricht.) Laut „Presse“ haben die Studienautoren Österreich besonders für die „unterschiedliche Entlohnung von Frauen und Männern kritisiert“. Was wiederum Sandra Frauenberger für die Gewerkschaft der Privatangestellten schlüssig erklären darf: „Frauen verhandeln schlechter.“ Die „SP-Frauen“ haben ob der „blamablen Studie“ gleich ein „Fünf-Punkte-Sofortprogramm“ samt „100-Millionen-Euro“-Forderung an Karl-Heinz Grasser für die „Förderung beim Wiedereinstieg“ vorgelegt.
Schön für die „Presse“, schön für die Experten, schön für die Politiker.

Leider ist in der Studie des Weltwirtschaftsforums wenig von dem zu finden, was die österreichische Elite da so wortreich zu erklären, zu kritisieren oder zu rechtfertigen sucht. Vielmehr findet sich bei der Recherche (und auch in der „Presse“) eine Statistik über die Lohnunterschiede: Demnach verdienen österreichische Frauen im Schnitt um 17 Prozent weniger als die Männer. Das ist bedauerlich. Aber ein ausgezeichneter Wert: Schweden, der Gesamtsieger des EU-Rankings, schafft 16 Prozent. Schon die zweitplatzierten Dänen liegen mit 18 Prozent hinter Österreich. Für Finnland auf der Drei gibt es keine Zahlen. Aber bei den Briten (vier) macht die Gehaltskluft satte 22 Prozent aus. Bei den Deutschen (fünf) sind es 23 Prozent.
Peinlich (aber nicht für Österreich): Malta, angeblich noch ein bisserl frauenfeindlicher als Österreich, erreicht mit vier Prozent den besten Wert, auch Griechenland mit elf Prozent liegt hervorragend. (Für Italien gibt es keine Zahl. Dass Polen elf Prozent ausweist und Portugal neun, lässt vermuten, dass die geringe Kluft ein – gar nicht gutes – Kennzeichen landwirtschaftlich dominierter Gesellschaften sein kann.)

Blöde Sache also, dass sich so weder beweisen lässt, dass „Frauen schlechter verhandeln“, noch dass sich „das Prinzip gleicher Lohn für gleiche Arbeit sehr wenig durchgesetzt“ habe, was sowohl die „Salzburger Nachrichten“ wie die Studie selbst behaupten.

Dann reden wir eben über die schlimmen Probleme beim Zugang der Österreicherin zum Arbeitsmarkt, die unter anderem den Sozialforscher Marin („kaum Hilfe beim Wiedereinstieg“) und die AK-Expertin Ingrid Moritz („Schlusslicht bei der Kinderbetreuung“) echauffieren.

Oder reden wir besser nicht darüber, denn die EU-Statistik spricht wiederum eine ganz andere Sprache: Bei der Beschäftigungsquote der Frauen liegt Österreich mit 61,7 Prozent an sechster Stelle der Union, nur geschlagen von drei skandinavischen Ländern, von Dänemark und von Großbritannien.

Frage: Wie kommt das Weltwirtschaftsforum dann dazu, die Österreicher zu Frauenmisshandlern zu machen, während die volkswirtschaftlichen Zahlen anderes belegen? Anwort: Diese Einordnung hat mit subjektiven Eindrücken zu tun.
Gewertet wurden in der Studie nämlich auch weiche Kriterien wie „Gesundheit und Wohlergehen“, „Bildungsgrad“ und „politische Beteiligung“. Und Basis für die Studie war eine Befragung von „9000 Wirtschaftspersönlichkeiten aus 104 Ländern“.
Somit erzählt uns diese Untersuchung vermutlich sehr viel über das Frauenbild der männlichen österreichischen „Wirtschaftspersönlichkeiten“ und wahrscheinlich auch einiges über das Selbstbild der Frauen. Diese Weltbilder scheinen – formulieren wir vorsichtig – einigermaßen konservativ zu sein.

Die Statistiken über die Chancengleichheit zeigen aber das Gegenteil von dem, was in Österreich Weltbild ist: Ja, es gibt eine Chancenungleichheit. Aber die dürfte sich doch stark aus dem biologischen Bedürfnis nach Fortpflanzung ergeben – im weltoffenen Skandinavien in ähnlichem Maße wie hinter den Alpenbergen bei den Alpenzwergen.

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