Wenn die Krise Gas gibt
<i>Von Thomas Martinek</i>

Sätze wie „Jede Krise bietet die Chance für eine Verbesserung“ wirken naiv, leichtgläubig, im schlimmsten Fall gutmenschenartig. Sie kratzen in Zeiten wie diesen auch hart an der Grenze zum ­Zynismus: Was bitte soll gut daran sein, wenn Milliarden an den Börsen vernichtet werden und tausende Arbeitsplätze den Bach hinuntergehen?

Krisen dieser Dimension haben nur dann etwas Gutes, wenn sie durch einen massiven Schock eine Veränderung bewirken, die es sonst nicht geben würde. In der Automobilindustrie ist das so. In wohl keiner anderen Branche ist es für Unternehmen schwieriger, schnell in Bewegung zu kommen, als in jener, die das zum Ziel hat. Deshalb bietet ­diese Krise für die Autobauer wirklich eine Chance, rascher auf den Weg Richtung Umweltbewusstsein einzulenken. Menschen, die nur das Fahrrad als legitimes Fortbewegungsmittel im städtischen Bereich anerkennen, meinen, die Branche sei in hoffnungslosem Anachronismus erstarrt. Sie irren – auch wenn sie in der Stadt schneller ans Ziel kommen.

Automobilbranche als Schlüsselbranche
Die Automobilbranche ist das Herz unserer Wirtschaft – und wird das auch lange bleiben. Wenn Barack Obama oder Angela Merkel (die beide nicht im Verdacht stehen, Autofreaks zu sein) angesichts einer drohenden Pleite von General Motors weitere Milliarden der Steuerzahler zur Verfügung stellen wollen, zeigt das deutlich, dass sich kein Land der Welt den Wegfall dieser Schlüsselindustrie leisten kann.

Ja aber, so treten die Fahrradfahrer nach unten, die Autoindustrie ist an ihrer Krise selber schuld. Noch immer werden zu große, zu teure, zu viel Benzin verbrauchende Modelle produziert. Stimmt, aber nicht ganz. Denn es werden natürlich seit Längerem die kleinen, umweltfreundlichen Flitzer à la VW Fox oder Lupo, Audi A1, A3, Smart, Mercedes A-Klasse, Opel Agila oder Corsa, Mini, Fiat 500, Renault Clio und noch viele mehr produziert. Sie kommen beim autofahren- den Publikum auch gut an. Das zeigt, die Automobilkonzerne haben sehr wohl auf geänderte Nachfrage reagiert. Nur: An diesen kleinen Modellen verdienen die Autobauer halt deutlich weniger als an größeren Modellen.

Hersteller müssen Wandel behutsam einleiten
Und warum bitte schön, klingeling, können dann 1700-Euro-Autos wie ein Tata Nano produziert werden? No na: weil ein indischer Kfz-Arbeiter halt so viel im Jahr verdient, wie sein österreichischer oder deutscher Kollege beim Wochenendeinkauf im Supermarkt ausgeben. Die Automobilindustrie hat eine derart große Bedeutung für die meisten Volkswirtschaften, dass jedes rasche, hektische, unkontrollierte Schalten gleich zu einem Knirschen und Krachen in deren Getriebe führen würde. Wenn Hersteller sich zu schnell auf eine billigere Modellpalette einbremsen, könnten sie damit das Einkommen zigtausender Arbeitnehmer in Europa an die Wand fahren.
Aber jetzt geht es ja um den uramerikanischen Bösewicht, den Hummer-, Chevrolet-, Buick- und Cadillac-Bauer, den Produzenten der blechgewordenen Umweltvernichtung. Dass General Motors, im Gegensatz zu den anderen Automobilproduzenten, seine Modellpalette nicht zeitgemäß in Richtung Umweltverträglichkeit entwickelt und vermarktet hat, stimmt. Trotzdem ein zugegebenermaßen zynisches Gegenargument: Wenn Millionen Inder in Zukunft mit billigen Tata Nanos durch Bombay oder Neu-Delhi fahren, wird dort die Abgasproblematik schneller explodieren als in den Städten der USA.

Automobilindustrie kann auf richtigen Weg einbiegen
Wie auch immer. Der Vorwurf, die Automobilindustrie habe es nicht geschafft, sich auf neue Anforderungen für Umwelt und Verkehr einzustellen, beinhaltet einen Kern an Wahrheit. Dennoch bleibt die immense Bedeutung der Automobilindustrie für die Weltwirtschaft. Und diese Krise birgt eine Chance, die Autobauer aus ihrer verfahrenen Situation her­auszuholen, sie auf den richtigen Weg zu schicken. Koste es uns auch Milliarden an Steuermitteln. Lenken wir ihre Route in Richtung Umweltverträglichkeit halt mittels GPS, des Gro­ßen Produktüberwachungs Steuersystems. Das klingt naiv, leichtgläubig, gutmenschenartig – mag sein, ist aber immer noch besser als ein Frontalcrash unserer Volkswirtschaften.

Von Thomas Martinek

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