Weinlese: Wo Sie bedeutenden Winzern bei der Lese unter die Arme greifen dürfen

Es ist der Traum jedes passionierten Weintrinkers: einmal neben einem bedeutenden Winzer zwischen den Rebstöcken stehen und bei der Lese helfen. Der trend hat sich umgehört, wo man viel arbeiten, gut essen und ruhig schlafen kann.

Die Sonne scheint, die Strohhüte liegen bereit, und die Kübel werden auf der Ladefläche des Pick-ups gestapelt. Gemeinsam mit Erntehelfern aus Ungarn, Rumänien oder der Slowakei fährt man über einen holprigen Feldweg zu den Zielen der morgendlichen Reise, zu den Lagen Hundertpfunder und Tatschler, zu den Lagen Lama und Schneiderteil.

Dort wartet der Önologe, der mit dem Refraktometer ein letztes Mal den Zuckergehalt der Trauben misst und danach die Gruppen zur Erntearbeit einteilt. Es wird ein Tag der Mühsal und der Kreuzschmerzen. Insekten stechen, bei brütender Hitze rinnt der Schweiß. Abkühlung gibt es erst, wenn man, von einem Gewitter völlig durchnässt, im Auto Schutz sucht. Und manchmal muss es auch schnell gehen. Vor allem an einem heißen Tag. Da steht die Brigade schon um vier Uhr Früh vor den hellen Rücklichtern des staubigen Volkswagen-Transporters. Aufsitzen. Und ab in den Weingarten.

So mühselig das klingt, so viel Unbilden und Pein sie auf sich nehmen, so sehr bemühen sich Jahr für Jahr mehr und mehr passionierte Weintrinker um einen Platz in einer Erntebrigade. Ihr Wunsch: einmal mit dem Spitzenwinzer ihres Vertrauens durch die Gärten ziehen und die Trauben vom Stock schneiden. Es ist nicht nur eine weinselige Romantik, ein Traum von ehrlicher Landarbeit in einer wertvollen Kulturlandschaft, der diesen Wunsch nach Betätigung nach sich zieht; nein, inzwischen gesellt sich auch eine Produktionsethik dazu: Die eigenen Hände sollen nicht nur über die Tastatur des Notebooks flitzen, sie sollen Werkzeug einer produktiven Wertarbeit sein.

Doch es ist nicht so einfach, wie es klingt. Der Winzer und Edelbrenner Karl Holzapfel aus Joching zum Beispiel will keine Fremden in seinen Gärten arbeiten sehen. Das Risiko, sich zu verletzen oder gar einen steilen Hang hinabzustürzen, ist zu groß.

Dabei hat Holzapfel genau das, was vielen anderen Winzern fehlt: ein schönes Gästehaus und ein Restaurant mit guter Küche. Von Holzapfel weg kann man die vielen pittoresken Weinlagen der Wachau gut erkunden. Aber leider selten selber Hand anlegen.

Ganz anders ist das im Burgenland und der Südsteiermark. Hier kann man öfter im Weingarten unentgeltlich Hilfe leisten. Und danach – freilich gegen Bezahlung – gut essen und ruhig schlafen. Gut Oggau vom Winzerpaar Stephanie Eselböck und Eduard Tscheppe bietet beispielsweise gemeinsam mit dem Relais-&-Chateaux-Hotel Taubenkobel ein Erntepaket für Gourmets an. Zudem kann man bei den beiden international erfolgreichen Jungwinzern einiges über biodynamischen Weinbau erfahren. Und wer einfache Genüsse schätzt, wird den hippen Heurigen des Weinguts lieben lernen.

Die Ernte ist eine Sache. Der Keller eine andere. Wenn die Trauben noch mit den Füßen getreten werden, kann die Vollendung der Lese schnell zum Happening umschlagen. Für viele Besucher ist gerade die Arbeit im Keller die lang ersehnte Erfahrung, an dem Entstehungsprozess auch mit aktivem Körpereinsatz beteiligt zu sein. Das Winzerpaar Tscheppe-Eselböck ermöglicht einer kleinen Anzahl Interessierten, bei verschiedenen Prozessen zuzusehen und mitzuwirken.

Gleiches gilt auch für das große Weingut der Stiftung Esterházy in Eisenstadt. In dem architektonisch herausfordernden Bau erfährt man viel über modernes Weinmachen. Zuvor sollte man aber mit einer der zahlreichen Brigaden durch die Gärten gegangen sein und ein paar Kübel geschnitten haben. Für die abendliche Verpflegung sorgt das Restaurant im Schloss. Nur Hotel gibt es keines. Beim Finden einer adäquaten Unterkunft ist man jedoch gerne behilflich.

Toskana, steirisch und original

Einfach und bequem hat man es in der Steiermark. Bei Hannes Sabathi in Kranachberg beispielsweise. Der junge Ausnahmewinzer nimmt seine Erntehilfen mit in die steilen Hänge und erklärt danach das Handwerk im Keller. Sabathi erklärt, wie man eine gute Traube schon während der Ernte erkennt und so zur Selektion des Leseguts beiträgt. Schlafen kann man in benachbarten Ferienwohnungen, Essen und Trinken in der hauseigenen Buschenschank.

An der Weinlese kann man sich auch in benachbarten Ländern beteiligen. In Italien hat die Erntehilfe eine lange Tradition. Und nirgendwo sonst wird das Weinmachen so verklärt wie in der Toskana. Berühmte Weingüter wie Sassicaia und Ornellaia lassen freilich keine Fremden in ihre Gärten. Winzer der soliden Mittelklasse jedoch freuen sich über jede helfende Hand und stellen im eigenen Agriturismo auch Zimmer zur Verfügung. Oft ist da auch ein Kochkurs inkludiert, denn in Italien sieht man Essen und Trinken als Gesamtpaket und vermarktet alles Kulinarische gerne gemeinsam. Wer das Einzelgängerische sucht, ist hier fehl am Platz.

Selten nur verirrt sich ein Österreicher zu einem deutschen Winzer. Das ist schade, denn nirgendwo sonst in Europa hat der Qualitätsweinbau in den letzten Jahren einen derartigen Aufschwung erlebt. Vor allem die lange als qualitätsfern abgestempelten Regionen Rheinhessen und Pfalz beherbergen heute ein paar der aufregendsten Winzer Europas.

Im hervorragenden Weingut der Familie Steitz beispielsweise erzählt man gerne die Geschichte, wie sich die Region binnen kurzer Zeit zu ihren Gunsten verändert hat. Und hier keltert man die neuen mineralischen und knochentrockenen Rieslinge, die langsam auch Österreich erreichen. Man lernt, dass es mitunter besser ist, nur Trauben ohne die Edelfäule Botrytis zu ernten. Jede Region hat eben ihr eigenes Wissen. Und das erfährt man nur, wenn man bei den Winzern zu Gast ist. Rückenschmerzen inbegriffen.

Von Manfred Klimek

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente