Weinbau: Im Fass bei Bionysos

Muss der Veltliner wirklich noch grüner werden? Was klassische Winzer von biologischem Anbau halten.

Im Weingarten von Angela und Werner Michlits herrscht reges Treiben – auch außerhalb der Weinlese. Zur Versorgung des Weingartens mit eigenem, hochwertigem Hofdünger holte die Familie eine 200-köpfige Angusrinderherde „mit ins Team“. Auch sonst ist dort so manches anders: Die Michlits verzichten beispielsweise in ihrem Grauburgunder-Weingarten zur Gänze auf den Rebschnitt.

Und nun lässt das Winzerpaar aus Pamhagen mit einer für Mitteleuropas Weinlandschaft völlig neuen Idee aufhorchen: Ihren
St. Laurent legen sie nach dem letzten Feinhefeabstich auf Lagerung in überdimensionale Eier aus Beton. Schließlich lagerten auch die Römer ihre Weine schon im „flüssigen Gestein“, und das aus gutem Grund. „Das Tolle am Beton ist, dass er genau die optimale Menge Sauerstoff an den Wein lässt. Stahl ist komplett dicht, Holz eher grobporig. Beim Beton dagegen dringt der Sauerstoff durch eine Vielzahl extrem feiner Luftporen ein, was eine gut kontrollierte Mikrooxidation zulässt“, erklärt Michlits. Durch diesen Vorteil kommt es im Gegensatz zu Eichenfässern auch zu keinerlei geschmacklicher Fremdbeeinflussung, was die Weine in der Entwicklung ihrer Ursprünglichkeit stark unterstützt. Biodynamisch eben. Die ersten Wein-Eier mit einem Fassungsvermögen von je 600 Litern liegen seit Kurzem, befüllt mit St. Laurent, im Keller, zu Ostern 2008 soll er aus seinem Ei „schlüpfen“.

Mangelnde Abenteuerlust kann man den Michlits nicht vorwerfen: Sie haben – neben Pionieren wie der Familie Saahs vom Nikolaihof oder den Winzern Fred Loimer und Niki Moser – dem biodynamischen Weinbau in Österreich zur wahrnehmbaren Größe verholfen. Und ecken damit an. Unter Vertretern der klassischen Anbaumethode wird die Bioetikette mit säuerlichem Gefühl betrachtet.

„Extremisten. Für mich sind viele von ihnen Extremisten.“ Gerhard Markowitsch, Rotwein-Ikone aus der Region Carnuntum, hat schlechte Laune – nicht nur, weil er wegen dem Regen die gut angelaufene Weinlese unterbrechen musste. Markowitsch ärgert sich über biodynamische Weinbau-Kollegen. Völlig überzogen würden sie mit dem Thema Bio im Weinbau umgehen, „schon fast sorglos und unverantwortlich“. Ein knappes Dutzend voll betreiben biodynamischen Weinbau zwar mit großer Sorgfalt, sagt er, aber andere Kollegen, die ihrem Weingarten jahrelang mit Kunstdünger unter die Arme gegriffen haben, wurden über Nacht zu Bioweinbauern und glauben, die einzig gültige Methode für naturnahen Weinbau gefunden zu haben. „So, als hätte man davor nie guten und natürlichen Wein gemacht“, murrt Markowitsch.

Derselben Meinung sind auch andere Winzer, Fritz Wieninger etwa: „Auch konventionelle Betriebe verwenden kein Gift in ihrer Produktion.“ Und Weinbau-Vordenker Josef Pöckl: „Ich brauche schon seit 20 Jahren keinen Kunstdünger mehr.“ Aber sich deswegen Biowinzer nennen, nein, das sei nicht sein Stil. „Mit der Natur sorgsam umzugehen, das ist das oberste Gebot für einen Winzer.“ Biomascherl braucht er keines. „Ob dann Bio auf der Flasche steht oder der Kunde einen Biowein haben will, ist für mich zweitrangig. Die Qualität zählt.“

Es gärt unter Österreichs Weinbauern. Immer mehr bezeichnen sich als „Biowinzer“. Ein Begriff, der in der aufkommenden Diskussion um die Verwendung von Eichenchips statt echter Barriques oder den intensiven Einsatz – gesetzlich zulässiger – chemischer Bearbeitungsmethoden für Abgrenzung sorgen soll. Doch der Bioboom geht noch weiter. Neben Biowinzern gibt es nun auch die biodynamischen. Und sie werden immer mehr. Die biodynamischen Weinbauern zählen zu den experimentierfreudigsten im Land. „Wir wollen bessere Trauben. Und wir hatten das Gefühl, dass uns konventionelles Wirtschaften nicht mehr weiterbringt. Der Einsatz von Technik im Weinbau ist ausgereizt, wir konzentrieren uns ganzheitlich auf ein natürliches Produkt“, erklärt Winzer Fred Loimer. Und er ist kein Einzelfall. „Wir zielen darauf ab, die Bodenqualität zu stärken, Leben im Boden anzuregen, wovon der Rebstock profitiert“, erklärt der Burgenländer Niki Moser, der sich seit dem Jahr 2000 mit der Methode befasst und 2005 seine 51 Hektar komplett auf Biodynamik umgestellt hat. „Biodynamiker gehen einen Schritt weiter als Biowinzer und vor allem traditionelle Winzer“, will sich Moser abheben.

Doch erst wenige Top-Winzer bauen ihr Marketing bereits auf Bio auf. Meist erfolgt der biologische Anbau noch ohne großen werbetechnischen Trommelwirbel. Auch deswegen, weil die Winzer selbst noch lernen und Erfahrungen sammeln. Doris Muhr, Expertin in Sachen Wein-Kommunikation, bezweifelt auch, dass der „Biotrend bei den Konsumenten wirklich ankommt“. Vielmehr ist es noch so, dass die Winzer fast geheim zu Biowinzern werden. Peu à peu wird diese Information zu den Konsumenten durchsickern. Wie auch Ludwig Köstler von der Vinothek St. Stephan in Wien feststellt, ist es momentan so, dass der Konsument heute bei vielen großartigen Weinen gar nicht weiß, dass es biologische Weine sind, weil es halt nirgends auf dem Etikett steht. Muhrs Fazit: „Biologisch zu arbeiten ist eine Philosophie und das Gegenteil von strategischem Marketing. Wer biologisch arbeitet, schenkt sein ganzes Vertrauen der Natur. Und die ist nicht mit Marketinginstrumenten steuerbar.“

Trotzdem wird immer öfter biologischer Wein den Weg ins Fass finden, einerlei, was dann auf der Flasche steht. Winzer Fritz Wieninger: „Es ist kein Modegag, sondern eine nachhaltige Entwicklung. Ein geschichtliches Ereignis, nicht reversibel. Biodynamik wird den Weltweinbau nachhaltig verändern.“

Etwas gelassener sieht Spitzenwinzer Josef Pöckl den Bioboom. „Die Winzer holen jetzt das auf, was ihre Vorgänger die letzten Jahrzehnte versäumt und vergeigt haben“, sagt Pöckl. „Das braucht Zeit, da darf man auch Fehler machen.“

Von Robert Kropf

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