Warum Arbeitslosigkeit gut ist

800.000 Österreicher werden im Jahr 2004 zumindest einmal arbeitslos sein.
Dass dies laut der entsprechenden Studie der Arbeiterkammer „jeder vierte Arbeitnehmer“ ist, sollte uns gleich einmal nachdenklich machen: Bei einer Bevölkerungszahl von acht Millionen sind nur zehn Prozent der Einwohner betroffen, aber zugleich 25 Prozent der Arbeitnehmer? Das heißt also, dass weniger als die Hälfte der Österreicher arbeitet oder Arbeit sucht. Heißt das vielleicht auch, dass die Ausbildung in Österreich verdammt lang dauert, dass das durchschnittliche Pensionsantrittsalter unglaublich niedrig ist, dass die Frauenerwerbsquote nicht wirklich Spitze ist?
Genau das heißt es.

Weil AK-Präsident Herbert Tumpel und ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch den Österreichern aber nicht einen durchaus legeren Umgang mit ihrer Lebenszeit vorwerfen wollten, sondern etwas ganz anderes im Sinn hatten, ziehen sie aus der Studie andere Schlüsse: Grosso modo trage die Bundesregierung Schuld an der Misere. Sie habe die Arbeitslosigkeit verursacht, und sie tue nichts dagegen.

Das ist eine kühne Behauptung und impliziert eine teure Forderung. Gegen den Kausalzusammenhang zwischen Regierungswechsel und Arbeitsmarkt spricht, dass die Arbeitslosigkeit europaweit und unabhängig von politischen Positionen gewachsen ist. (Eine Ausnahme bildet da allenfalls das rot-grün regierte Deutschland, freilich eine negative. Daher wird die Bundesrepublik den österreichischen Linken nicht als geeignetes Beispiel dienen können – den Rechten aber ebenso wenig, da die deutsche Krise praktisch komplett eine Folge der Wiedervereinigung ist.)

Kühn ist es auch zu glauben, dass Schwarz-Blau solche volkswirtschaftlichen Veränderungen in nur vier Jahren herbeiführen konnte. Das würde ja heißen, die Wende hätte tatsächlich in Form einer gewaltigen Bereinigung von Strukturschwächen stattgefunden, die nun eben ihre Opfer fordere. Ein derartiges Bild der Wende widerspricht aber der – vermutlich richtigen – Analyse der Opposition, der Kanzler und die FPÖ übten sich vor allem in Ankündigungspolitik.

Und schließlich: Eher teuer wäre es, den Vorschlägen der sozialdemokratischen Sozialpartner nachzukommen. AK und ÖGB sprechen von staatlichen Investitionen sowie Lohnsteuersenkungen. Dafür fehlt das Geld, und die Auswirkungen auf die Beschäftigungslage sind zweifelhaft.

Man kann aus der Tatsache, dass jeder vierte Österreicher heuer arbeitslos ist, aber auch völlig andere Schlüsse ziehen, nämlich positive. Zunächst einmal heißt das ja nur, dass viele Menschen 2004 ihren Job wechseln müssen und auch wieder eine neue Anstellung finden, da die Arbeitslosenrate ja nicht bei 25 Prozent, sondern unter zehn Prozent zu liegen kommt.

Angesichts des legendär verkrusteten und paralysierten österreichischen Arbeitsmarktes ist das eine geradezu glückliche Entwicklung: Wir sehen bereits ein Ende öder Lebensarbeitsverhältnisse herankommen; die Menschen werden sich weiterbilden und in einem Leben mehrere Professionen ausüben; die Unternehmen produzieren flexibel.

Etwas weniger euphorisch, aber weiterhin positiv: Die Österreicher sind nach Jahrzehnten staatlicher Arbeitsverteilung in der Realität angelangt. Denn Jobs werden nicht überall auf der Welt von einer geheimnisvollen höheren Macht zur freien Entnahme angeboten. Jobs sind kein Besitzstand, sondern ein gefährdetes Gut. Und die Entscheidung für eine Ausbildung hat weniger mit der Optimierung eines aktuellen Glücksgefühls zu tun als mit der Minimierung zukünftigen Leidens.

Schade nur: Jene Arbeitslosigkeit, von der AK und Gewerkschaften sprechen, ist nicht gerecht verteilt. Möglicherweise trifft sie sogar mehrheitlich die Falschen. Denn der öffentliche Sektor ist durch vertragliche und faktische Sicherungsmaßnahmen vor Arbeitslosigkeit gut geschützt. Ebensolches gilt für Staatsbetriebe wie die ÖBB. Ebensolches gilt für Gruppierungen mit sonderlichen Kollektivverträgen wie AUA und Banken.

Dass es jetzt die Falschen trifft, ist zu einem guten Teil das Ergebnis sozialpartnerschaftlicher Vereinbarungen der Vergangenheit. Mit schuld an der Situation, die sie beklagen, sind also jene, die sie nun beklagen.

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