Von 2007 für 2008 lernen

Der Jahreswechsel sieht Österreichs Spitzenkräfte intellektuell zerrüttet. Noch nie waren sie so verunsichert.

Dieser Essay ist ein Versuch, die Stimmung der Wirtschaftsspitzenkräfte aufgrund eigener Gespräche darzustellen. Die Versuchsanordnung ist weder besonders gut noch besonders schlecht. Meine Testgruppe umfasste 70 Prozent Manager, 29 Prozent Unternehmer und ein Prozent Politiker.
Gesprochen wurde mit den Veranstaltern und Teilnehmern von 25 Diskussionsabenden, die ich 2007 als Moderator oder Referent begleitete. Zugehört haben 4000 opinion leaders, mit mir geschwätzt nur 200. Das ist nicht viel. Auch fehlt meiner Auswertung jedes System. Ich greife auf reine Erinnerung und fallweise Notizen zurück.

Ein Vorteil mag darin liegen, dass ich die Stimmung der Wirtschaftsleute seit 1970, dem Geburtsjahr der Magazine trend und „profil“, verfolge. Die Ergebnisse können daher in eine Zeitreihe gestellt werden. Auch die persönliche Ermittlung, Auge in Auge, kann kein Schaden sein. So kommen auch Körpersprache und Glaubwürdigkeit zur Geltung.

Umfrage-Könige wie Werner Beutelmeyer (market), Wolfgang Bachmayer (OGM) und Fritz Karmasin (Gallup Österreich) werden fairerweise einräumen, dass es schon Umfrage-Schnellschüsse gab, die unter ungüns­tigeren Verhältnissen stattfanden und trotzdem von Österreichs Medien im Wege der Exegese wie die Bibel gelesen wurden.

Genug der Legitimation. Wie sahen die Freuden und Sorgen der Spitzenkräfte im Jahr 2007 aus? Erste elementare Antwort: Man hörte wenig Freude und viel Sorge. Genauer: So viel Kummer gab es seit Mitte der 1970er-Jahre nicht mehr. Damals überforderten eine intellektuelle Umstellung (von autoritärem auf demokratisches Management) und eine betriebswirtschaftliche Bedrohung (Explosion der Ölpreise, Kreditzinsen um 16 Prozent). Von diesen Extremen sind wir heute weit entfernt. Die Sorgen wirken dennoch größer, nur unschärfer und komplexer.

Haken wir vorerst die „Freuden“ ab. Sie gelten begrenzt für geniale, selbstbewusste Freiberufler und die Bosse von profitablen Betrieben, deren Produkte unangreifbar, unkopierbar und hochpreisig im Markt verankert sind. Selbst dort ist die Freude auf die höchste Ebene beschränkt. Schon das Mittelmanagement fürchtet sich, wie nächtliche Bar-Gespräche ergaben, vor „unfriendly takeovers“ (bei Kapitalgesellschaften) oder freiwilliges „High-Cash-Selling“ (bei Personengesellschaften).

Da sind wir schon mitten in den Sorgen. Seit dem Millennium, das Frohnaturen als „Wende zum ewig Hellen“ erhofften, legt sich eine kalte Tuchent der Unsicherheit über alles. Man erkennt dies an einer Verengung des Blickwinkels. Die meisten Mittel-Manager schieben universale Herausforderungen wie Umwelt, Terror, Religionskriege, Technologiebrüche, Börsenfieber oder das neue China vor sich her. Sie nehmen selbst die EU, das Land Österreich, ihre Branche oder ihre Firma kaum wahr. Nach fünf Minuten sprechen sie nur noch über sich selbst. Sie konzentrieren sich aufs eigene Überleben.

Erste Entdecker dieses Phänomens waren die trend-Chefredakteure Thomas Martinek und Reginald Benisch: „Immer mehr Führungskräfte glauben, heute doppelt so viel arbeiten zu müssen, um das gleiche Sicherheitsgefühl wie früher zu haben.“

In den 1990er-Jahren, als ich parallel zu Brigitte Ederer (damals Staatssekretärin, heute Siemens-Österreich-Chefin) für die EU warb, konnte man das Wiener Austria-Center noch mit 3000 Zusehern füllen. Heute geht das allenfalls mit dem Vortrag: „Wie ich in zwölf Schritten angstfrei reich und unsterblich werde.“

Weitere Ängste, die heute erkennbar werden: bei Jüngeren beispielsweise, dass sie einst erst mit 67 oder 70 ihre Pension kriegen, aber schon mit 50 unvermittelbar sein werden. Oder dass ihnen von praxisfremden Zentralen aufgetragen wird, gegen eine kleine Prämie ihre bewährten Teams auszubeuten.

Nationalökonomisch, also mit dem eigenen Land, sind die meisten zufrieden. Essenz: Wir sollten diesbezüglich nicht klagen. Jahrzehntelang hatten wir eine friedliche Ko­existenz von Kapital und Arbeit. „Leben und leben lassen“ hieß die Devise. Die Regierungen waren dabei nicht maßgeblich. Wichtiger war die zweite Regierung hinter dem Vorhang, die so genannten Sozialpartner. Die Vertreter der „Arbeit“ (Arbeiterkammer, Gewerkschaft) begriffen, dass Substanz geschaffen werden musste. Die Vertreter des „Kapitals“ (Wirtschaftskammer, Industriellenvereinigung) begriffen, dass man den Ertrag teilen sollte, erstens aus Fairness, zweitens aus Egoismus: Wenn die Bevölkerung kein Geld in der Tasche hat, sitzt die Industrie auf ihren Produkten.

Persönliche Einmischung: Jene zweite Regierung wäre auch heute noch die bessere. Markus Breyer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung, ist trotz seiner Jugend ein würdiger Nachfolger des legendären Vorgängers Herbert Krejci, der ein Evangelist für sozialen Frieden, Kontinuität und Augenmaß (und nebenbei ein glänzender Journalist) war. Und Christoph Leitl überbot seine Vorgänger als Wirtschaftskammer-Präsident gleich zweifach: Er schärfte seine Institution zum preiswerten Service-Monster für Unternehmer und blieb bis heute ein respektvoller und respektierter Gesprächspartner für Arbeiterkammer und Gewerkschaft. Dort wiederum fanden sich oft die besten Wirtschaftsforscher.

Da die Gewerkschaft aufgrund massiver Ethik-Verfehlungen ihrer Führer als Moralfaktor ausfiel und Chris­toph Leitl in der eigenen Partei nicht wirklich geliebt wird, zerfiel mein Traum, Österreich könnte von einer Wirtschafts-Vernunfts-Koalition geleitet werden. Wir wären damit die Nr. 1 Europas geworden. Wir hätten auch die Schweiz überholt, die ohnehin nicht so toll ist, wie alle glauben. Sie müsste nach zwei Nicht-Kriegen viel weiter sein, als sie ist. Und ihr Swiss­air-Debakel ist schlimmer als unser Konsum.
Die derzeitige, in Summe untüchtige und zerstrittene Koalition macht uns anfällig für jene Ängste, die mit einem Aufleben alter Klassenkämpfe zu tun haben. Schon brennen manche Städte wieder. Streiks leben auf. Links und rechts werden wieder wichtiger als die Mitte. Die Irregeleiteten kehren zurück. Auch in der Privatwirtschaft werden nur noch die Kos­ten und Löhne gesenkt, die Armen noch ärmer gemacht und die Begabten verscheucht, für kurzfristige Jahres-Gewinn-Bilanzen, als brauche eine Volkswirtschaft nicht sehr viel mehr. Dies war auch eine der größten Sorgen, die in den 25 Diskussionsveranstaltungen zur Sprache kamen, und umso dringlicher, je später der Abend wurde.

Fazit für 2008: Hoffnung kostet nichts. Hoffen wir also auf eine Erleuchtung unserer Politiker und einen Big Deal, wie ihn einst der beste Wirtschaftsjournalist Österreichs, Prof. Horst Knapp, forderte. Er entzündete jene Sozialpartnerschaft, deren ferne Glut uns noch heute wärmt.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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