'Vom Jäger zum Gejagten'

Vor drei Jahren kaperten die beiden Wiener Investoren Ronny Pecik und Georg Stumpf den Schweizer Weltkonzern Oerlikon. Jetzt verloren sie selbst das Match um den Konzern gegen den trickreichen russischen Oligarchen Viktor Vekselberg. Ein diskreter Blick hinter die Kulissen von Milliardendeals.

Der Stoff wäre spannend genug für einen Hollywood-Thriller, hätte aber kaum Aussicht auf Verfilmung: zu unwahrscheinlich der Plot, zu haarsträubend die Details. Erstes Kapitel: „Versuche das Unmögliche“. Ein Schulversager, ein Musterschüler und ein Ex-Diskothekenbesitzer machen sich auf, um einen Schweizer Weltkonzern unter ihre Kontrolle zu bringen. Das Kunststück gelingt tatsächlich, aber am Ende ist ein russischer Oligarch der lachende Sieger.

Vor drei Jahren übernahm die österreichische Beteiligungsfirma Victory den Schweizer Traditionskonzern Oerlikon, der damals kurzzeitig Unaxis hieß, nach einer erbitterten und trickreichen Schlacht mit den früheren Eignern, der Schweizer Großindustriellenfamilie Anda-Bührle. Mit einem Kredit von einer Milliarde Euro in der Tasche kaperte der ehemalige Starkstromelektriker und spätere Investmentbanker Ronny Pecik gemeinsam mit dem Bauunternehmersohn Georg Stumpf, der sein WU-Studium in nur vier Semestern absolviert und schon mit 29 an die 200 Millionen Euro verdient hatte, sowie mit dem umstrittenen Industriellen und Ex-Diskobetreiber Mirko Kovats die Oerlikon AG bei Zürich, auf deren Konten an die 800 Millionen Franken Cash lagerten.

Pecik, 46, und Stumpf, 35, überwarfen sich bald mit ihrem allzu ruppigen Kompagnon Kovats und bastelten an ihrer eleganten ­Vision eines europäischen Großkonzerns. Schritt für Schritt: Der Textilmaschinenkonzern Saurer wurde alsbald von Oerlikon übernommen, Pecik und Stumpf kauften sich über ihre Wiener Beteiligungsfirma Victory bei den Schweizer Unternehmen Ascom und Sulzer ein, und sie übernahmen den deutschen Chipfabrikenbauer M&W Zander zur Gänze.

Die Schweiz sah sich im Würgegriff von bösen österreichischen Heuschrecken und verabschiedete eine eigene Lex Pecik, die den heimlichen Erwerb von Optionen erschwert, um das listige Anschleichen an Schweizer Firmen zu unterbinden. Tatsächlich erwiesen sich Stumpf und Pecik aber nicht als Abräumer, sondern eher als Aufräumer, wie selbst die Schweizer „Weltwoche“ schrieb. In nur drei Jahren steigerten sie den Umsatz bei Oerlikon von 1,8 Milliarden auf 5,63 Milliarden Franken und machten aus einem Verlust von 378 Millionen einen Gewinn von 319 Millionen Franken (EBIT: 496 Millionen Franken). Der Börsenkurs stieg trotz Absturz im Zuge der weltweiten Finanzkrise in Summe um rund 250 Prozent.

Wir kommen zum zweiten Kapitel der Story, nennen wir es „Eine gefährliche Liaison“. Obwohl 19 Banken die Deals des Wiener Investorenduos bereitwillig finanzierten – allein Oerlikon erhielt einen Kredit in Höhe von 2,5 Milliarden Franken –, suchten Pecik und Stumpf nach einem finanzstarken Partner. Sie fanden ihn in Person des russischen Oligarchen Viktor Feliksovich Vekselberg, der unter anderem den drittgrößten russischen Ölkonzern Tyumen Oil und den zweitgrößten russischen Aluminiumkonzern Sual kontrolliert. Der jüdische Selfmade-Milliardär Vekselberg – geschätztes Vermögen zwölf Milliarden Dollar – lebt inzwischen in Zürich und will einen Teil seines Vermögens in der sicheren Schweiz investieren, wo er, obzwar Großaktionär Schweizer Firmen, im Übrigen null Steuern zahlt, weil er sich dort bescheidenerweise keinen Lohn auszahlen lässt.

Bereitwillig überließen Stumpf und Pecik im Vorjahr dem russischen Milliardär rund 14 Prozent ihres 48-Prozent-Oerlikon-Aktienpakets zu äußerst günstigen Konditionen – unter dem Marktwert. Am Ende freilich führte die Russian Connection die beiden Österreicher in einen zähen Kampf um die Kontrolle des Oerlikon-Konzerns, den sie am Ende verloren. Viktor Vekselbergs Renova Industries Ltd. hält jetzt 39,5 Prozent an Oerlikon, die Wiener Victory AG hingegen nur mehr 13,5 Prozent. Georg Stumpf, der bislang als oberster Konzernlenker bei Oerlikon agierte, musste seinen Hut nehmen.

Unterm Strich haben Stumpf und Pecik freilich dennoch ein extrem lukratives Geschäft gemacht, auch wenn ihr Traum von der Führung eines europäischen Großkonzerns geplatzt ist. Insgesamt lukrierten die beiden rund 2,4 Milliarden Franken aus Erlösen durch Aktienverkäufe an Vekselberg, denen Aufwände von rund 700 Millionen Franken gegenüberstanden. Die beiden Herren dürften jetzt also um rund eine Milliarde Euro reicher sein als vor Beginn ihres Schweizer Abenteuers. Peciks und Stumpfs Wiener Victory AG verfügt derzeit über ein Eigenkapital von 1,7 Milliarden Euro bei Bankverbindlichkeiten in Höhe von 435 Millionen Franken. Das wichtigste Asset der beiden ist jetzt der Stuttgarter Technologiekonzern M&W Zander, ein Unternehmen mit 8000 Mitarbeitern (2,4 Milliarden Euro Jahresumsatz), das u. a. Chipfabriken baut.

Das führt uns zu Kapitel drei, nennen wir es „Gorillas in Acapulco“. Die Zander AG spielt darin die Rolle eines hilflosen Spielballs im Kampf diverser Heuschrecken. Der Zander-Krimi beginnt 1989, als das ehemalige DDR-Kombinat Carl Zeiss Optik privatisiert und in Jenoptik umgetauft wird. Als Firmenchef wird der westdeutsche Ex-Ministerpräsident Lothar Späth bestellt, dessen alte Verbindungen umfangreiche Subventionen sprießen lassen und der mit dem Geld eher erfolglos eine Firma nach der anderen zukauft. Als ein Börsengang Ende 2005 scheitert, verkauft Jenoptik seine Anlagenbausparte, die Stuttgarter Firma M&W Zander, und zwar an eine Schweizer Heuschrecke namens Springwater mit Sitz in Genf. Dahinter steckt ein windiger Investor, der deutsche Ex-Banker Martin Gruschka, der mit der Enkelin des Medienzaren Hubert Burda verheiratet ist. Der Kaufpreis für die Zander AG beträgt auf dem Papier 350 Millionen Euro, real gezahlt werden müssen aber nach allerlei buchhalterischen Tricks nur 150 Millionen Euro. Dennoch gibt es ein kleines Problem. Der vermeintlich reiche Investor Gruschka hat so gut wie überhaupt kein eigenes Geld und holt sich deshalb eine weitere Heuschrecke zu Hilfe, den in der Branche als „der Zerleger“ bekannten Florian Homm, einen skrupellosen Ex-Banker, der als nicht zimperlich gilt. Homm, groß, dicke Zigarre, Herrensitz auf Mallorca, überweist rund 48 Millionen Euro als Einstiegspreis, erkennt dann aber, dass sein „Partner“ Gruschka ­eigentlich kein Geld hat und sogar Homms Firmenanteil als Kreditbesicherung verwendet wurde. Daraufhin – so Gerüchte von Insidern – habe Homm zwei muskelstarke Gorillas nach Acapulco geschickt, wo Martin Gruschka gerade urlaubte. Angeblich hätten die zwei gut trainierten Herren Gruschka sehr nah zu den Klippen geführt, um ihm die Regeln einer Partnerschaft zu erklären.

Einige Kapitel später , die wir jetzt überblättern, im April des Vorjahres, übernehmen Pecik und Stumpf von Herrn Gruschka hundert Prozent – wie sie glauben – der M&W Zander AG und überweisen hundert Millionen Euro. Als der Deal nach einer kartellrechtlichen Prüfung im Herbst finalisiert werden soll, stellt sich heraus, dass nicht alles verkauft wurde. In der Schweiz nämlich gibt es bei einer Treuhandfirma, die Martin Gruschka gehört, eine winzige Komplementär-GmbH der Zander AG mit einem Eigenkapital von lächerlichen 100 Euro. Doch dadurch könnte der gesamte Deal rechtsunwirksam werden. Peciks und Stumpfs Banken, die den Deal finanziert haben, werden extrem nervös. Martin Gruschka hingegen gibt sich großzügig und bietet die Mini-GmbH für kolportierte sechzig Millionen Euro zum Kauf. Böswillige Menschen könnten so etwas Erpressung nennen. Wir distanzieren uns natürlich.

Kommen wir zum Schlusskapitel, nennen wir es „Der große Coup scheitert“. Im März dieses Jahres wird ein angeblicher Plan ruchbar, dass Stumpf und Pecik die Facility-Engineering-Sparte der Zander AG für angeblich eine Milliarde Euro an die börsennotierte Schweizer Oerlikon AG verkaufen wollen. Der angebliche Coup löst Empörung aus, wird dementiert und abgeblasen. Zufällig kauft Viktor Vekselberg, der jetzt ein wenig böse auf Pecik und Stumpf ist, bald darauf heimlich ein weiteres Oerlikon-Aktienpaket von der Deutschen Bank: der Beginn eines zähen Ringens um die Kontrolle des Oerlikon-Konzerns, das jetzt mit Vekselbergs Machtübernahme bei dem Schweizer Traditionskonzern endete. Am 13. Mai bei der Hauptversammlung am idyllischen Vierwaldstättersee dankten Vekselbergs neue Oerlikon-Manager dem scheidenden Oerlikon-Boss Georg Stumpf artig seine Leistungen. ­Viktor Vekselberg hatte leider keine Zeit und erschien erst gar nicht. ­Pecik und Stumpf sind um eine Milliarde reicher, und ach ja, Martin Gruschka und Florian Homm sind angeblich pleite. Ihr Schlusskapitel trägt einen amerikanischen Titel: „Chapter 11“.

Von Karl Riffert

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