Vernunft und Börse

Die Industrienationen wollen die Schuld der Spekulanten am hohen Ölpreis herausfinden. Aber – hat der Markt nicht immer Recht? Von Franz C. Bauer

Menschen sind vernunftbegabte Wesen. Zwar nährt ein Blick in die Vergangenheit leise Zweifel an dieser Behauptung, doch immerhin zeigten schon einige Exemplare der Gattung Homo sapiens, dass man die offenbar vorhandene Vernunft immerhin benutzen kann – wenngleich sich eine Mehrheit damit abmüht zu demonstrieren, dass man das nicht notwendigerweise tun muss. Betrüblicherweise gibt’s dann da aber auch noch die Evolution, und da ist die Vernunft nur ein Nebenprodukt. Einige hunderttausend Jahre Überlebenskampf mit der Keule in der Hand haben unübersehbare Spuren hinterlassen, deren Beseitigung uns bis heute offenbar überfordert. „Niedere“ Triebe wie Angst und Gier, Fluchtinstinkt und Aggression bestimmen als unsichtbare Metaprogramme alltägliche Handlungen und liefern dort der Vernunft einen steten Kampf. Sehr oft gerät diese dabei in einen verhängnisvollen Hinterhalt.

Zum Beispiel an den Börsen. In einem einmütigen Appell forderten die G81) Mitte Juni von den erdölproduzierenden Ländern, diese mögen die Auswirkungen der Spekulation auf den Ölpreis untersuchen. Politiker und Konsumentenschützer machen ja das unselige Treiben raffgieriger Spekulanten zumindest für einen Teil der aktuellen Ölpreishausse verantwortlich. Kommentatoren, die brav an die unfehlbaren Entscheidungen des Marktes glauben – an irgendetwas muss man ja schließlich glauben –, halten dagegen, dass die Preisfindung an Aktien- und Warenbörsen durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird und es daher weder einen „falschen“ noch einen durch Spekulanten hochgetriebenen Preis geben könne.
Das ist natürlich naiver Unsinn. Tatsächlich gibt es nur an physischen – also wirklich existierenden – Märkten einen Preis, der durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Wer eine Ware kaufen will, muss diese bezahlen und mit heimnehmen. Hier bildet sich tatsächlich ein „richtiger“ Preis im Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage.

So funktionieren aber weder Aktien- noch Warenbörsen. Diese ermöglichen zusätzlich zur „echten“ Nachfrage (durch jene, die eine Ware oder eine Aktie tatsächlich besitzen oder benutzen wollen) auch noch eine „künstliche“ Nachfrage. Die­se schleusen Finanzkonstruktionen mit dem verräterischen Namen „Futures“ in den Markt – Verträge, die auf künftigen Preiserwartungen beruhen. Dabei muss niemand den tatsächlichen Preis bezahlen, sondern es genügt eine Art „Anzahlung“. Auch lagern muss der „Käufer“ die Ware nicht.

Mit dem Eintritt der „künstlichen“ Nachfrage in den Markt öffnen sich aber auch die Türen für Spekulanten. Während ein Stahlkonzern, eine Airline, ein Nahrungsmittelkonzern seinen Bedarf an Stahl, Erdöl oder Weizen gemäß seiner Produktions- oder Flug­pläne einschätzt und dem entsprechende Orders platziert, orientieren sich die Orders der „Spekulanten“ – bezeichnen wir vereinfachend alle jene, die etwas kaufen, was sie gar nicht brauchen, aber damit verdienen wollen, als solche – an den erwarteten Preisbewegungen.
Da hier nicht mehr ein realer Bedarf, sondern Zukunftserwartungen das Handeln bestimmen, schaltet sich die Evolution ein: Angst und Gier nehmen ihren alten Kampf mit der Vernunft auf. Wird der Ölpreis weiter steigen? Vollgas hinein in den Markt. Fällt er vielleicht bald? In Panik raus, bevor die anderen auch draufkommen. So entstehen die erratischen Auf- und Abwärtszacken an den Märkten. Die Spur der Vernunft entspricht hingegen den langfristigen Trends. Bei einer Betrachtung über einige Monate übertönt der Lärm der kurzfristigen Ausschläge oft den langfristigen Trend im Hintergrund. Doch dieser gibt auf lange Sicht die Richtung vor – was immerhin kurzfristig die Autofahrer und langfristig die Aktionäre hoffen lässt. l

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